Kegeln

Von Blau-Weiß Bad Kösen in die Champions League

„Mücken“ stechen wieder zu: Naumburgerin Friederike Schulz wird mit dem SV Pöllwitz erneut Deutscher Vizemeister.

Von Torsten Kühl Aktualisiert: 21.05.2022, 11:30
Die Frauen des SV Pöllwitz mit der Naumburgerin Friederike Schulz (geborene Pfeffer/hinten links) sind Deutscher Vizemeister im Kegeln geworden.
Die Frauen des SV Pöllwitz mit der Naumburgerin Friederike Schulz (geborene Pfeffer/hinten links) sind Deutscher Vizemeister im Kegeln geworden. (Foto: Verein)

Zeulenroda - Der Sportplatz und die Gaststätte im thüringischen 630-Seelen-Dorf Pöllwitz heißen „Mücke“. Wahrscheinlich, weil wegen der zahlreichen Teiche in der Nähe so viele der kleinen Quälgeister dort umherschwirren. Wie dem auch sei, die Keglerinnen des ortsansässigen SV haben sich diesen lokalen Bezug zu eigen gemacht und nennen sich „Die Mücken“. Und als solche haben sie jetzt wieder zugestochen, der Konkurrenz in der 1. Bundesliga der Frauen das Fürchten gelehrt und nur zwei Punkte hinter Serienmeister Victoria Bamberg den zweiten Platz im deutschen Oberhaus belegt.

Glück in Thüringen gefunden

„Damit haben wir bewiesen, dass unser Silberrang von 2018 keine Eintagsfliege war“, erzählt Friederike Schulz. Die 34-jährige Naumburgerin ist vom Punkteschnitt nach Nationalspielerin Anna Müller, die jetzt in Estland um den WM-Titel im Einzel spielt, die zweitbeste Keglerin im Pöllwitzer Team und die Sechstbeste der gesamten Bundesliga. Nach Thüringen verschlagen hat es die Tochter der hierzulande sehr bekannten Trainerin und Landesligaspielerin der SG Blau-Weiß Bad Kösen, Ilka Pfeffer, 2015 des Berufs und auch der Liebe wegen.

Die Marketing-Managerin der Firma Bauerfeind hat in Zeulenroda, wo die Pöllwitzerinnen ihre Heimspiele auf einer modernen Bahnanlage austragen, ihr Glück gefunden. „Wir sind eine sehr sportliche Familie. Mein Mann Toni ist Sportlehrer und in seiner Freizeit leidenschaftlicher Fußballer. Er spielt für den FC Motor Zeulenroda, muss aber verletzungsbedingt immer mal wieder pausieren“, berichtet die erfolgreiche Keglerin, die vor acht Monaten zum zweiten Mal Mutter geworden ist. Der inzwischen vierjährige Carlos - er ist nach dem kolumbianischen Fußballer Carlos Valderrama (der eine ähnlich wilde Mähne hat wie die gebürtige Naumburgerin) benannt - hat mit Mika ein Brüderchen bekommen. Die durchtrainierte Mutti, die sich neben dem zweimaligen wöchentlichen Training auf der Kegelbahn noch mit Leichtathletik und Fußball fit hält, ist nach der Geburt ihrer beiden Kinder jeweils relativ früh wieder ihrer sportlichen Leidenschaft nachgegangen - mit großem Erfolg, wie das fantastische Abschneiden der „Mücken“ in der Bundesliga und Schulz’ großer Anteil daran beweisen.

Wir sind eine reine Hobbytruppe, die nur aus jungen Keglerinnen aus Mitteldeutschland besteht

Friederike Schulz

Am vergangenen Wochenende haben die Pöllwitzerinnen mit Heimsiegen gegen Lorsch-Bensheim (8:0) und Pirmasens (6:2) die Saison im Stile eines Spitzenteams abgeschlossen. Im Endklassement liegen sie mit 26:6 Punkten nur ganz knapp hinter Meister Bamberg (28:4). Was überwiegt nun bei Friederike Schulz und ihren Teamkolleginnen: die Freude über die Silbermedaille oder die Enttäuschung, den ganz großen Wurf verpasst zu haben? „Ganz klar: die Freude. Schließlich sind wir eine reine Hobbytruppe, die nur aus jungen Keglerinnen aus Mitteldeutschland besteht, während sich manche Konkurrenten auch schon mal Weltklasse-Spielerinnen aus Kroatien oder Serbien in ihre Mannschaft holen“, sagt die frisch gebackene Vizemeisterin.

Der silberne Beweis: Nach 2018 haben die Thüringerinnen zum zweiten Mal den zweiten Platz belegt.
Der silberne Beweis: Nach 2018 haben die Thüringerinnen zum zweiten Mal den zweiten Platz belegt.
(Foto: Verein)

„Andererseits muss man auch ganz ehrlich sagen, dass es wohl noch nie so möglich war, den Titel zu holen, wie in dieser Saison, denn auch Bamberg hatte einige Personalsorgen und war eigentlich nur auf sieben der acht Positionen top-besetzt“, ergänzt die Wahl-Thüringerin, die zunächst lange Jahre erfolgreich für ihren Heimatverein Blau-Weiß Bad Kösen angetreten ist und auch schon ein Länderspiel in ihren Meriten stehen hat. Man habe Bamberg zu Hause bezwingen können und dort nur hauchdünn mit 3:5 verloren. Ein 4:4 war greifbar nahe und hätte den Titelkampf noch spannender gemacht.

Versüßt wird den Pöllwitzer „Mücken“ die erneute Vizemeisterschaft indes nicht nur mit der Teilnahme an der Champions League, in der es wie im Fußball zunächst eine Gruppenphase geben wird, sondern auch mit der zusätzlichen Qualifikation für den Europapokal, der im Oktober in Turnierform in München ausgetragen wird. Meister Bamberg spielt ebenfalls in der Champions League, aber auch noch um den Weltpokal.

Arbeitgeber ist auch Sponsor

Bundesliga-Spitze, internationales Geschäft - in anderen Sportarten würde Friederike Schulz sicher gutes Geld verdienen können. „Im Kegeln sieht das aber anders aus. Wir bekommen nichts, machen das aber trotzdem mit viel Herzblut - weil wir eine tolle Truppe haben und weil auch die Region voll hinter uns steht“, sagt sie. Das Team habe viele Fans, die privat ebenso spenden wie Handwerksbetriebe aus der Umgebung. „Damit kommen wir gut hin, zumal für den Transport mein Arbeitgeber aufkommt. Da ist es günstig, dass ich in der Firma für Sponsoring-Maßnahmen verantwortlich bin“, ergänzt Friederike Schulz augenzwinkernd. „Für die teilweise ziemlich weiten Fahrten zu den Auswärtsspielen entstehen uns also keine Kosten. Wenn wir dann doch mal übernachten müssen, bekommen wir das auch immer irgendwie geregelt.“