Wie viele andere Naumburger erinnert sich Uwe Binas, wie er am Linsenberg schöne Stunden verbrachte

Saunagänger wird Bauherr

Unternehmer will nach dem Abriss der Schwimmhalle dort drei Mehrgeschosser errichten.

Von Harald Boltze 23.09.2021, 09:20
Da steht kein Pferd auf dem Flur, sondern ein Bagger im Schwimmbecken. Von der Halle am Naumburger Linsenberg ist kaum noch etwas übrig.
Da steht kein Pferd auf dem Flur, sondern ein Bagger im Schwimmbecken. Von der Halle am Naumburger Linsenberg ist kaum noch etwas übrig. (Foto: Torsten Biel)

Naumburg - Die beheizte Sitzbank aus Stein, die den Schwimmer- vom Nichtschwimmerbereich trennte. Das Wandmosaik. Das Wellendach. Die großen Grünpflanzen hinter den fünf Startblöcken. Ein jeder wird ein anderes Bild im Kopf haben, wenn er an die Naumburger Schwimmhalle am Linsenberg zurückdenkt. Nun wird sie gerade abgerissen (wir berichteten).

Von der Zeit vor der Eröffnung am 5. Oktober 1974 weiß Jochen Hilgenberg (siehe unten) zu erzählen. Andere Naumburger, die per Mail oder Facebook ihre Gedanken beitrugen, erinnern sich vor allem an Momente ihrer Kindheit. So schreibt Petra Schüler: „Ich lernte dort schwimmen und auch den Saunabesuch schätzen. Nach dem Schwimmbad fuhren wir fast immer in den Hallescher Anger und aßen leckere Krautrouladen oder andere schmackhafte Speisen.“

Christiane Sommer schrieb: „Unsere erste Badewanne zu Hause bekamen wir erst 1987. Also ging ich immer ins Wannenbad in die Schwimmhalle. Natürlich auch zum Schwimmen. Als mein Sohn geboren war, fand dort Babyschwimmen statt, den Kurs gab damals Frau Draht.“ Frank Schoder hat indes das Karpfentauchen an Silvester „als riesige Gaudi“ in Erinnerung, und Victoria Stolze denkt mit Freude an die „besten Pommes in der Waffeltüte“ nach dem Training zurück.

Mit dem markanten Wellendach war die Schwimmhalle zu DDR-Zeiten und noch in den 90er-Jahren ein beliebter Freizeitort für die Naumburger.
Mit dem markanten Wellendach war die Schwimmhalle zu DDR-Zeiten und noch in den 90er-Jahren ein beliebter Freizeitort für die Naumburger.
(Foto: Torsten Biel)

Auch Uwe Binas erinnert sich gern an die alte Schwimmhalle. „Im Winter sind wir mit der Familie jeden Sonntag in der Sauna gewesen“, erzählt der neue Besitzer des Grundstücks. Mit seiner in Freyburg ansässigen Binas Bau GmbH hat er den Abriss des maroden Gebäudes, der in ein, zwei Wochen abgeschlossen sein soll, veranlasst. In den kommenden 18 Monaten, so teilte Binas gegenüber Tageblatt/MZ mit, werden 33 Wohnungen, verteilt auf drei Dreigeschosser, entstehen, für ein modernes und barrierefreies Leben. Die Startblöcke habe man gesichert, um sie als Erinnerung aufzustellen.

Binas, der mit einem Partner derzeit auch das ehemalige JVA-Gelände entwickelt, ist nicht der Erste, der mit dem Areal geliebäugelt hat. Doch alle anderen Interessenten sprangen seit dem Jahr 2001, als die Schwimmhalle durch die Errichtung des Bulabana geschlossen wurde, ab. Für ein Mindestgebot von 60.000 Euro offerierte die Stadt die Immobilie vor fünf Jahren bei einer Versteigerung. Mit kaputtem Dach, Schimmel an den Wänden und der alten, schrottreifen Technik war es aber in einer Stadt, die über ein modernes Bad verfügt, auch da schon nur um den Abriss gegangen.

Apropos Bulabana: Hört man sich um, hat das Freizeitbad am Flemminger Weg noch nicht annähernd die Sympathiewerte der „alten Schwimmhalle“ erreichen können. Man fragt sich, warum: An Ausstattung und Komfort kann es nicht liegen. Geben also Nostalgie und schöne Kindheitserinnerungen den Ausschlag? Oder der Unterschied der Eintrittspreise?

Auch wenn der Autor dieses Beitrags die krasse Glorifizierung des Alten und die abschätzige Haltung zum Neuen nicht versteht, so besitze auch ich eine persönliche Erinnerung an den Linsenberg. An 1989 und das Schwimmtraining immer montags, das nur im ersten Jahr Freude bereitete (zwei Jahre später sollte ich feststellen, dass Fußball bei halbem Kraftaufwand viel mehr fetzt). Jedenfalls wurde ich zum Wendegewinner - politisch-gesellschaftlich sowieso, aber als montags die Demos angesetzt waren, fiel auch das Schwimmtraining aus. Um die vier Bahnen „Rücken mit Brett“ war es mir nicht schade.

Das Wasser ist  abgelassen, aber der äußerliche EIndruck noch okay: Ein Bild aus dem Jahr 2008. Anschließend schlugen  Schimmel und Zerfall immer mehr zu.
Das Wasser ist abgelassen, aber der äußerliche EIndruck noch okay: Ein Bild aus dem Jahr 2008. Anschließend schlugen Schimmel und Zerfall immer mehr zu.
(Foto: Torsten Biel)

Erinnerungen an den Anfang

Jochen Hilgenberg aus Naumburg erinnert sich an die Schwimmhalle am Linsenberg wie folgt:

„Die Baugrube für den Neubau der Schwimmhalle war ausgehoben. Man hatte auf der Baugrubensohle eine Ecke aus Betonsteinen gemauert, als Vorbereitung für die Grundsteinlegung. Dort feierte man diese dann im Beisein der Naumburger Politprominenz aus dem ’Haus des Volkes’ und dem Naumburger Rathaus mit Lobreden. In der Freude über den vollzogenen Baustart fiel offensichtlich niemandem auf, dass man auf Asche stand.

Erst nachdem die Feierlichkeit zu Ende war, sich die Prominenz wieder entfernt hatte, wunderte sich ein Bauarbeiter darüber, dass in der Baugrubensohle neben dem Grundstein Porzellanscherben lagen und dass die Sohle so uneinheitlich grau, braun und schwarz aussah. Er stutzte und informierte die Bauleitung. Diese rief beim Chef des VEB Baugrund Naumburg an. Eine Baugrunduntersuchung des Baustandortes hatte es bisher nicht gegeben.

Ich arbeitete damals im VEB Baugrund als Baugrundingenieur und wurde beauftragt, die Baugrube umgehend in Augenschein zu nehmen. Gesagt, getan. Das Ergebnis der Besichtigung: Die Baugrubensohle bestand nur zu einem Drittel aus gewachsenem Terrassenschotter eiszeitlichen Alters, im Übrigen aber aus Hausmüll. Die Bauarbeiten wurden eingestellt. Das Ergebnis der nun folgenden Erkundungsbohrungen: Im überwiegenden Teil des Schwimmhallengrundrisses lag eine mehrere Meter dicke Hausmüllauffüllung. Diese war als Gründungsboden für eine Schwimmhalle völlig ungeeignet. Da eine Spezialgründung zum Durchfahren des Mülls damals und in der Kürze der Zeit ausgeschlossen war, kam nur ein Bodenaustausch infrage. Der Müll musste durch geeigneten Boden ersetzt werden. Es musste ein sogenanntes Kiespolster gebaut werden. Der Grundstein wurde wieder entfernt, diesmal allerdings ohne Politprominenz. Der Müll wurde ausgebaggert und durch Kies ersetzt.

In der Naumburger Presse, der LDZ, wurde von diesen unvorstellbaren Problemen damals jedoch nichts berichtet, stattdessen aber vom raschen Fortschritt beim Bau der Schwimmhalle. Ein in der Zeitung veröffentlichtes Foto zeigte einen riesigen Berg von Aushubboden, der das belegen sollte. Auf dem Kiespolster wurde dann die Schwimmhalle gebaut, Schäden am Tragwerk sind mir nicht bekannt geworden, es gab wohl nur Probleme mit abreißenden Kellerlichtschächten, deren Gründung offenbar nicht auf dem Kiespolster erfolgt war.

Noch ein Hinweis an die Investoren: Nehmen Sie meine Erinnerungen zum Anlass für eine gründliche Baugrunduntersuchung. Der Standort liegt in einem Bereich, in dem zur Zeit des großen Bauaufschwungs um und nach der Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert Kies und Sand in vielen Gruben gewonnen wurde. Diese Gruben wurden anschließend mit dem städtischen Hausmüll verfüllt. Nachweise über die Lage der alten Gruben existieren meines Wissens nicht.“