Kunst in Großjena

Die andere Seite Klingers

Der Museumsverein Naumburg zeigt im Max-Klinger-Haus unter dem Titel „Weinbergidyll“ Aquarelle des in Leipzig geborenen Künstlers. Was sie über die Baugenese verraten.

Von Jana Kainz
Das Max-Klinger-Haus in Großjena hat wieder geöffnet und zeigt die Sonderausstellung "Weinbergidyll".
Das Max-Klinger-Haus in Großjena hat wieder geöffnet und zeigt die Sonderausstellung "Weinbergidyll". Foto: Torsten Biel

Großjena - Wie Max Klinger die Landschaft von seinem Großjenaer Weinberg aus sah, ist in einer kleinen, aber feinen Sonderschau nachzuempfinden, die seit vergangenem Wochenende im Max-Klinger-Haus in Großjena zu sehen ist. „Weinbergidyll. Max Klinger und die Landschaft an Saale und Unstrut“ heißt die von Kunsthistorikerin Conny Dietrich kuratierte Schau, die den Blick nicht nur auf die klingersche Landschaftsbetrachtung richtet, sondern auch auf eine andere, bislang kaum beachtete künstlerische Seite des gebürtigen Leipzigers: Klinger als Aquarellmaler.

„Zu Pandemiezeiten, als man nicht raus konnte, da dachte ich, man sollte mal etwas Schönes machen, etwas für die Seele“, erklärt Conny Dietrich, die bereits mehrfach für das Max-Klinger-Haus Sonderschauen organisiert und gestaltet hat, warum sie auf Klingers Landschaftsmalerei in Aquarell als Ausstellungsidee verfallen war. In ihrer Arbeit, seit 25 Jahren forscht und arbeitet die Jenaerin zu Max Klinger, war sie auf kleine Aquarelle gestoßen, die von dem Künstler stammen. Aus diversen Ausstellungskatalogen sowie Hinweisen und Zitaten ging hervor, dass der Künstler auf seinem Weinberg und in der Umgebung 20 Aquarelle gemalt haben muss. „Nur noch sechs oder sieben sind nachweisbar als Bild da“, betont sie. Aquarelle im Original zu zeigen, sei wegen deren Lichtempfindlichkeit besonders problematisch. Deshalb und weil sich Leihgeber nicht gern ein halbes Jahr von ihrem Kunstwerk trennen, werden den Besuchern im Klinger-Haus hochwertige Faksimiles präsentiert. „Das ist normal und richtig, dass man das tut, um die Originale zu schützen“, sagt die Kuratorin.

Interessant sei, meint sie, dass vor allem die vier Faksimiles, drei stammen aus dem Museum der Bildenden Künste Berlin und das vierte aus der Kunstsammlung Chemnitz, zeigen, dass die Baugenese auf dem von Klinger 1903 erworbenen Weinberg früher eingesetzt hatte, als man bisher angenommen hat. Auf den Aquarellen von 1906 sieht das Klinger-Haus bereits so aus, wie wir es kennen. Bisher datierte man den Umbau auf das Jahr 1909.

Das historische  Foto zeigt jene Kirschallee,  die Max Klinger  zum Motiv wählte.
Das historische Foto zeigt jene Kirschallee, die Max Klinger zum Motiv wählte.
Foto/Repro: Torsten Biel

Aufmerksam macht die Kuratorin auf zwei unter Glas ausgestellte Zeitschriften aus den 1940er-Jahren, in denen sie ebenfalls Klinger-Aquarelle gefunden hat. So ist in der „Jugend. Münchener illustrierte Wochenzeitschrift für Kunst und Leben“ ein Aquarell zu sehen, das den Blick von Klingers Atelier auf „dessen Besitztum“ im Jahr 1906 zeigt. Dem stellt sie je eine historische Fotografie über, um zu verdeutlichen, wie nah Klinger an der Realität war, oder wie er künstlerisch die ihn beeindruckende Saale-Unstrut-Landschaft verarbeitete. Und gemalt habe er die Aquarelle, da ist sich Conny Dietrich sicher, hauptsächlich auf dem Weinberg. Daheim in Leipzig habe er sich der Ölmalerei gewidmet. Davon zeugen auch weitere Exponate wie jenes, das den Namen „Kirschallee“ trägt und 1906 als Aquarell und ein Jahr später als extrem querformatiges Ölgemälde entstanden ist - vermutlich als Auftragswerk des benachbarten Hausarztes. Diese Allee hat es, so ist es einem historischen Foto zu entnehmen, wirklich gegeben - genau da, wo heute die Weinberg-Ferienhäuser stehen.

Die Kirschallee nahe des Max-Klinger-Hauses malte der Künstler sowohl in Aquarell als auch in Öl.
Die Kirschallee nahe des Max-Klinger-Hauses malte der Künstler sowohl in Aquarell als auch in Öl.
foto/Repro: Torsten Biel

Conny Dietrich hat gar ein Rätsel um eine Karte mit einer Klinger-Landschaftsmalerei gelöst. Mit dem Datum 3. Januar 1908 versehen, vermutete sie, dass es sich um eine Glückwunschkarte für Klingers Geliebte Elsa Asenijeff handeln könnte, die am 3. Januar 1867 geboren ist. Nun, da die Kunsthistorikerin erstmals die mit einer Notiz versehene Rückseite betrachten konnte, fand sie ihre Vermutung bestätigt.

Letztlich wartet die Schau dank einer privaten Leihgabe mit einem Highlight auf - einem großformatigen Klinger-Original. Dieses, das Teil einer klingerschen Raumgestaltung war, trägt den Titel „Frühling“ und zeigt seine Geliebte und spätere Frau Gertrud Bock, wie sie an einer Wand lehnt und hinter ihr sich das Unstruttal mit Blick auf die Neuenburg erstreckt. Gezeigt wurde das Gemälde in Bonn zur Schau anlässlich Klingers 100. Todestages im vergangen Jahr, die kurz nach ihrer Eröffnung im Herbst lockdown-bedingt wieder schließen musste. Dieses Gemälde zeuge von Klingers einst neuer Maltechnik, die lockerer, moderner und in Pastelltönen daherkam.

 Im Original  zu sehen: „Frühling".
Im Original zu sehen: „Frühling".
Foto/Repro: Torsten Biel

Was die Ausstellung neben Klingers Liebe zu seinem Weinberg offenbart, ist nicht nur seine Arbeit mit Aquarellfarben, sondern auch, dass von 1903 an Landschaften stärkeren Einfluss in seinem Werk hatten.

Zu sehen ist die Schau, für die ein Katalog im Druck ist, bis zum 31. Oktober dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr.