Recherchen zu Zwangsadoptionen in der DDR

Recherchen zu Zwangsadoptionen in der DDR: Sind unsere Kinder wirklich tot?

Merseburg - Frauen, die in der 1980er Jahren in Merseburg Kinder zur Welt gebracht haben, die dann gestorben sind, haben Zweifel, ob das die richtige Wahrheit ist.

Von Undine Freyberg

Ramona Berger liebt die Kette, die sie trägt. Sie ist ein Geschenk ihrer Kinder. Fünf Namen haben sie darauf eingravieren lassen - auch den von Christian, der am 1. Dezember 1982 mit knapp 2.000 Gramm im Merseburger Kreiskrankenhaus zur Welt gekommen und am 2. Dezember gestorben war.

„Ich habe meinen Jungen damals nach der Geburt gesehen. Er hat geschrien und allein geatmet. Es schien ihm gut zu gehen“, erzählt die 58-Jährige, die damals in Schkopau lebte und bereits ein Kind hatte, der MZ. Am nächsten Tag sei ihr Junge tot gewesen. „Und meinem Mann wurde gesagt ,Wir kümmern uns um alles‘.“ Sie durfte ihren Sohn nicht noch einmal sehen, ihn auch nicht beerdigen.

„Ich möchte endlich Klarheit“

Selbst 36 Jahre nach dieser schlimmen Zeit nagt die Ungewissheit an Ramona Berger. Ist ihr Junge wirklich tot? Oder ist er einer jener Fälle von zwangsadoptierten Kindern in der DDR, von denen man immer wieder gehört hatte? Reichte der lange Arm der Stasi auch bis zu ihr und ihrem Mann?

„Ich weiß es nicht. Ich wüsste auch eigentlich keinen Grund dafür, aber ich möchte endlich Klarheit“, sagt die Frau, die mittlerweile seit langem in Thüringen lebt, und neben ihren leiblichen Kindern auch Pflegekinder hat. Mit ihren Fragen und Sorgen hat sie sich deshalb an die Interessengemeinschaft „Gestohlene Kinder der DDR“ (IGGKDDR) gewandt.

„Wir kümmern uns um alles“

Den Satz „Wir kümmern uns um alles“ hat auch Heike Linke damals zu hören bekommen - mehrfach. Als sie dem Vater ihres Kindes - ein Sportschütze an der DHfK Leipzig - Ende 1984 sagte, dass sie schwanger sei, ließ er sie sitzen. Doch das wollte die damals 19-Jährige nicht akzeptieren. „Ich fuhr nach Leipzig und geriet dort an seinen Vorgesetzten. Er wollte meinen Personalausweis sehen und hat sich alles aufgeschrieben. Dann sagte er ,Wir kümmern uns um alles‘.“

Hat der Staat Heike Linke damals als Bedrohung angesehen? Könnte sein. Jedenfalls erhielt die junge Frau, die in Kötzschau lebte, kurze Zeit später bei einer Untersuchung die Nachricht, dass ihr Kind nicht gesund sei und einen Wasserkopf habe. „Bis dahin war alles in Ordnung gewesen“, erinnert sich die 54-Jährige, die heute in der Nähe von Magdeburg lebt und die Vize-Chefin der IGGKDDR ist.

„So, und jetzt gehen sie nach Merseburg und kriegen ihr totes Kind.“

Vor der Entbindung sei sie für drei Wochen in ein Krankenhaus nach Halle geschickt worden. „Dort hieß es dann plötzlich. ,So, und jetzt gehen sie nach Merseburg und kriegen ihr totes Kind.“ Heike Linke war wie vor den Kopf geschlagen. „Und ich wusste - mein Kind ist nicht tot. Es hat doch die ganze Zeit in meinem Bauch gestrampelt“, erzählt sie. An die Geburt in Merseburg hat sie keinerlei Erinnerung.

„Ich bekam eine Vollnarkose, aber nicht wegen eines Kaiserschnitts. Ich habe mein Kind auf normalem Wege zur Welt gebracht.“ Was sie stutzig machte: Laut ihrer Krankenakte hatte ihr Kind bei der Geburt einen normalen Kopfumfang - anders als man es ihr vorher gesagt hatte. Auch Heike Linke durfte ihr totes Kind nicht noch einmal sehen, es nicht beerdigen. Und auch an ihr nagen die Zweifel.

MZ fragte beim Carl-von Basedow-Klinikum nach

MZ fragte beim Carl-von Basedow-Klinikum nach, wieviele Frauen sich mit ähnlichen Anfragen bisher an das Haus gewandt haben. Dem Klinikum sind nach eigener Aussage vier Frauen bekannt, die über die Interessensgemeinschaft Kontakt zum Klinikum aufgenommen haben. Leider sei es nach so vielen Jahren kaum möglich, alle Fragen konkret zu beantworten.

„Unser Geschäftsführer Lutz Heimann hat selbst mehrfach mit Heike Linke gesprochen“, erklärte die Verantwortliche für Öffentlichkeitsarbeit, Bettina Lebek. „Wir setzen auf größtmögliche Transparenz. Deshalb wurden Frau Linke auch sämtliche vorhandenen Akten aus den Archiven zur Verfügung gestellt, kopiert und - soweit heute noch möglich - erläutert.“ Als erschwerend komme aber hinzu, dass es damals - sowohl in der DDR als auch in der BRD - nicht üblich gewesen sei, dass die Mutter nach einer Totgeburt das Kind noch einmal sehen oder im Arm halten konnte.

Heike Linke ist seit mehreren Jahren auf der Suche nach Antworten

„Dass dies insbesondere bei einem so traumatischen Erlebnis wichtig ist, hat die Wissenschaft erst in den 1990er Jahren nachgewiesen.“ Im Fall von Ramona Berger musste 2017 leider mitgeteilt werden, dass ihre Krankenakte nicht mehr vorhanden sei, da sie nach Ablauf der 30-jährigen Aufbewahrungsfrist vernichtet worden sei. Man hatte ihr allerdings noch einen Auszug aus dem Geburtenbuch und dem Pathologiebuch von 1982 aushändigen können. Über Unstimmigkeiten bei Geburten zu DDR-Zeiten sei dem Klinikum nichts bekannt.

Heike Linke ist seit mehreren Jahren auf der Suche nach Antworten, hat bereits die unterschiedlichsten Stellen und Behörden kontaktiert. „Als ich meine Krankenakte einem ehemaligen Mitarbeiter des Krankenhauses zeigte, sagte der zu mir ,Gehen Sie zum Staatsanwalt‘.“

Interessengemeinschaft „Gestohlene Kinder der DDR“

Die Interessengemeinschaft „Gestohlene Kinder der DDR“ vertritt die Anliegen tausender Betroffener von Zwangsadoptionen und ungeklärtem Säuglings- und Kindstod in der ehemaligen DDR. „Bisher konnten wir leider noch keinen Fall aufklären“, sagt Heike Linke. „Deshalb - wenn es Männer und Frauen gibt, die bei der Suche nach ihrer Herkunft auf Ungereimtheiten gestoßen sind und einen Verdacht haben, sollten sie sich bei uns melden.“

››Weitere Informationen unter www.iggkddr.de(mz)