Iranischer Fotograf aus Merseburg

Iranischer Fotograf aus Merseburg : Gekochte Eier und Cola-Flaschen als Foltermethoden

Merseburg - Vor mir sitzt Rasoul Pourmoradi. Sein Lächeln ist herzlich. Pourmoradi stammt aus dem Iran, lebt seit kurzem in Merseburg. Er spricht Farsi und Kurdisch. Ich nicht. Ich versuche es mit Englisch. Es funktioniert teilweise. Er entschuldigt sich. „Ich hatte leider noch keinen Deutschkurs“, sagt er. Seine Sprache sind auch eher Fotografien und Dokumentarfilme. Mit Hilfe von Kirstin Grunert vom Verein „Neue Wege Miteinander“, einem Übersetzungsprogramm auf ihrem Tablet und einem auf Rasouls Handy schaffen wir es trotzdem, uns zu ...

Von Undine Freyberg 23.06.2016, 12:05

Vor mir sitzt Rasoul Pourmoradi. Sein Lächeln ist herzlich. Pourmoradi stammt aus dem Iran, lebt seit kurzem in Merseburg. Er spricht Farsi und Kurdisch. Ich nicht. Ich versuche es mit Englisch. Es funktioniert teilweise. Er entschuldigt sich. „Ich hatte leider noch keinen Deutschkurs“, sagt er. Seine Sprache sind auch eher Fotografien und Dokumentarfilme. Mit Hilfe von Kirstin Grunert vom Verein „Neue Wege Miteinander“, einem Übersetzungsprogramm auf ihrem Tablet und einem auf Rasouls Handy schaffen wir es trotzdem, uns zu unterhalten.

Wegen regimekritischen Film im Gefängnis

Rasoul hat an der Universität der Künste in Teheran studiert, hat dort seien Abschluss als Filmemacher gemacht. Er ist Dokumentarfilmer. Zeigt zum Beispiel die Arbeit iranischer Kinderarbeiter, die im Grenzgebiet zu Kurdistan als Schmuggler eingesetzt werden, um Früchte, aber auch Alkohol, Smartphones, Tablets oder Kameras zu schmuggeln, wie er erzählt.

Ein Film hat dem Regime im Iran gar nicht in den Kram gepasst. Rasoul Pourmoradi hat gefilmt, wie mehrere Menschen gehenkt wurden, Kinder sahen dabei zu. „Das hat mich ins Gefängnis gebracht.“ Fünf Freunde von ihm - Filmemacher wie er, Journalisten und Schriftsteller - wurden ebenfalls verhaftet. Als der 35-Jährige wieder draußen war, flüchtete er nach Europa. Im Gepäck das Rohmaterial zweier unfertiger Filme. Auch eine Kopie des Filmes über die Gehenkten konnte er retten. Die Aufnahmen auf seiner Kamera wurden zwar gelöscht. „Aber ich habe die Sequenz noch auf meinem Handy.“ Und die wird wahrscheinlich auch bei Rasouls erster Ausstellung in Deutschland zu sehen sein, die am Sonntag in Berlin eröffnet wird.

Sprachrohr für die Menschenrechte

Die Schau mit dem Titel „Isolation“ startet ganz bewusst am Internationalen Tag zur Unterstützung von Folteropfern. Rasoul Pourmoradi sieht sich als eine Art Sprachrohr seiner Generation. Der konfessionslose Sohn einer Sunitin und eines Schiiten möchte, dass seine Botschaft über die tägliche Verletzung der Menschenrechte im Iran sowohl die Menschen in seiner Heimat als auch im Ausland erreicht.

Rasoul Pourmoradi zeigt in seiner Ausstellung 13 Fotografien - zum Teil bearbeitete Handyfotos -, deren Bedeutung sich nicht auf den ersten Blick erschließen. Selbst mit einem Untertitel versehen, braucht es Erklärung. Besonders beeindruckend ist das Foto eines Mannes, der in den Händen den Koran hält und im Mund ein gekochtes Ei. Mit der Vermutung, dass das etwas damit zu tun haben könnte, dass Menschen im Land des Korans nicht frei ihre Meinung äußern dürfen, liegt man komplett daneben. Selbst mit dem Untertitel „Wenn gekochte Eier und eine Cola-Flasche sich in das Schwert der göttlichen Gerechtigkeit verwandeln“ fehlt den meisten vermutlich selbst der kleinste Ansatz, was das wohl heißen könnte. Einfach weil hierzulande kaum jemand von solchen Foltermethoden weiß: Gekochte Eier und Cola-Flaschen werden bei sexuellem Missbrauch in iranischen Gefängnissen eingesetzt. Die Eier sind gekocht, weil man sie so nicht verschlucken kann. Man würde daran ersticken. Ansonsten bleibt an dieser Stelle viel Raum für Unvorstellbares.

Sechs Jahre alte Tochter noch im Iran

Nicht minder betroffen machen Rasouls Filme, die er in Merseburg fertiggestellt hat. Mit seinem Film „Bitter Tears“ (Bittere Tränen), in dem es um die Beschneidung junger Mädchen geht, ist er für ein internationales Kurzfilmfestival Ende des Jahres in Berlin nominiert.

„Die Ausstellung Isolation und vielleicht auch die Filme sollen etwa ab Herbst auch in Städten in Sachsen-Anhalt zu sehen sein“, erklärt Kirstin Grunert. Geplant sei, die Schau in Magdeburg, Halle, Merseburg, Naumburg, Zeitz und Weißenfels zu zeigen. „Gemeinsam mit einem Dolmetscher soll es dann möglichst auch Workshops für Schüler geben.“

Der Verein Neue Wege Miteinander betreut Flüchtlingsprojekte. So ist auch der 35-Jährige Rasoul Pourmoradi zum Verein gestoßen, der ihn sehr unterstützt. „Ich danke allen sehr“, sagt der Mann aus dem Iran. Er fühle sich in Deutschland sehr wohl. Er sei nur traurig, weil seine Tochter nicht zu ihm kommen dürfe. Rasoul: „Sie heißt Artemis, ist sechs und lebt noch im Iran. Ich vermisse sie sehr.“ (mz)