Architektur

Architektur: Zollingerdächer sind die ökologische Zukunft

Merseburg - Ein Leipziger Forscher will die Zollingerdächer wieder populärer machen.

Von Robert briest

Merseburgs Amtsleiter für Stadtentwicklung Ivo Walther adelte sie zum Identifikationsmerkmal der Stadt: Zollingerdächer. Sie sind leicht zu erkennen an ihrer charakteristischen gebogenen Form, die an einen aufgeschnittenen auf dem kopfstehenden Schiffsrumpf erinnert.

Der prägende Merseburger Stadtbaurat Friedrich Zollinger hatte diese aus vielen kleinen Verstrebungen bestehende Dachform in den 1920er Jahren entwickelt, um möglichst schnell und günstig den nach dem Ersten Weltkrieg dringend benötigten Wohnraum zu schaffen. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam diese Bauform jedoch aus der Mode. Werden die Zöllingerdächer heute noch gebaut, handele es sich meist um Liebhaberei, sagt Alexander Stahr.

Der Professor für Tragwerkslehre an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur (HTWK) in Leipzig will dies jedoch ändern. Er hält Zollingers Ansatz nicht für eine Technik der Vergangenheit, sondern der Zukunft – vor allem aus ökologischen Gründen: „Bei gesellschaftlichen Diskussionen reden wir heute, über Ressourceneffizienz bei Material, Zeit und Personal. Alles drei kann Zollinger bedienen“, sagte Stahr bei der Zollinger-Tagung am Samstag im Merseburger Ständehaus. So brauche ein Zollingerdach etwa 30 Prozent weniger Holz als die heute verbreiteten geklebten Dachkonstruktionen. Sie seien zudem später wieder komplett zerlegbar. Außerdem sei Holz nunmal der einzige in ausreichenden Mengen nachwachsende Baurohstoff.

Wirtschaftliche Alternative

Mit Kollegen der HTWK tüftelt der Professor deshalb daran, wie das Dach auch wirtschaftlich eine Alternative zu den heute üblichen Stahl- und Betondächern werden kann. Die signifikante Dachform soll dabei bestehen bleiben. Doch wo Zollinger die schräg zusammenlaufenden Holzstreben, die das Gerüst bilden, noch mit Schrauben verbunden hat, will Stahr metallfrei arbeiten. „Wir stellen eine holzschlüssige Verbindung her.“ Die einzelnen Streben sollen einen nur vier bis sechs Millimeter tief gearbeiteten Stirnversatz bekommen, mit dem sich die Teile wie mit Widerhaken verkeilen. Dies wäre, sagt der Forscher, zu Zollingers Zeit händisch zwar auch herstellbar gewesen, aber nur sehr aufwendig. Mit heutigen computergestützten Produktionstechniken ginge so etwas viel leichter.

Das aktuelle Problem der Forscher ist daher ein anderes: „Die Montage des Daches auf den Baustellen dauert zu lange.“ Als Lösung schweben Stahr Fertigteilelemente vor, größere Stücke der Dachkonstruktion also, die in Werkstätten oder Fabriken vorproduziert und dann auf dem Bau nur noch eingebaut werden müssten. „Dafür brauchen wir noch eine Systematik, wie wir unterschiedliche Krümmungsgrade herstellen können.“ Und einen mutigen Geldgeber, der in die Technologie investiert.

Großes Projekt in drei Jahren

Die sieht der Professor vor allem für Gewerbe- und Industriebauten geeignet – dort, wo größere Räume möglichst ohne Pfeiller überspannt werden müssen. Stahr hofft das neue Zollingerdach binnen drei Jahren in einem großen Projekt testen können. Er hat dafür eine Dreifeldersporthalle ins Auge gefasst mit einer Spannweite von 27 Meter.

In den zahlreichen Merseburger Häusern mit Zollingerdach ist die deutlich geringer. Die Stadt Merseburg führt, wie Amtsleiter Ivo Walther bei der Tagung berichtete, derzeit eine Umfrage unter Bürgern zur Zukunft der von Zollinger in der Zwischenkriegszeit geschaffenen Wohnquartiere durch. Als Arbeitsauftrag hat er dabei aus den Zwischenergebnissen mitgenommen: „Die Siedlungen sollen erhalten bleiben.“ Hauptpriorität für den Stadtentwickler hat dabei die Bewahrung der Zollingerdächer. (mz)