Strengerer Umgang mit Familie Ritter

Neuer Umgang mit Familie Ritter in Köthen: Unterkunft soll tagsüber geschlossen werden

Köthen - Köthen will das Objekt Augustenstraße 63 künftig wie eine reguläre Obdachlosenunterkunft betreiben - mit festen Öffnungszeiten und ohne Gemütlichkeit.

Von Matthias Bartl

Die Stadt zieht in der Ritterburg die Zugbrücke hoch: Künftig soll das Obdachlosenobjekt in der Augustenstraße, das vor allem durch die Bewohner aus der Familie Ritter deutschlandweit Köthen zur trauriger Berühmtheit verholfen hat, tatsächlich wie eine ganz normale Obdachlosenunterkunft geführt werden.

Was - zumindest für ein Vierteljahr, so lange soll die Testphase gehen - gravierende Änderungen für die bisherigen Bewohner mit sich bringt, wie auf der jüngsten Sitzung des Sozial- und Kulturausschusses deutlich wurde. Dort stellte Oberbürgermeister Bernd Hauschild Überlegungen vor, die er zuvor in einer Runde der Fraktionsvorsitzenden des Stadtrates vorgestellt hatte.

Im Ausschuss fand sich keine Stimme, die gegen den Verwaltungsvorschlag war, das Objekt künftig nur noch in der Zeit von 18 bis 8 Uhr zu öffnen - tagsüber sollen sich die Bewohner dann anderswo aufhalten, nicht mehr in der Unterkunft.

Nach einem Vierteljahrhundert Zuckerbrot für die Ritters soll nun doch die Peitsche greifen

Genauso wenig soll irgendjemand, der künftig in der Augustenstraße 63 unterkommt, eigenes Mobiliar besitzen. Schon deshalb nicht, um jeden Hauch von privater Gemütlichkeit zu vermeiden, wie er in den zurückliegenden Jahrzehnten zumindest in der Wohnung der Familien-Matriarchin zu finden war. Deren Möbel sollen für einen unbestimmten Zeitraum eingelagert werden, wie alles andere Privatmobiliar auch.

Dass die Stadt nach einem Vierteljahrhundert Zuckerbrot doch noch zur Peitsche greift, hängt damit zusammen, dass der Tag näher rückt, an dem die momentan elf Obdachlosen aus der derzeitigen Zwischen-Unterkunft in der Kolping-Straße wieder in die inzwischen baulich stark aufgewertete Augustenstraße zurückkehren werden. Und mit diesem Tag rückt auch die Sorge näher, die dort getätigten Investitionen in Duschen und Ausbauten könnten in absehbarer Zeit dem Vandalismus zum Opfer fallen - was der Öffentlichkeit langsam nicht mehr zu vermitteln wäre.

„Wir sehen nur zwei Möglichkeiten“, stellte Bernd Hauschild im Ausschuss fest. „Entweder alles bleibt wie es vorher war, außer dass wir eine Duschordnung einführen.“ Oder aber, man beendet das Konzept einer „Mischunterkunft“, mit der Unterbringung von Obdachlosen einerseits und den Mitgliedern der fernseh-bekannten Familie Ritter andererseits, und legt sich darauf fest, eine ordnungsgemäße Unterkunft zu installieren, inklusive eisern umgesetzter Hausordnung. In dem Falle würde die Stadt eine bescheidene Ausstattung der Räume zur Verfügung stellen - Bett, Tisch, Stuhl, Schrank - aber keinen Fernseher.

Paradigmenwechsel im Umgang mit Familie Ritter wird für die Stadt teurer

Für die Stadt bedeutet dieser Paradigmenwechsel gleichzeitig, mehr Geld als bisher ausgeben zu müssen. Zum Beispiel wird ein 24-Stunden-Sicherheitsdienst in dem Objekt benötigt, der für drei Monate etwa 60.000 Euro kosten würde. Die auf 10.000 Euro veranschlagten Reinigungsleistungen würden sich auf mehr als 18.000 Euro erhöhen. Und etwas mehr als 13.000 Euro fallen für den Erwerb einer Grundausstattung an. Alles in allem benötigt die Stadt 85.000 Euro mehr als eigentlich vorgesehen. Die Kosten für das Einlagern des Mobiliars sind da noch nicht dabei.

Dennoch fand sich eine deutliche Mehrheit (ohne die Info-Vorlage abzustimmen), die den neuen Weg der Stadt unterstützt, der im übrigen auch juristisch haltbar sei, wie Hauschild auf eine entsprechende Frage antwortete. „Ein Weiter-so ist dem Ansehen der Stadt nicht zuträglich“, brachte es Georg Heeg (CDU) auf den Punkt.

Der Ausschuss wünscht sich für die Obdachlosen im Köthener Quartier eine soziale Betreuung

Mit der Zustimmung im Rücken kann die Stadt jetzt an die Vorbereitung des Plans gehen. Und in dieser Zeit auch Kontakt mit Bernburg herstellen. Dort leitet die Stadt auf ähnliche Weise eine Obdachlosenunterkunft - allerdings mit anderem Klientel und einem eigenen Sozialamt. Und auch das war deutlich: Der Ausschuss wünscht sich für die Obdachlosen im Köthener Quartier eine soziale Betreuung - in dieser Hinsicht ist der Landkreis gefragt, denn Köthen hat kein eigenes Sozialamt.

Man hat jetzt keine Zeit mehr, um - bis auf Detailfragen - an dem Konzept noch stark herumzudoktern. Der Eigentümer des jetzigen Quartiers in der Kolping-Straße, die Wohnungsgesellschaft Köthen, will noch im April mit der Entkernung in dem Plattenbaublock anfangen, für den ein Teilabriss vorgesehen ist. Die Abrissarbeiten selbst sollen in den Sommerferien stattfinden, damit der Baulärm nicht den Unterricht in der benachbarten Regenbogenschule stört. „Wir gehen das so an“, sagt Bernd Hauschild. Und fügt an: „Wir können nicht mehr anders.“ (mz)