„Mutti war immer dabei“

Ilse Seidler feierte am Montag ihren hundertsten Geburtstag in Köthen

Von Robert Martin
Ilse Seidler (im Rollstuhl) genießt das Geburtstagsständchen der Kindergartenkinder.
Ilse Seidler (im Rollstuhl) genießt das Geburtstagsständchen der Kindergartenkinder. (Foto: Robert Martin)

Köthen/MZ - Blumensträuße, Familienbesuch, Geschenkpakete und Kindergesang: Ilse Seidler ist an diesem Montagmorgen ganz berührt. „Das hätte ich nicht erwartet“, sagt die frischgebackene Hundertjährige und schüttelt den Kopf. „Ich hätte auch nicht gedacht, das ich mal Hundert werde.“

Gefeiert wird der runde Ehrentag im Pflegeheim „Am Wasserturm“ in Köthen. Gerade erst waren die Kinder des katholischen Kindergartens St. Anna für ein paar Ständchen zu Besuch, nun wechseln sich die Gratulanten ab. „Was für eine Aufregung“, sagt Ilse Seidler. „Das hast du doch nun schon hundert Mal durch“, scherzt ihr Enkel.

Bis vor ein paar Jahren habe sie noch jeden Tag ihre Runde im Dorf gemacht und auch an vielen Veranstaltungen teilgenommen

Eine der Gratulantinnen ist Irene Witzki, Ortsbürgermeisterin von Kleinpaschleben. Dort lebte Ilse Seidler bis zum Dezember 2020, als sie nach einem Sturz ins Pflegeheim nach Köthen kam. Witzki beschreibt die alte Dame als sehr aktiv und im Dorf hoch angesehen. „Das Dorfleben hat sie genossen.“ Sie zu ihrem Ehrentag persönlich zu besuchen, sei eine Selbstverständlichkeit.

Bis vor ein paar Jahren habe sie noch jeden Tag ihre Runde im Dorf gemacht und auch an vielen Veranstaltungen teilgenommen - ob Gemeinde- oder Feuerwehrfeste. Auch in der Kirchgemeinde und bei Bibeltreffen hat sie sich eingebracht. „Mutti war immer dabei“, ergänzt ihre Tochter Hannelore Müller. Mit ihr lebte Ilse Seidler die letzten Jahre in Kleinpaschleben zusammen.

Ilse Seidler kann auf ein bewegtes Leben zurückblicken

Müller ist ihr einziges Kind und selber bereits stolze 79 Jahre alt. Am Tag zuvor haben sie schon im Familienkreis gefeiert, da waren auch die zwei Enkel, drei Urenkel und drei Ururenkel dabei, dazu Nichten und Neffen - insgesamt 26 Familienmitglieder waren zusammen.

Ilse Seidler kann auf ein bewegtes Leben zurückblicken. Als eine von sieben Geschwistern auf dem Familienhof aufgewachsen, ging sie in Querfurt auf die Haushaltsschule und arbeitete dann zeit ihres Berufslebens in der Landwirtschaft, zuerst auf dem Familienhof, den der Bruder übernahm, später auf dem Hof ihres Mannes. Rüben, Kartoffeln, Getreide und Viehwirtschaft - das war ihr täglich Brot. Auf über 17 Hektar. Ein harter Job. „Das war viel, viel Arbeit. Da war man froh, dass man Rentner war“, sagt das Geburtstagskind dazu und lacht.

Im Pflegeheim ist sie hoch angesehen. Ihre Ergotherapeutinnen Sonja Grief und Kristin Schöppenthau beschreiben Ilse Seidler als sehr wach für ihr Alter, aktiv und lebenslustig sei sie auch. Freundschaften mit anderen Bewohnern pflege sie und nehme an vielen Aktivitäten teil. Und sie ist künstlerisch aktiv: „Sie malt gerne Mandalas aus“, erklären die Ergotherapeutinnen. Sie pflege ihre Freundschaften und habe viel Freude am Leben.

Im letzten Lockdown war der Besuch nur zweimal pro Woche mit Voranmeldung möglich

Dass so ein Jubiläum bis vor wenigen Monaten so nicht möglich gewesen wäre, lässt die Freude über den Hundertsten umso größer werden. Im letzten Lockdown war der Besuch nur zweimal pro Woche mit Voranmeldung möglich, erklärt Mitarbeiterin Nicole Meyer-Eisenhuth. Und selbst an diesem Tag bei historisch niedrigen Inzidenzen kommt ohne Test oder Impfung kein Besucher aufs Gelände des Pflegeheims.

Aber dank des medizinischen Fortschritts endet diese runde Geburtstagsfeier auch noch nicht am Morgen. Später am Tag kommen noch die Heimbewohner zusammen, um Ilse Seidler noch viele weitere Jahre zu wünschen.