Corona und die Folgen

„Die Krise ist nicht vorbei“ - Warum Perry Sixtus den „Diebziger Hof“ nur noch an Wochenenden öffnet

Von Von Sylke Hermann
Perry Sixtus betreibt in Diebzig eine Gaststätte, die  in vierter Generation in den Händen seiner Familie  ist.
Perry Sixtus betreibt in Diebzig eine Gaststätte, die in vierter Generation in den Händen seiner Familie ist. (Foto: S. Köhler)

Diebzig/MZ - Wettermäßig kann sich Perry Sixtus in letzter Zeit nicht beklagen. Die Sonne lacht. Das passt. Selbst die Sieben-Tage-Inzidenz kann vernachlässigt werden. Testen muss sich auch niemand mehr lassen. Und trotzdem beobachtet der Gastronom bei seinen Gästen eine gewisse Zurückhaltung. Als hätten die Leute während der Pandemie vergessen, wie es sich anfühlt, essen zu gehen.

Perry Sixtus betreibt in Diebzig (Osternienburger Land) eine Gaststätte, die in vierter Generation in den Händen seiner Familie und bei den Gästen aus der Umgebung lange als „Richters Gasthof“ bekannt ist. Er erbt die Lokalität von seiner Oma. 1997 kauft er das Objekt von der Treuhand zurück, nennt es in „Diebziger Hof“ um und kommt aus Magdeburg in den kleinen Ort, um die Lokalität zu betreiben. „Im nächsten Jahr gibt’s uns 25 Jahre“, erinnert er schon mal. 1972, erzählt er, sei man enteignet worden.

Hinter dem Gastwirt und seiner Familie liegen schwere Zeiten

Hinter dem Gastwirt und seiner Familie liegen schwere Zeiten. Seit Anfang November vergangenen Jahres sind die Lokale geschlossen - und dürfen frühestens am Pfingstwochenende wieder öffnen. Für den 57-Jährigen ist das keine Option. Er wartet. Wenigstens noch ein bisschen. Vor allem die anfängliche Testpflicht sieht er als riesige Hürde, um das Publikum wieder in die Lokalitäten zu locken. „Die Gäste waren allgemein sehr zurückhaltend, deshalb waren wir es auch“, verdeutlicht er.

Doch inzwischen empfängt auch der „Diebziger Hof“ wieder Gäste. Seit kurzem aber erst. Perry Sixtus will auf Nummer sicher gehen und weiß, wie schwer das ist. Bei aller Freude, dass die Buchungen von Familienfeiern im Saal spürbar anziehen, bleibt er skeptisch. Er ist einer von denen, die dem Frieden nach Corona noch nicht ganz trauen. Er hat große Sorge, dass eine neuerliche Welle über das Land schwappen könnte und die Restaurants wieder schließen müssen.

Diese Ungewissheit kann der Wirt und gelernte Betriebsökonom nicht verdrängen. Deshalb sucht er sich ein zweites Standbein - neben der Gastronomie. „Ich habe schon seit 2013 bei unserem Getränkelieferanten ausgeholfen und das jetzt intensiviert“, schildert er. Das Lokal von Perry Sixtus bezieht seine Getränke von einer Firma aus Calbe (Saale). Seit dem Hochwasser unterstützt er dort gelegentlich in der Produktion, wie es seine Zeit zulässt. Doch damals hat der „Diebziger Hof“ auch noch fünf Tage die Woche auf. Inzwischen nur noch Samstag und Sonntag.

Prognosen bleiben ungewiss - „Die Krise ist nicht vorbei. Was kommt im Herbst"?“

Perry Sixtus hat diese Entscheidung bewusst getroffen. Die Zahlen seien eindeutig. Die Prognosen ungewiss genug, um sich ein wenig umzuorientieren und breiter aufzustellen. „Es muss weitergehen - und ich will nicht erst warten, was passiert. Die Krise ist nicht vorbei. Was kommt im Herbst? Es gibt einige, die sprechen schon jetzt von der vierten Welle“, sagt er.

„Nach dem Hochwasser von 2013 haben wir gewusst, sobald das Wasser weg ist, können wir wieder durchstarten.“ Dieses Virus hingegen sei nicht wirklich greifbar. Unberechenbar geradezu.

Hinzu käme, „dass man sich auf die Entscheidungen der Politik nicht verlassen kann“. Gefühlt entscheide jeder anders, legt andere Maßstäbe an und vor allem geht es oft viel zu schnell. „Wir können nicht von einem Tag auf den anderen wieder öffnen.“

Er zieht seine Lehren aus der Corona-Pandemie und streicht die Speisekarte zusammen. Für ihn „eine sehr schwere Entscheidung“. Weil die Stammgäste anderes gewöhnt seien, weil man darüber schlimmstenfalls an Anziehungskraft verliere. Aber im Sinne von Qualität und Frische habe man keine Wahl.

Der „Diebziger Hof“ ist für seine Wildspezialitäten bekannt. Im Frühjahr nicht zuletzt für Spargelgerichte. Doch „die Saison ist uns mittlerweile das zweite Mal durch die Lappen gegangen“, bedauert er. „Voriges Jahr konnten wir schon kein Spargelfest feiern, dieses Jahr wieder nicht - das tut schon weh.“ Zumal der Diebziger weiß: „Wir könnten das ganze Jahr über Spargel verkaufen.“ Das Edelgemüse lockt traditionell viele Gäste.

Eine zweite Schlussfolgerung aus den vergangenen Monaten: Der „Diebziger Hof“ öffnet nur noch an den Wochenenden und fokussiert sich stärker denn je auf die Feiern im großen Saal. Mit dem Liefergeschäft habe er nichts am Hut, auch nicht während der Pandemie. Stattdessen entscheidet er sich bewusst, das Angebot des ihm vertrauten Getränkelieferanten anzunehmen und sich dort stärker zu engagieren. „Wir wissen nicht, wie es mit der Gastronomie weitergeht. Wir müssen unseren Lebensunterhalt verdienen.“ Und zwar nicht sporadisch, sondern dauerhaft.

Was Sixtus beobachtet: Die Menschen sind noch zögerlich

Er geht davon aus, dass in nächster Zeit noch einige Restaurantbesitzer die Segel streichen müssen und die Pandemie nicht überstehen werden. „Die Ausgaben sind die gleichen wie vor Corona. Aber die Leute sind zögerlich.“ Damit werde es zwangsläufig schwieriger, die nötigen Einnahmen zu generieren.

Perry Sixtus will nicht zu denen gehören, die am Ende aufgeben müssen, weil man die Lage womöglich falsch eingeschätzt hat, obgleich auch er nicht in der Glaskugel lesen könne. „Wir sind da - und wir sind auch weiter da, aber eingeschränkt“, fasst er zusammen. „Wir haben uns abgesichert, um hier weitermachen zu können und nicht auf staatliche Hilfen angewiesen zu sein“, ergänzt er. Denn das will er nicht. Auch wenn diese Unterstützung ihm zuletzt geholfen habe, die Monate zu überstehen, in denen komplett zu ist. Er hofft, dass dieser Fall nicht wieder eintritt. Trotzdem bleibt er skeptisch und vorsichtig und hilft sich lieber selber, als sich helfen zu lassen.