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Anhalt-Bitterfeld Anhalt-Bitterfeld: Die Federknäuel vom Eulenturm

Von STEFANIE GREINER 05.06.2011, 16:44
Auch dieses Federknäuel wird einmal ein eleganter Turmfalke. Jürgen Luge beim Beringen in Körnitz. (FOTO: HEIKO REBSCH)
Auch dieses Federknäuel wird einmal ein eleganter Turmfalke. Jürgen Luge beim Beringen in Körnitz. (FOTO: HEIKO REBSCH) [email protected]

KÖRNITZ/MZ. - Wer sich auf den Weg nach Körnitz machen will, sollte robust sein. Besser noch ein widerstandsfähiges Auto fahren. Das historische Pflaster der Straße, die Meilendorf und Körnitz verbindet, hat es in sich. Angesichts naturbelassener Steine dürfte so mancher Autofahrer um sein Gefährt bangen. Wer das liebevoll dekorierte Ortseingangsschild erst einmal erreicht hat, wird sich vermutlich glücklich schätzen. Zum einen, weil die Holperpartie überstanden ist. Zum anderen weil sich eine verträumte Idylle offenbart. Unangefochtenes Zentrum der 40-Seelen-Gemeinde ist der Eulenturm.

Rund 50 Kinder und Erwachsene hatten sich am Samstag im Schatten des Bauwerkes eingefunden. Dass sich der Weg gelohnt hat, stand außer Frage. Ein Erlebnis der besonderen Art ließ die raue Anfahrt schnell vergessen. Schließlich weilte der Köthener Ornithologe Jürgen Luge an diesem Tag in Körnitz, um die jungen Turmfalken zu beringen.

Am 17. Mai waren die Küken geschlüpft. Sechs Stück sind es. Eine beachtliche Zahl für Turmfalken und ein Indiz für Luge, dass die Bedingungen in Körnitz gut sind. Die Versorgung der Greifvögel scheint gesichert. Optimal dürften auch die Umweltbedingungen sein. Turmfalken bevorzugen Mäuse. In Jahren mit schwachen Nagerpopulationen weichen sie auf Eidechsen und Kleinvögel aus.

Im Gegensatz zu Schleiereulen. Ihr Nistkasten im Turm ist leer. Ein Anzeichen dafür, dass es in diesem Jahr nicht genug Futter gibt und Elterntiere fehlen. Sorgen macht sich Jürgen Luge deshalb aber nicht. Der Ornithologe spricht von einem Vierjahresrhythmus. Demnach folgen mäusearmen Jahren wieder bessere Zeiten für die Nager und deren Fressfeinde. Der Eulenturm ist nicht das einzige Brutdomizil in Körnitz. Auch das Haus von Mark Wasner und Beate Bergner bietet verschiedenen Vögeln eine Nistgelegenheit. So gibt es unter anderem einen Einbaunistkasten für Mauersegler und einen für Turmfalken.

Beate Bergner ist Diplom-Biologin. Mit der Ornithologie kam sie während des Studiums in Berührung. Dass ihr saniertes Haus in Körnitz ein Anziehungspunkt für nistende Vögel sein soll, stand für die Zugezogenen fest. "Die Turmfalken waren schneller in unser Haus eingezogen als wir", erzählte Mark Wasner. Dieses Jahr lagen sechs Eier im Nest. Vor anderthalb Wochen sind die Küken geschlüpft. Wie majestätische Turmfalken sehen die kleinen Federknäuel noch nicht aus.

"Eure sind ja niedlich", staunte Gitta Linde am Samstag. Die Körnitzerin wohnt im gegenüberliegenden Haus. Auch sie bietet nistenden Greifvögeln ein Domizil. Seit zwei Jahren hängt am Giebel ihrer Scheune ein Brutkasten. Dieses Jahr wird es erstmals Turmfalken-Nachwuchs im Hause Linde geben. Fünf Jungvögel werden erwartet. Wann die Kleinen schlüpfen, kann nicht genau datiert werden. Die Brutzeit beträgt 27 bis 28 Tage.

Sobald junge Turmfalken alt genug sind - Jürgen Luge spricht von Halbwüchsigkeit - können sie beringt werden. Für die sechs kleinen Greifvögel aus dem Eulenturm war es am Samstag so weit. Im Beisein interessierter Kinder und Erwachsener wurden die Turmfalken von Jürgen Luge beringt. "Ich finde die schön", staunte Anne Klimpel. Mit ihrer Mutter war die 12-Jährige von Quellendorf nach Körnitz gekommen. Die flauschigen Federn und die großen Augen der kleinen Turmfalken haben es ihr angetan.

"Die Federentwicklung ist noch nicht so weit", erklärte Jürgen Luge. Es wird noch einige Tage dauern, bis die kleinen Greifvögel das Nest verlassen können. Etwa genau so lange, wie sie im Ei waren. Der Ornithologe ist überzeugt, dass alle sechs Jungvögel zu eleganten Turmfalken heranwachsen. Vielleicht wird er das Glück haben, einen seiner Schützlinge später als Brutvogel wiederzusehen.

Eine Oase für Vögel wird Körnitz nach dem Bau der B6n vermutlich nicht mehr sein, befürchten die Einwohner der Ortschaft. Straßenlärm könnte die Idylle - bisher nur von weitläufigen Ackerflächen umgeben - trüben. Und nicht nur das. Ist die neue Bundesstraße erst einmal da, wird Körnitz von Meilendorf abgeschnitten sein. Ein Besuch des Eulenturms ist für Auswärtige dann nur noch mit Umwegen möglich. Ebenso verhält es sich für die Könitzer selbst, die zum Beispiel nach Quellendorf fahren wollen. Ein Besuch des Spielplatzes im benachbarten Meilendorf wird nach dem Bau der B6n für Kinder unmöglich sein.

Eine weitere Hiobsbotschaft lässt die Körnitzer bangen: Salpeter zerfrisst den Eulenturm. Geld für die dringend notwendige Sanierung gibt es von der Stadt Südliches Anhalt nicht. Sponsoren wären nötig, um das Bauwerk zu erhalten. 2005 wurde der Turm komplett restauriert. Schäden im Inneren waren damals noch nicht abzusehen. Über die Ursache des Salpeterfraßes kann nur spekuliert werden. Möglich sind das hohe Grundwasser oder der harte Winter.