Ernte

Spargel stechen bei Gegenwind in Seyda

Der Startschuss zur Spargelernte bei Seydaland ist gefallen. Warum Corona dem Unternehmen eine Peinlichkeit erspart und welche Verkaufsstände beliefert werden.

Von Thomas Tominski

Seyda/MZ

- Mit den Händen in den Taschen und etwas nach vorn gebeugt läuft Bettina Nitzschke-Dümichen über die Anbaufläche. Der eiskalte Westwind verpasst der Spargelverantwortlichen der Seydaland Vereinigten Agrarbetriebe ruckzuck eine rote Nase. „Ist aber nicht vom Alkohol“, betont die 58-Jährige, die trotz der Witterungsbedingungen froh ist, dass pro Tag zwischen 150 bis 300 Kilo des Edelgemüses gestochen werden.

„Zu unserem Spargelfest am 1. Mai hätten wir zum ersten Mal keinen Spargel gehabt. Diese Peinlichkeit hat uns Corona erspart“, erklärt Geschäftsführer Jens Fromm, der wie Bettina Nitzschke-Dümichen auf Wärme hofft. Diese Woche, so Fromm, müssen wir uns noch durchhangeln, danach soll es laut Wettervorhersage besser werden. „Der Boden ist zu kalt. Alle Pflanzen haben derzeit Probleme mit dem Wachstum“, meint der Geschäftsführer mit Blick auf einen Rapsschlag, der weiß, dass die treue und zahlreiche Kundschaft auf regionale Produkte setzt und von der Qualität des Seydaer Spargels überzeugt ist. Trotzdem: „Wir sind drei Wochen in Verzug. Dieser Umsatz fehlt.“

Ja-Wort fehlt noch

Fromm wird in den nächsten Tagen „ein ernstes Wörtchen“ mit Spargelprinzessin Vivien Grosser reden, deren Amtszeit endet. Der Geschäftsführer erzählt, dass sie aufgrund von Corona seit Frühjahr 2020 kaum die Möglichkeit gehabt hat, sich regional oder überregional zu präsentieren. Deshalb sei es wünschenswert, dass die Prinzessin noch mindestens ein weiteres Jahr regiert. Das finale Gespräch stehe aber wie angedeutet noch aus.

Der kalte und heftige Wind hat nicht nachgelassen. Acht rumänische Erntehelfer stechen auf der Anbaufläche die Sorte Gijnlim, die Arbeit geht flüssig von der Hand. Nitzschke-Dümichen erklärt, dass fünf Helfer seit Jahren in der Ernte eingesetzt werden und alle negativ auf Corona getestet sind. Die Ergebnisse hat das Gesundheitsamt erhalten. Alle seien sehr engagiert und bei der Sanddornernte in Mark Zwuschen, die von Mitte August bis Ende Oktober/Anfang November geht, wahrscheinlich wieder im Einsatz.

Die Spargelverantwortliche sagt, dass der Anstich im vergangenen Jahr am 17. April erfolgt sei. Die Eisheiligen im Mai haben zwar mit 30 Prozent Ernteverlust ordentlich Schaden angerichtet, doch dem Unternehmen sei es trotzdem gelungen, die Kunden im Großen und Ganzen zufrieden zu stellen. Den ersten Spargel 2021 haben Gaststätten im Landkreis erhalten. Die 58-Jährige erzählt, dass ein kurzer Hinweis in der Chatgruppe gereicht habe, sofortige Bestellungen auszulösen. Mit „Schützenhaus“ Jessen, Gallin, Zahna und Zörnigall benennt sie die Spitzengruppe. „Über das erste Kilo haben sich alle riesig gefreut“, meint die Verantwortliche.

Bio-Produkte im Angebot

Am heutigen Dienstag werden nach Jessen (Schlossweg gegenüber Repo) und Seyda auch die Stände in Elster und Wittenberg (Gelände Intersport Klöpping) beliefert. Ab Ende der Woche geht es mit Brandis, Zwethau, Zahna und Jessen (am Obsthof Zwicker) weiter. Die Über-Elbe-Tour mit einem mobilen Stand im Bereich Wartenburg/Trebitz soll erst am 10. Mai starten. In der Lutherstadt wird das Edelgemüse ab 6 Uhr verkauft, an allen anderen Ständen eine Stunde später.

Die Verantwortliche ist optimistisch, dass bis 13 Uhr Spargel angeboten werden kann. In dieser Woche sei das aufgrund der minimalen Erträge eher ein frommer Wunsch, doch wenn das Wetter wie angekündigt mitspielt, ist dieses Ziel locker zu schaffen. „Der Spargel hat doch ordentlich Triebkraft“, macht ihr der Geschäftsführer zusätzlich Mut.

Nitzschke-Dümichen informiert, dass auf der Facebook-Seite des Unternehmens tagesaktuell darüber informiert wird, wo das Edelgemüse und zu welchem Preis verkauft wird. Es geht bei 4,99 Euro (dünn und gewaschen) los und hört bei 9,50 Euro (geschält) auf. An den Ständen werden zudem die Bio-Produkte von Seydaland wie Aronia- und Sanddorn-Muttersaft oder der Fruchtaufstrich aus Sanddorn angeboten.

Nitzschke-Dümichen zieht den Reißverschluss ihrer Jacke bis zum Anschlag zu. „Der Wind ist so kalt wie im Winter“, sagt sie und reibt sich dabei die Hände. Da Spargel nur bis zum Johannistag am 24. Juni gestochen wird, rennt dem Unternehmen langsam die Zeit davon, die bisherige Bilanz einigermaßen aufzupolieren. „Regional heißt auch regionales Wetter“, meint Fromm.

Die Spargelernete 2021 bei Seydaland Vereinigte Agrarbetriebe hat begonnen. Zum Auftakt wird die Sorte Gijnlim gestochen.
Foto: Thomas Tominski
Spargelprinzessin Vivien Grosser (2. v. l.), hier mit Jessens Weinprinzessin Theresa Zwicker, soll ein weiteres Jahr in Seyda regieren.
Foto: Thomas Tominski