Babylon Halle (Saale)

Wie Imbisschef sich von jahrtausendealter Kultur inspirieren lässt

Von Phillip Kampert
Masen Salem Schamoun in seinem Imbiss. Hinter ihm ein Gemälde des berühmten Stadttors von Babylon. Foto: Phillip Kampert

Halle (Saale) - Es ist vielleicht das schönste Blau der Welt: Die Ziegel des Stadttores strahlen mit Himmel und Meer um die Wette. Dahinter erhebt sich Babylon, die Stadt aus biblischen Zeiten, jahrhundertelang die größte Metropole der Welt.

Hallenser Imbiss leidet unter der Coronakrise

Wenn Masen Salem Schamoun, Inhaber des „Babylon Bistro“ im Steinweg, hinter der Theke steht, blickt er auf eine Ansicht der Stadt, die seinem Imbiss den Namen gibt. Wandgroß begrüßt das Bild vom blühenden Babylon vor zweieinhalbtausend Jahren eintretende Kunden. „Diese Kultur bedeutet sehr viel für mich“, sagt Schamoun.

Vor einem Dreivierteljahr hat Schamoun das Imbissgeschäft von seinem Bruder übernommen. Es ist eine schwierige Zeit, Corona setzt dem Laden zu. Nicht nur der Verkauf von Döner, auch das Kiosk-Geschäft mit Snacks und Getränken sowie die kleine Automatenspielhalle leiden unter der Pandemie. „Wir liefern zwar, aber Döner ist nicht wie Pizza und wird eher auf die Hand oder im Imbiss verkauft“, sagt Schamoun. Früher rotierte der Drehspieß bis spät in die Nacht, heutzutage schließe er meist schon um zehn. Die Neuerung, für vegetarische Gäste auch Gemüsedöner anzubieten, komme allerdings gut an.

Historische Babylon im Zentralirak schon lange eine Ruinenlandschaft

Schamoun zuckt fatalistisch mit den Schultern und widmet sich der Laufkundschaft, die um die Mittagszeit hereinstromert. Er macht eine Bestellung fertig, hilft dem Praktikanten mit den Grillhähnchen und erzählt von seinem katholischen Glauben, der eine lebendige Verbindung zum babylonischen Panorama an seiner Wand herstelle. Auch wenn das historische Babylon im Zentralirak schon lange zu einer Ruinenlandschaft zerfallen ist, lebt die Sprache von damals weiter.

Noch heute verwenden katholische Strömungen im nahen Osten eine Sprache, die eng mit dem historischen Babylonisch verwandt ist, nicht zuletzt, weil babylonische Wörter erstaunlich gut die Zeit überdauern. Auch das deutsche „scheppern“ geht beispielsweise auf das antike Wort für zerbrechen „scheberum“ zurück.

Teil des blauen Tores aus Babylon wurden vor knapp 100 Jahren nach Berlin geschifft

Diese Verbindung zu einer uralten Tradition verdeutlicht sich, wenn Schamoun über seine kulturelle Herkunft spricht. Für ihn sind „Chaldäer“, „Aramäer“ oder „Assyrer“, die hierzulande eher mit dem Alten Testament verbunden werden, alltägliche Begriffe für seine kulturelle Herkunft.

Teile des Originals des herrlich blauen Tores an seiner Wand wurden vor knapp 100 Jahren nach Berlin verschifft. Ob Schamoun sich die Ausstellung dort schon angesehen hätte? „Das habe ich noch nicht geschafft“, sagt er und kümmert sich um den nächsten Kunden. (mz)