Frau Nowo gibt nicht auf

Wie eine 90-Jährige in der Pandemie um ihren Chor kämpft

Optimistin mit sonnigem Gemüt: Christa Nowomiejski-Graatz ist 90 Jahre alt und Chorleiterin. Die Pandemie ließ ihr Ensemble verstummen - doch das soll nicht so bleiben.

Von Julius Lukas
Musik im Blut: Die 90-jährige Christa Nowomiejski-Graatz ist eine der ältesten Chorleiterinnen in Sachsen-Anhalt. (Foto: Andreas Stedtler)

Halle (Saale) - Zieht jemand Neues in das Haus Sonnenhof in Halle ein, dann bekommt er schnell Besuch - von Christa Nowomiejski-Graatz. „Ich lasse die neuen Mitbewohner erst einmal ankommen, aber dann frage ich sie bei der nächsten Gelegenheit - ganz höflich natürlich“, erzählt die 90-jährige Seniorin, die auch in dem vom Deutschen Roten Kreuz betreuten Wohnheim lebt.

Mit ihrem Antrittsbesuch ist sie in musikalischer Mission unterwegs. Denn Christa Nowomiejski-Graatz, die im Haus Sonnenhof alle nur „Frau Nowo“ nennen, ist Chorleiterin. Eine der ältesten im Land. Und für ihre Gesangsgruppe geht sie bei allen Neuankömmlingen auf Werbetour. „In den vergangenen Monaten habe ich schon wieder drei neue Sängerinnen gewonnen“, erzählt sie stolz.

Christa Nowomiejski-Graatz ist seit 20 Jahren Chorleiterin

Seit 20 Jahren betreut Frau Nowo bereits ihren Chor. Und ans Aufhören denkt sie noch lange nicht. Dabei hätte es in den vergangenen Monaten genug Gründe gegeben, die Notenblätter aus der Hand zu legen. Das Proben ist seit vielen Wochen nicht mehr möglich. Singen ist wegen des hohen Aerosolausstoßes in der Pandemie ein Tabu. Wann wieder musiziert werden darf, ist derzeit noch unklar. Die Gruppe von Frau Nowo ist zudem auf fünf Mitglieder zusammengeschrumpft - alle hochbetagt. Für einen Chor ist das grenzwertig. „Aber es kommen ja auch wieder neue Leute dazu“, sagt die Vorsängerin optimistisch.

Es ist dieser Tatendrang, dieses unermüdliche Engagement, weswegen Christa Nowomiejski-Graatz vom Deutschen Roten Kreuz für ihre seit 20 Jahren andauernde, ehrenamtliche Tätigkeit jetzt geehrt wurde. Auch die Pandemie vermiest der adrett gekleideten Dame im blumenverzierten Kleid nicht das sonnige Gemüt - dafür habe sie auch schon viel zu viel durchgemacht, sagt die gebürtige Dessauerin.

Den Zweiten Weltkrieg erlebte sie als Jugendliche. „Wir wurden aus der Stadt aufs Land verschickt, weil die Junkers-Werke Ziel vieler Angriffe waren.“ Bei einer Zugfahrt durch die Mosigkauer Heide sei sie mit ihrer Schulklasse von Tieffliegern angegriffen worden. „Der Zug stoppte, wir mussten raus und uns unter Bäumen Schutz suchen.“ Sie und ihre Freundin Irene hätten sich ein Federbett, das sie bei sich hatten, über den Kopf geworfen. „Ich weiß nicht, warum, aber irgendwie schützte uns dieses Bett.“ Viele Schüler der Klasse starben an diesem Tag, die beiden Mädchen überlebten.

Christa Nowomiejski-Graatz wurde in musikalischer Familie groß

Das Dessau der Nachkriegszeit hat Christa Nowomiejski-Graatz als ausgebombte Stadt in Erinnerung. Ihre Eltern hatten die Angriffe unbeschadet überstanden. Die Familie sei sehr musikalisch gewesen - so musikalisch, dass auch die Tochter in diesem Bereich arbeiten wollte. Doch für Musik war erst einmal wenig Platz. Das Land befand sich im Wiederaufbau. Die Chemieindustrie sollte belebt werden, und so wurde Christa Nowomiejski-Graatz Laborantin.

„Nach meiner Ausbildung wollte die Raffinerie, dass ich Chemie studiere“, erzählt die 90-Jährige. Sie hätte dafür sogar ein Stipendium bekommen. „Doch die Musik ließ mich nicht los - und mein Vater, der selbst Pianist war, verstand das auch.“ Mit Unterstützung ihrer Eltern ging sie nach Rostock, um dort Musik zu studieren. Es ist ihr Herzensfach, und im Norden lernt sie ihren ersten Ehemann kennen, einen „echten Rostocker“. Bei ihrer Abschlussprüfung im Volkstheater sitzt er am Klavier. Christa Nowomiejski-Graatz singt die Königin der Nacht aus Mozarts „Zauberflöte“.

50 Jahre lang gibt die Dessauerin ihre Begeisterung als Musiklehrerin an Schüler weiter. Sie bekommt drei Söhne, und als ihr erster Mann stirbt, lernt sie im gleichen Jahr ihren zweiten Ehemann kennen. „Er verlor seine Frau im gleichen Monat wie ich meinen Mann - und so taten wir uns zusammen“, erzählt die Seniorin. Als vor 20?Jahren dann auch ihr zweiter Ehemann stirbt, beschließt die Witwe, nicht allein zu Hause sitzen zu wollen. Mit 70?Jahren gründet sie ihren Chor.

Christa Nowomiejski-Graatz will mit ihrem Chor schnellstmöglich wieder loslegen

Beim Singen im Ensemble geht es nie nur um die Musik, sondern auch um das Zusammensein, um Beschäftigung und die geistige Fitness. Hoch im Kurs stehen bei den Senioren deutsche Volkslieder. Zusammen proben sie Programme ein, mit denen sie sogar bei Wettbewerben antreten. Solcher Zeitvertreib fehlt in der Pandemie, wie Anne Meier vom Haus Sonnenhof sagt: „Wir merken, wie unsere Bewohner in den vergangenen Monaten kognitiv abgebaut haben, weil sie in der Isolation kaum Betätigung haben“, so die Einrichtungsleiterin.

Fragt man Christa Nowomiejski-Graatz, dann würde sie am liebsten sofort mit den Chorproben beginnen. „Es wird Zeit, dass wir endlich wieder singen?können“, sagt die 90-Jährige. Doch sie weiß auch, dass man mit dem Virus vorsichtig sein muss. Einer ihrer Söhne habe sich infiziert und einen schweren Verlauf gehabt. „Mit 60?Jahren wollte er sterben, so schlimm war das.“

Noch heißt es also warten. „Zum Zeitvertreib sitze ich an meinem Keyboard und probe neue Lieder ein“, sagt Christa Nowomiejski-Graatz. Außerdem schaue sie Chorwettbewerbe im Fernsehen - auch, um sich neue Ideen zu holen. „Mir ist aufgefallen, dass die Chöre bei den Auftritten viel mehr in Bewegung sind - das werden wir auch machen, sobald es wieder losgeht.“ (mz)