Tür auf, Konto leer

Tür auf, Konto leer: Wie unseriöse Schlüsselnotdienste in Halle Kunden abzocken

Halle (Saale) - Unseriöse Anbieter zocken Kunden, die in einer Notlage stecken, ab. Wie man sich vor der Masche der Wucher-Dienste schützen kann.

Von Julia Rau 03.02.2018, 08:00

Jacke an, Schuhe zu und raus. Die Tür rutscht ins Schloss, aber der Schlüssel steckt noch. Innen. Mist. Jeden Tag sperren sich mehrere Menschen in Halle versehentlich aus ihrer Wohnung aus. Die einzige Rettung aus der Misere: der Nachbar mit dem Ersatzschlüssel oder ein Profi, der die Tür öffnet.

So einen Fachmann hat sich ein 42 Jahre alter Hallenser geholt, der in genau dieser Situation steckte. Er zahlte am Ende einen Wucherpreis und brachte den Fall vor Gericht – mit Erfolg. Ihm taten es zuletzt immer mehr Wucher-Opfer gleich. Eine Bande, die im Osten agierte und bundesweit mehr als 1.000 Kunden ausgenommen haben, muss sich derzeit vor Gericht verantworten.

Schlüsseldienst-Abzocke in Halle: Oft wollen dir Firmen nicht die Preise vorab nennen

„Ich wollte abends weggehen und habe statt des Wohnungsschlüssels den Briefkastenschlüssel eingesteckt“, sagt der 42-Jährige. Selbst ein Ersatzschlüssel hätte nichts genutzt, denn „ich hab ein altes Schloss, in das man nicht von beiden Seiten Schlüssel stecken kann.“ Das perfekte Dilemma für einen Freitagabend.

Handy raus, Schlüsseldienst suchen. „Die ersten beiden, die ich angerufen habe, wollten mir keinen Preis sagen“, so das Abzock-Opfer, das ungenannt bleiben will. Als der dritte ebenfalls nicht mit den Kosten rausrücken wollte, dachte er, das sei üblich und bestellte den Schlüsseldienst.

Schlüsseldienst-Anbieter verrät: „Die schwarzen Schafe haben vielleicht einen Akku-Bohrer dabei und das war’s.“

„Der Mann kam, war sehr freundlich und hatte einen riesigen Werkzeugkoffer dabei“ eigentlich ein gutes Zeichen, wie ein Schlüsseldienst-Anbieter aus Halle weiß. „Oft haben die schwarzen Schafe der Branche vielleicht einen Akku-Bohrer dabei und das war’s“, so der Anbieter hinter der Webseite „Hallenser Schlüsseldienst“. „Die beschädigen die Tür, wo ich noch fünf andere Techniken vorher probieren würde, die keine Kratzer hinterlassen.“

Schlüsseldienst-Abzocke: Über 432 Euro für zwei Minuten Türöffnen

Häufiger kämen von unseriösen Schlüsseldiensten auch zwei Mitarbeiter, zur Einschüchterung wenn es ans Bezahlen geht. Dafür wird der doppelte Personalaufwand auch gerne mal berechnet. Bis zu 1.000 Euro sollen Kunden berappen, wo bei seriösen Anbietern nur ein Zehntel angefallen wäre.

„Bei meiner Tür dauerte das Öffnen nicht mal eine Minute“, sagt der betroffene Kunde. Der Schlüsseldienst-Mitarbeiter habe lediglich einen gebogenen Metallstreifen einmal von oben bis unten durch den Schlitz gezogen, kurz dagegen gedrückt, dann sei sie aufgegangen. „Der hat länger an der Rechnung geschrieben als an der Tür gewerkelt“.  Auf dieser Rechnung standen unterm Strich 437 Euro. Freitagabend, Nachtzuschlag, Anfahrt, Mehrarbeit.

Schlüsseldienst-Opfer wehrte sich vor Gericht - und bekam Recht

„Da habe ich schon geschluckt, aber was wollte ich denn machen“, sagt der 42-Jährige, „in dem Moment wollte ich doch nur mein Problem aus der Welt räumen“. Weil der Schlüsseldienst in bar bezahlt werden wollte – das sei in der Branche üblich, wie ein seriöser Anbieter aus Halle bestätigt – fuhr der Mitarbeiter ihn sogar zum nächsten Geldautomaten. Wie nett von ihm. Die Fahrt findet sich auf der Rechnung unter „Mehrarbeit“: 34 Euro. Er bezahlte, damit war die Sache vorerst erledigt. Bis ihm sein Anwalt von ähnlichen Fällen erzählt, in denen betrogene Kunden ihr Geld zurück erstritten haben.

Der 42-Jährige entscheidet, zu klagen. Das Gericht bewertete die Wucherpreise als überzogen und gab ihm kürzlich Recht. Fast eineinhalb Jahre dauerte der Prozess. Das Abzock-Opfer bekam schließlich 297 Euro zugesprochen. Die Versicherung steuerte noch 100 Euro bei. „Fürs nächste Mal weiß ich zumindest, dass man sich direkt an die Haftpflichtversicherung wenden kann, die dann einen seriösen Anbieter empfiehlt.“

Schlüsseldienst-Abzocke mit System: Gleiche Firma, nur andere Namen

Der Schlüsseldienst, dem der 42-Jährige Hallenser zum Opfer gefallen ist, hat seinen Sitz in Essen. Die Firma wirbt aber in verschiedenen Städten mit lokalen Ablegern. Die heißen überall anders und geben eine örtliche Rufnummer an. Der Verbraucherzentrale Sachsen-Anhalt ist der Anbieter schon lange bekannt, wie Ute Bernhardt Leiterin des Referats Recht, sagt. Hin und wieder gebe sich der Betrüger auch andere Namen.

Schlüsseldienst-Abzocke: Das rät die Verbraucherschutzzentrale 

Wird man selbst Opfer, berät die Verbraucherzentrale zu den Möglichkeiten, gegen eine überhöhte Rechnung vorzugehen. Ein sittenwidriger Vertrag, bei dem die Leistung in keinem Verhältnis zur Bezahlung steht und eine Notlage ausgenutzt wurde, liege laut Verbraucherzentrale vor, wenn etwa das Doppelte des ortsüblichen Preise verlangt wird.

Der Bundesverband Metall gibt für Sachsen-Anhalt folgende Orientierung: Eine Türöffnung werktags kann mit 75 Euro zu Buche schlagen, dazu kommen Fahrtkosten von 36 Euro. Nachts und am Wochenende seien Zuschläge bis zu 150 Prozent üblich.

Im Süden Sachsen-Anhalts koste das Öffnen einer zugefallenen, nicht abgeschlossenen Wohnungstür im Schnitt 30 bis 52 Euro, wie die Verbraucherzentrale bei einer Befragung herausfand. Dazu kommen Nachtzuschläge von bis zu 20 Euro und pauschal 10 Euro innerorts oder bis 1,50 Euro pro Kilometer Anfahrt über Land. (mz)

Ortsansässige Firmen wählen um die Fahrtkosten gering zu halten

Unbedingt schon am Telefon einen Festpreis vereinbaren. Dazu den die Situation genau beschrieben (ist die Tür verschlossen? Sicherheitstür?)

Ausdrücklich nur die Türöffnung in Auftrag geben und im Auftragsformular unerwünschtes Zusätze streichen.

Keine Bearbeitungsgebühr zahlen, wenn Sie mit Karte oder per Rechnung zahlen wollen. Die sind unzulässig.

Nicht mit zum Geldautomaten fahren. Nicht zur Barzahlung nötigen lassen

„Sofortzuschläge“, „Bereitstellungszuschläge“ oder Extrakosten für den Einsatz von Spezialwerkzeug sind unzulässig.