Thesen des Soziologen Reinhold Sackmann

Thesen des Soziologen Reinhold Sackmann: Warum ist die Kinderarmut in Halle so hoch?

Halle (Saale) - Das Problem bei der hohen Kinderarmut in Halle ist die extrem hohe Konzentration von Kinderarmut in einzelnen Stadtteilen, sagt der hallesche Soziologie-Professor Reinhold Sackmann. „Während sich Heide-Nord/Blumenau in den letzten Jahren positiv entwickelt hat, ist die südliche Neustadt im Abstieg begriffen“, so ...

Von Silvia Zöller

Das Problem bei der hohen Kinderarmut in Halle ist die extrem hohe Konzentration von Kinderarmut in einzelnen Stadtteilen, sagt der hallesche Soziologie-Professor Reinhold Sackmann. „Während sich Heide-Nord/Blumenau in den letzten Jahren positiv entwickelt hat, ist die südliche Neustadt im Abstieg begriffen“, so Sackmann.

2017 lebten in der südlichen Neustadt 72,9 Prozent aller Kinder unter 15 Jahren von Sozialleistungen. Auf der Silberhöhe (62 Prozent) und in der nördlichen Neustadt (60,3 Prozent) sieht es nicht viel besser aus.

„Austausch in der Stadt müsste gefördert werden“

Kinderarmut sei immer mit einer Beschränkung der Mobilität und damit auch mit einer Beschränkung der Erfahrungshorizonte der Kinder verbunden. „Daher müsste der Austausch in der Stadt gefördert werden“, sagt Sackmann. Andere Kommunen wie etwa Heidelberg oder Bremen setzen bereits auf eine größere soziale Mischung in den Stadtteilen, indem die höheren Mieten in bestimmten Stadtteilen für Empfänger von Sozialleistungen gezahlt werden, um so weniger negative Effekte zu erhalten.

„Halle könnte etwa eine Höchstgrenze von 50 oder 60 Prozent von Beziehern von Sozialleistungen in bestimmten Stadtteilen ansetzen“, so Sackmann - und nach Erfüllen der Quote Kosten für höherpreisige Wohnungen auch in anderen Stadtteilen übernehmen. Mehr sozialer Wohnungsbau sei nicht die Lösung, da es in Sachsen-Anhalt kein Förderprogramm mit diesem Zweck gibt. Der Grund: Die Kommunen außer Magdeburg und Halle schrumpfen.

Quote der Kinder ohne Schulabschluss liegt in Sachsen-Anhalt bei zehn Prozent

Eine stärkere Mischung hätte für den Soziologen auch Auswirkungen auf bessere Bildungschancen der Kinder - und würde somit Wege aus der Armut eröffnen. Denn wenn Kinder vor allem mit Kindern die Schule besuchen, deren Möglichkeiten auch von Anfang an eingeschränkt sind, werde ihr Ehrgeiz nicht geweckt.

Doch gerade da liege der Schlüssel: „Die Quote der Kinder ohne Schulabschluss liegt in Sachsen-Anhalt bei zehn Prozent, das ist die höchste Quote in Deutschland.“ Daher sei es wichtig und überfällig, bei der Bildung anzusetzen: Das stelle einen Risikofaktor für Kinderarmut dar, ist sich Sackmann sicher. Zwei weitere Faktoren, die Kinderarmut befördern, seien dagegen in den letzten Jahren weniger geworden: Arbeitslosen- und Scheidungsquote. (mz)