Neubeginn mit 110 Jahren

So will die Kirchengemeinde in Kröllwitz um neue Mitglieder werben

Eigentlich sollte die Kröllwitzer Petruskirche zum Jubiläum nur gründlich gesäubert werden. Doch eine unliebsame Entdeckung machte Bauarbeiten nötig.

Von Annette Herold-Stolze
Raum für Begegnungen: Im Foyer de Petruskirche ist Platz geschaffen worden. Pfarrer Helmut Becker freut sich über die Veränderungen in der Petruskirche, die im September 110 Jahre alt wird. Fotos: Steffen Schellhorn

Halle (Saale) - Wenn er will, kann Pfarrer Helmut Becker die Glocken der Petruskirche nun vom Sofa aus zum Läuten bringen. Eine App auf seinem Handy macht es möglich. Das Ganze ist keine technische Spielerei. Über das Programm lässt sich zum Beispiel auch die Heizung des fast 110 Jahre alten Baus hoch über der Saale steuern. Ehrenamtliche Helfer können damit von zu Hause aus einheizen, sodass die Kirche zum Gottesdienst, für Konzerte, Kinoabende oder auch Chorproben angenehm erwärmt ist.

Gemeinde will Angebot neben dem Gottesdienst deutlich ausbauen

In derartigen Veranstaltungen sieht der Pfarrer eine große Chance für das Haus, das in seinen Augen „keine reine Gottesdienstkirche“ mehr sein soll. Kulturelle Angebote gibt es in de Petruskirche seit Langem, doch die Gemeinde will das Angebot deutlich ausbauen, wenn das wieder möglich ist. Der Grund ist ein ganz praktischer. Die Mitgliederzahl – Becker spricht von rund 1200 – ist zwar stabil, aber mit Nachwuchs in nennenswerter Größe rechnet er nicht.

„Bei vielen Familien, die vor 15, 20 Jahren nach Kröllwitz gezogen sind, gehen die Kinder nach und nach aus dem Haus.“ Zu Gottesdiensten – „Weihnachten darf man nicht mitrechnen“, sagt der Pfarrer – kämen meist nur 20 bis 30 Besucher. Um die Kirche darüber hinaus attraktiv zu halten, soll sie sich weiter als kultureller Anziehungspunkt etablieren.

Gesundheitsschädlichem Asbest im Fußboden gefunden - nun Wärme aus Ökostrom

Pläne, dafür die Voraussetzungen zu schaffen, gibt es schon länger. Dass sie nun vor dem Jubiläum in die Tat umgesetzt werden, hat mit einer unliebsamen Entdeckung zu tun. Zum Jubiläum sollte das Haus einmal gründlich gesäubert werden. Bei der Reinigung der Schächte für die Dampfheizung stellte sich heraus, dass im Boden Platten aus gesundheitsschädlichem Asbest verlegt waren. Die mussten raus.

Wenn, dann richtig, lautete die Entscheidung in der Gemeinde. Inzwischen ist der Fußboden erneuert. Die Kirche ist außerdem mit Infrarotstrahlern ausgestattet, die Wärme aus Ökostrom verbreiten und damit zukunftsträchtiger sind als die alte Dampfheizung, die aber weiter genutzt wird, wie der Pfarrer sagt. Weiterer Vorzug: Je nach Temperatur kann es schon ausreichen, die Strahler anzuschalten – bei geringeren Heizkosten.

Neue Tischen bieten Platz für Begegnungen und Toiletten neben den Treppen zum Kirchturm

Eingebaut worden ist zudem eine Sitzheizung. Auch die Tontechnik in der Kirche, von der Pfarrer Becker schwärmt, sie habe eine wunderbare Akustik, wurde erneuert. Und Freiraum geschaffen: Vor dem Altar könnte nun ein Orchester mit 40 Musikern spielen. Die Zahl der Bankreihen ist auch im östlichen Teil der Kirche – unüblicherweise ist der Bau auf dem Kröllwitzer Porphyrfelsen nach Westen ausgerichtet – reduziert worden.

Dafür gibt es dort nun an Tischen Platz für Begegnungen. Folgen soll eine kleine Küchenzeile, und unter den beiden Treppen zum Kirchturm werden Toiletten eingebaut. Das hat auch den Grund, dass die Kirche nicht mehr vom benachbarten Gemeindehaus abhängig sein soll. Mit den Bauarbeiten hat sie Wasser- und Abwasseranschluss erhalten. Bis September sollen die Arbeiten komplett abgeschlossen sein.

Kirchenleben findet aber statt, trotz Bauarbeiten und trotz Corona. Neben den sonntäglichen Gottesdiensten lädt der Pfarrer an jedem Werktag im Mai um 18 Uhr zur Andacht ein. Zudem ist die Kirche von 9 bis 18 Uhr zur Besichtigung offen. Wer kommt, kann sich derzeit die Ausstellung „Tanz des Lebens“ mit Bildern von Friedhelm Kasparick, Pfarrer in der Paulusgemeinde, ansehen. (mz)