Täter wollte ein „Massaker“

Schüsse vor Synagoge in Halle Saale, Amoklauf: Zwei Todesopfer - Ermittlungen nach „mutmaßlichem Anschlag“

Halle (Saale) - Am Tag nach dem Anschlag auf Halle arbeiten Behörden unter Hochdruck: Woher hatte Stephan B. die Waffen, wie radikalisierte er sich so unbemerkt? Was bisher bekannt ist.

Von Jan Schumann 10.10.2019, 20:56

Am Tag nach dem Anschlag trägt Halle Trauer. Und sucht Antworten. Hätte die tödliche Attacke verhindert werden können? Wer sind die Opfer? Und was wissen die Ermittler über den Täter, der offenbar ein regelrechtes Blutbad anrichten wollte? Wir dokumentieren, was zum Redaktionsschluss bekannt war.

Wer sind die Opfer des rechtsextremen Attentäters?

Die beiden Toten aus Halle sind identifiziert. Bei der Frau, die vor der Synagoge in der Humboldtstraße erschossen wurde, handelt es sich um eine 40-jährige Hallenserin. Der Tote aus dem nahe gelegenen Imbiss ist ein 20-Jähriger aus Merseburg (Saalekreis). Beide Personalien bestätigt die Polizei.

Entwarnung für zwei weitere Schwerverletzte im Alter von 40 und 41 Jahren aus Queis (Saalekreis). Zwar schoss der Täter sie auf seiner Flucht aus Halle an, sie sind aber nicht in Lebensgefahr.

Was ist über den Verdächtigen bekannt?

Der Festgenommene ist ein 27-Jähriger aus Benndorf bei Eisleben (Mansfeld-Südharz). Er handelte aus Judenhass - das zeigt das Video der Tat, das er live im Netz verbreitete. Er leugnet darin den Holocaust, verbreitete antisemitische Verschwörungstheorien. Neben dem Bekennervideo verbreitet er im Netz auch eine Art „Manifest“. Es zeigt unter anderem Waffentypen, die er bei seinem Anschlag verwendet haben soll.

Der Verdächtige gilt als unbeschriebenes Blatt. „Nach aktuellem Stand“ sei er nie als Extremist in Erscheinung getreten, so Landes-Innenminister Holger Stahlknecht (CDU). „Wir gehen von einem Einzeltäter aus.“ Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) deutet am Mittwoch an, der Täter könnte sich Waffen im Darknet besorgt haben - dem anonymen, schwer überwachbaren Teil des Internets. Der Verdächtige solle bis zum Abend in Untersuchungshaft kommen, sagt der Generalbundesanwalt.

War die Synagoge in Halle ausreichend gesichert?

Nein, sagen jüdische Vertreter. Und sehen sich durch Einschätzungen von Generalbundesanwalt Peter Frank bestärkt: Ein „Massaker“ habe der schwerbewaffnete Täter anrichten wollen.
Innenminister Holger Stahlknecht (CDU) sagt indes, es habe „sehr wohl Schutzmaßnahmen“ gegeben. Das Gotteshaus sei durch unregelmäßige Polizeistreifen gesichert worden.

Es habe „keine Hinweise auf potenzielle Tötungsdelikte mit antisemitischen Hintergrund“ gegeben - und in den vergangenen fünf Jahren auch keine Gewaltdelikte auf die Synagoge. In Zeiten unbemerkter „Selbstradikalisierung“ von Tätern unter dem Radar seien diese Maßnahmen nur bedingt wirksam. Er schildert, die Polizei sei nach dem ersten Notruf (12.03 Uhr) bereits nach acht Minuten an der Synagoge gewesen.

Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, sagt hingegen: Angesichts der Ereignisse müsse von „Glück“ gesprochen werden. Wäre es dem Täter gelungen, in die Synagoge einzudringen, „hätte es ein Massaker unbeschreiblichen Ausmaßes gegeben“, so Schuster. Mit seinem Waffenarsenal wären viele Todesopfer „ein Leichtes“ für den Täter gewesen.

Was bedeutet der Fall für die jüdische Gemeinschaft?

Synagogen sollen besser gesichert werden, so Haseloff und Stahlknecht. Der Landes-Innenminister sagte zu, dass zu Gebetszeiten und Veranstaltungen nun durchgehend Polizeistreifen vor Ort sein werden. Haseloff: „Alle Sicherheitsmaßnahmen, die möglich sind“, sollten kommen. Der Regierungschef sagt, der Schutz sei nötig, „weil wir jüdisches Leben nicht nur erhalten wollen, sondern wachsen sehen wollen“.

Sehen Politiker Anstifter der Tat im rechtsradikalen Milieu?

Ja. Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) spricht von „geistiger Brandstiftung“, als ein Reporter nach der AfD fragt. „Das gilt nicht für alle“, ergänzt Seehofer. „Aber wenn ich mir so einige Reden anhöre, vor allem auch Veröffentlichungen, kann man im Ernst nicht bestreiten, dass bei einigen auch die geistige Brandstiftung stattfindet.“ Konkrete Politiker nennt er nicht.

Zuvor spricht Haseloff wörtlich von einem „Sumpf“ des Rechtsradikalismus. Es nennt die Zahl von 12.000 bekannten, gewaltbereiten Rechtsradikalen in Deutschland. „Wir können nicht zulassen“, dass diese die freiheitlich-demokratische Grundordnung in Frage stellen. Im Blick haben die Unionspolitiker vor allem Straftaten im Internet - sowohl den Waffenhandel im Darknet, aber auch Hasspostings in den sozialen Netzen.  (mz)

Polizisten stehen an der Mauer des jüdischen Friedhofs. Bei Schüssen in Halle sind zwei Menschen getötet worden.
Polizisten stehen an der Mauer des jüdischen Friedhofs. Bei Schüssen in Halle sind zwei Menschen getötet worden.
dpa-Zentralbild
Einsatzfahrzeuge stehen auf einer Kreuzung Hauptstraße am Rand des Paulusviertels in Halle. Bei Schüssen sind zwei Menschen getötet worden.
Einsatzfahrzeuge stehen auf einer Kreuzung Hauptstraße am Rand des Paulusviertels in Halle. Bei Schüssen sind zwei Menschen getötet worden.
dpa