Spiegel der Gesellschaft

Neues Theater: Tony Kushners „Engel in Amerika“ feiert Premiere in Halle

Tony Kushners „Engel in Amerika“ am Neues Theater erzählt von den dramatischen Umwälzungen, vor der die Welt steht - zur Entstehungszeit des Stücks wie heute.

Von Katja Pausch 17.09.2021, 13:32
?Engel in Amerika? feiert in der Regie von Ingo Kerkhof am NT Premiere. Im Bild: Bettina Schneider (Engel) und Marian Kindermann
?Engel in Amerika? feiert in der Regie von Ingo Kerkhof am NT Premiere. Im Bild: Bettina Schneider (Engel) und Marian Kindermann (Foto: Anna Kolata)

Halle (Saale)/MZ - Sie kommen einem seltsam bekannt vor, die Themen, die dem amerikanischen Autor Tony Kushner für sein Stück „Engel in Amerika“ angesichts der gravierenden gesellschaftlichen Umwälzungen, vor der die Welt damals, zur Entstehungszeit des Stückes, in den 1980er Jahren stand. Ronald Reagan war US-Präsident, eine Aids-Epidemie erfasste die Welt. Kushner, Drehbuchschreiber und Autor und 1956 in Manhattan in einer jüdischen Familie geboren, erzählt in „Engel in Amerika“ von aufgeklärten Liberalen, pflichtbewussten Mormonen, homosexuellen Republikanern, selbstlosen Drag-Queens, valiumsüchtigen Ehefrauen und zum Tode geweihten Patienten in New York.

Sie alle müssen sich angesichts komplexer Krisen neu orientieren und miteinander verbinden, um in den Rissen der Geschichte nicht zu verschwinden. Und dann sind da noch die Toten, die Geister verstorbener Ahnen und Engel, die ihren Anspruch auf das uneingelöste Glücksversprechen vergangener Leben geltend machen wollen ...

In „Engel in Amerika“, 1993 in zwei Teilen entstanden, zieht Kushner eine bitter-ironische Bilanz der US-Gesellschaft in dieser Zeit der Umwälzung, vor der die Welt damals, kurz vor der Jahrtausendwende, stand - und heute erneut steht.

„Es erzählt etwas über das Sterben - und damit auch etwas über das Leben“

„Kushner“, sagt Regisseur Ingo Kerkhof, der „Engel in Amerika“ jetzt auf die Bühne des halleschen Neuen Theaters holt, „hat mit diesem Stück versucht, seine Gegenwart darzustellen“. Eine Gegenwart, die heute von den meisten ähnlich erlebt wird: Selbstverständlichkeiten zerfallen vor aller Augen, Volksparteien demontieren sich scheinbar selbst, Demokratien werden von rechtsautoritären Strömungen unterhöhlt, der brasilianische Regenwald und Down Under brennen, und in der Arktis herrschen im Februar die gleichen Temperaturen wie in Kalifornien. Kurzum: Auch heute steht die Welt vor tiefgreifenden Veränderungen; manchen hat gar die Angst vor der Apokalypse, vor dem Weltuntergang gepackt.

Für Kerkhof ist das Stück, das die Krise der Politik, des amerikanischen Gesundheitswesens und der Gesellschaft überhaupt thematisiert und das 2003 als TV-Serie erschien, nicht nur deshalb zeitgemäß. „Es erzählt etwas über das Sterben - und damit auch etwas über das Leben“, so Kerkhof. Es stelle die Frage, wie Menschen mit Katastrophen umgehen, und auch, wie wir leben wollen. „Es geht um große menschliche Themen, um Toleranz und das Überwinden von Grenzen“, so Kerkhof, den der Stoff des Stückes „schon sehr lange“ beschäftigt. Heute, heißt es im Ankündigungstext des Neuen Theaters, nimmt es aktueller denn je unsere Bewältigungsstrategien in Zeiten fundamentaler Umbrüche in den Blick: spitzzüngig, humorvoll und trotz aller Katastrophen liebestrunken.

Premiere Freitag, 17. September, 19.30 Uhr, nächste Samstag, 19.30 Uhr