Zuhause statt im Krankenhaus

Mobile Kinderkrankenpflegerin: Margrit Ilse aus Halle betreut schwer kranke Kinder

Halle (Saale) - Margrit Ilse arbeitet als mobile Kinderkrankenpflegerin und betreut schwer kranke Kinder bei ihnen zu Hause

Von Anika Berger 15.09.2018, 12:00

Ruhig liegt der neun Wochen alte Rami in den Armen seines Vaters im Wohnzimmer eines Hochhausblocks in Halle-Neustadt. Er schläft friedlich und lässt nichts erahnen von dem, was er in den wenigen Wochen seines Lebens schon erlebt hat. Rami hat einen komplizierten Herzfehler und schon zwei Operationen hinter sich. Weitere werden folgen.

Deshalb kommt Margrit Ilse als mobile Kinderpflegerin nun zwei Mal pro Tag und spritzt dem Säugling mit dem dunklen Struwwelhaar Blutverdünner. „Früher hätte Rami das erste Jahr im Krankenhaus verbringen müssen“, erklärt Schwester Margrit, wie sie sich vorstellt. Heute gehe das zu Hause.

Mobile Kinderkrankenpflege: Margrit Ilse arbeitete bis 1996 in der Uni-Klinik Halle-Kröllwitz

Die 56-Jährige muss es wissen. Bevor sie 1996 ihren Pflegedienst Med Concret gegründet hat, war sie 15 Jahre lang Kinderkrankenschwester in der Uniklinik in Halle-Kröllwitz. Dort hatte sie oft mit Kindern zu tun, die nicht nach Hause durften oder nach der Entlassung wieder zurückkamen, weil es an der professionellen Pflege zu Hause fehlte. Das wollte sie ändern.

Also machte sie sich mit Anfang 30 selbstständig, gab den sicheren Klinik-Job auf. „Viele Bekannte hielten mich für verrückt.“ Heute kann sie sich nichts anderes mehr vorstellen. In ihrem Büro in der Großen Steinstraße sammelt sie in Fotoalben die Bilder „ihrer Kinder“. Einige werden nach der Pflege zu Hause wieder gesund, andere brauchen Zeit ihres Lebens Pflege. Viele sind schon gestorben. Margrit Ilse erinnert sich an alle.

Mobile Kinderkrankenpflege: Margrit Ilse besucht den kleinen Rami

Der Fall des kleinen Rami ist ein Lichtblick, denn er wird wieder gesund werden. „Er wird vielleicht kein Leistungssportler, aber mal normal leben können“, sagt Margrit Ilse und fischt die Spritze mit der dünnsten Nadel aus dem kleinen, durchsichtigen Plastikköfferchen, das allerlei Pflaster, Binden und alles für die Wundversorgung enthält.

Sie hat ungewöhnlich kräftige Finger für eine so schmale Person. Sie kann zupacken, wenn sie will. Für den kleinen Rami zieht sie die winzige Dosis Medikament aber extra behutsam in die Spritze und setzt am Oberschenkel an. Rami zuckt kurz, heult auf und schläft dann wieder ein.

Margrit Ilse: Mobile Kinderkrankenpflegerin stemmt am Tag bis zu 20 Termine

Für das Setzen der Spritze bekommt Schwester Margrit von der Krankenkasse drei Minuten bezahlt. Vor Ort ist sie über zehn, schließlich gehört auch dazu, sich mit den Eltern auszutauschen. Während viele ihrer Mitarbeiterinnen - es gibt nur einen Mann - sich als ständige Pfleger um ein schwer behindertes Kind täglich acht Stunden kümmern, ist Margrit Ilse immer unterwegs.

Sie versorgt als ausgebildete Fachschwester für Intensivmedizin und Anästhesie vorübergehende Intensivpatienten wie Rami und fährt bei den langfristigen Patienten regelmäßig zur Visite vorbei. Am Tag kommen so schon mal weit über 20 Termine zusammen.

Mobile Kinderkrankenpflege: Patrick war einer der ersten Patienten von Margrit Ilse

Einer ihrer ersten Patienten war Mitte der 1990er Jahre Patrick. Er war damals acht Jahre alt. Heute ist er 32. Wer einmal bei ihrem Pflegedienst betreut wird, bleibt es ein Leben lang. Patrick hat Adrenoleukodystrophie, eine Krankheit, bei der die weiße Hirnsubstanz verloren geht. Bis er sechs oder sieben Jahre alt war, entwickelte er sich normal.

Dann begann er plötzlich, über die Zeilen zu schreiben, wurde tollpatschig. „Innerhalb eines halben Jahres hat er dann alle Fähigkeiten verloren“, erinnert sich Patricks Mutter. Heute ist Patrick rund um die Uhr pflegebedürftig, liegt nur im Bett, wird nachts mit einem Gerät beatmet.

Margrit Ilse: Patienten der mobilen Kinderkrankenpflegerin können zu Hause gepflegt werden

„Das alles geht heute zu Hause“, erklärt Margrit Ilse, die an diesem warmen Freitag weiße Jeans, weißes Top, weiße Bluse und Perlenkette trägt. Die Stufen in den 18. Stock des Plattenbaus in Neustadt ist sie zu Fuß gegangen. Margrit Ilse geht immer zu Fuß. „Das ist mein Ausgleich, um den Kopf freizukriegen“, sagt sie.

Heute ist sie da, um Patrick abzuhören. Die Pflegerin vor Ort sorgt sich, dass er sich etwas eingefangen hat. Doch es ist nichts. Zum Glück. Bekommt Patrick einen Infekt, weiß man nie, wie er das verkraftet. Seine körperlichen und geistigen Fähigkeiten bauen immer weiter ab. Und irgendwann, sagt Margrit Ilse, funktioniere dann die Atmung nicht mehr.

Dank mobiler Kinderkrankenpflege: Eltern der kranken Kinder können arbeiten gehen

Wann das sein wird, weiß niemand. Schon heute ist Patrick einer der ältesten Patienten mit dieser Diagnose in Deutschland. „Er ist ein Kämpfer“, sagt seine Mutter. „Er ist ein Wunderkind“, sagt Margrit Ilse.

„Patricks Eltern leben nur für ihren Sohn“, sagt die Krankenschwester. Andere Eltern genießen die Freiheit, die sie dank des Pflegedienstes gewinnen. „Bei uns arbeiten fast alle Eltern, weil wir da sind“, ist sie stolz. Sogar in den Urlaub könnten die Eltern fahren. Alleine oder mit Kind und Pflegerin.

Eltern der kleinen Lilly pflegten ihr schwer krankes Kind erst alleine

Auch Christian Damm und seine Frau nutzen das. Zu ihrer Tochter Lilly bringt Schwester Margrit an diesem Tag Medizin. Die Siebenjährige ist schon seit ihrer Geburt schwer behindert, hat epileptische Anfälle, braucht alle drei Stunden Medikamente. „Es war schnell klar, dass Lilly nicht laufen können wird“, sagt ihr Vater.

Deshalb zog die Familie von der Innenstadt-Wohnung im vierten Stock in ein Einfamilienhaus in Büschdorf. „Anderthalb Jahre lang haben wir alles alleine gemacht“, erzählt Christian Damm und streichelt liebevoll Lillys Hand, die verkrümmt in ihrem Bett liegt. Doch irgendwann ging das nicht mehr. Das Paar wollte normal leben.

Mobiler Pflegedienst von Margrit Ilse kümmert sich 16 Stunden am Tag um schwer kranke Lilly

Diese Normalität versuchen sie schließlich auch ihrer Tochter beizubringen, die selbstverständlich zu Grillnachmittagen bei Freunden immer dabei ist. „Wir haben uns nicht zurückgezogen“, erklärt Damm. Vor einem Jahr hat Lilly eine gesunde Schwester bekommen.

Nach der Elternzeit will Damms Frau wieder arbeiten. Das alles geht nur, weil die Mitarbeiter vom Pflegedienst mit Lilly im Rollstuhl einkaufen oder zum Therapieschwimmen gehen, Medikamente geben, füttern - 16 Stunden am Tag.

Mobile Kinderkrankenpflege von Margrit Ilse ist der einzige Dienstleister in der Region um Halle

40 Krankenschwestern, Pflegehilfskräfte oder auch Altenpfleger arbeiten für Margrit Ilse. Und es könnten noch viel mehr sein. Der Bereich der Kinderpflege wird selten erwähnt, wenn es um die Pflegekrise geht. Obwohl es dort fast noch schlimmer aussieht als in der Altenpflege, denn Eltern haben oft keine Auswahl.

In Halle und der näheren Umgebung ist Margrit Ilses Dienst der einzige regionale Anbieter. Hat sie keine Kapazitäten frei, heißt das oft, dass die Kinder im Krankenhaus bleiben oder ins Heim müssen, wenn die Eltern die Pflege nicht selbst stemmen können. Zwei bis drei Anfragen gäbe es täglich, doch nur die Kurzzeitpflege wie bei Baby Rami kann sie zuverlässig leisten.

Mobile Kinderkrankenpflege: Margrit Ilse muss auch Patienten absagen

Das Absagen habe sie über die Jahre leider lernen müssen, sagt Margrit Ilse. Denn für Kinder, die Langzeitpflege brauchen, fehlen ihr meist die Mitarbeiter. Doch es mangelt an Bewerbungen. Und passen müsse es ja auch.

Pflege sei Vertrauenssache und auch emotional eine Herausforderung, gerade wenn es um Kinder geht. „Man darf das nicht mit nach Hause nehmen und zur eigenen Familie tragen“, sagt sie.

Mobile Kinderkrankenpflege: Margrit Ilse besucht Patienten auch in der Schule

Margrit Ilse hat zwei mittlerweile erwachsene Söhne. Obwohl sie weiß, was alles passieren kann, sei sie als Mutter nie übervorsichtig gewesen. „Ich dachte eher: Lass sie sich dreckig machen. Immerhin können sie es wenigstens selbst.“ Auf ihrer Runde liegen Termine bei Kindern, die das auch können.

Eine 13-Jährige mit Rückenmarksspalte, die nicht auf die Toilette gehen kann und deshalb täglich drei Mal einen Katheter braucht. Oder ein Sechsjähriger mit Mukoviszidose, der täglich drei Mal inhalieren muss. Margrit Ilse besucht sie über Mittag in ihren Schulen. Morgens und abends übernehmen die Eltern die Pflege.

Auf den Autofahrten zwischendurch klingelt ständig das Telefon. Mitarbeiterinnen wollen Termine koordinieren, Eltern fragen an, eine Frau meldet sich auf einen Aufruf, in dem Margrit Ilse eine Rollstuhlassistenz für eine junge Frau sucht. 13 Termine hat sie an diesem Freitag zwischen 6.30 Uhr und etwa 20 Uhr. Mehr ging heute nicht. Immerhin sei ja noch Büroarbeit zu tun. (mz)

Mehr Informationen dazu: www.kinderkrankenpflege-halle.de