Stadtteil Ammendorf

Meine Stadt, feine Stadt: In Ammendorf zieht ein Hauch von Großstadt ein

Halle (Saale) - Kaum eine Gegend Halles ist von den Umbrüchen der letzten hundert Jahre so verändert worden wie Ammendorf. Doch inzwischen stabilisiert sich das Viertel.

Von Detlef Färber 29.05.2018, 06:00

Es ist fast wie ein Gleichnis auf die Lage am Ort des Geschehens: Schöner werden kann auch, wer den Gürtel enger schnallt - oder ihn schon hat enger schnallen müssen.

Vielleicht kann eine solche Prozedur ja auch die Chance eröffnen, neue Dynamik zu entwickeln. Wobei hier zunächst nicht von normalen Gürteln die Rede sein soll, sondern sozusagen von deren breitest möglicher Variante, dem Korsett. Denn an der südlichen Peripherie Halles hat gerade ein Laden der Haute Couture eröffnet, in dem es Korsetts und mehr noch Schnürkleider für Galas, Hochzeiten und andere gehobene Anlässe zu kaufen gibt.

Designerin aus Berlin wagt in Ammendorf ihr Glück

In Ammendorf? Dort, wo es sonst kaum noch Einzelhandel in kleinen Läden gibt? Ja, und es wird noch erstaunlicher. Nicht etwa eine hallesche Designerin oder „Burg“-Absolventin betreibt den besagten Laden, sondern eine Berlinerin, die als Gewandmeisterin vor allem fürs Theater gearbeitet hat und arbeitet.

Mane Lange heißt sie und hat auch schon Gala-Kleider für Stars wie Inka Bause kreiert. Oder für etliche der prominenten Besucher des Wiener Opernballs oder der Bayreuther Festspiele. „Ich habe lange nach einem Haus wie diesem gesucht“, sagt sie - und plant auch noch, eine Yoga-Schule darin unterzubringen, während sich in der anderen Erdgeschosshälfte des prächtigen Bürgerhauses weiterhin der Gemüseladen halten kann, der freilich - wie sein Betreiber Uwe Bauermann sagt - längst kein reiner Gemüseladen mehr sein kann, sondern sich in Richtung Tante-Emma-Laden entwickelt hat.

Ammendorf hat harte Umbrüche erlebt

Und eher Metropolentypisches wie „Coffee to go“ gibt’s bei ihm auch: Insgesamt also ein Hauch von Stadt, der sich ausbreitet in Ammendorf - jenem Ort in Halle, dem die harten Umbrüche der vergangenen eineinhalb Jahrhunderte wohl das deutlichste Auf und Ab beschert hat.

Über tausend Jahre geht die Geschichte des Ortes zurück. Schon mehr als 900 Jahre alt ist die Radeweller Wenzelskirche. Als sie fertig gebaut war, wurde fast gleichzeitig, im Jahr 1115, auch schon ein Heinrich von Ammendorf urkundlich erwähnt und kurz darauf in Beesen eine romanische Kapelle errichtet.

Auch die Dörfer Burg in der Aue und Planena gehören seit nun fast hundert Jahren zu Ammendorf. Und ab 1937 hatte dieses große Ammendorf sogar Stadtrecht und war mit bis zu 21.000 Einwohnern die größte Stadt im damaligen, freilich kleinen „Saalkreis“.

Ammendorf: Vom Döfchen zum industriellen Zentrum der Stadt

Was wirtschaftliche Gründe hatte, denn in Ammendorf öffnete schon vor 160 Jahren etwa die erste Brikettfabrik der Welt. Doch auch eine der größten Giftgasfabriken Deutschlands - die Orgacid GmbH, in der bis 1945 das (freilich im Zweiten Weltkrieg nicht mehr eingesetzte) Senfgas hergestellt worden war - gehört zur Ortsgeschichte: Und natürlich Gottfried Lindners Waggonbau AG, die samt ihren Nachfolgern dem Namen Ammendorf nicht weniger als Weltgeltung in der Wirtschaft verschafft hat.

Doch mit dem steilen Aufstieg und dem industriellen Aufblühen des einstigen Dörfchens südlich von Halle rückten auch die großen Brüche näher - zumindest zwei. Durch die kommunistische Enteignungspolitik nach 1945 ging Ammendorf mit seinen zahlreichen Unternehmen im Windschatten der Waggonbauer natürlich viel an wirtschaftlicher Dynamik und Kreativität verloren - und nach der deutschen Wiedervereinigung von 1990 dann auch noch ein Großteil der Industriearbeitsplätze der Stadt, was auch die große Abwanderungswelle mit zur Folge hatte. Nur noch knapp 7.000 Einwohner zählt dieser Teil Halles (Eingemeindung 1950) inzwischen.

Ammendorf: Stadtteil mit Geheimtipp-Qualität

Doch wie fast in ganz Halle, ist die Schrumpfung nun auch in Ammendorf gestoppt - und ist hoffentlich Geschichte. Allerdings dürfte es noch dauern, bis die Verwerfungen aus den schwierigen Jahren überwunden sein werden. Symbole vergangenen Wohlstands wie das einst in ganz Halle beliebte Freibad werden aber schwerlich zu ersetzen sein. Anderes, wie etwa das an eine Kirche erinnernde, fast majestätische Feuerwehrhaus, ist inzwischen der Stolz dieses Stadtteils - eines Stadtteils mit Potenzial und sogar mit Geheimtipp-Qualität.

Dass Ammendorf, trotz seiner Transitlage an Halles Nord-Süd-Achse, dank etlicher Sackgassen recht unzugänglich ist, sorgt für eine vielerorts überraschend ruhige Lage. Und damit auch für den Zuzug vieler junger Leute, die auch die Infrastruktur mit Schule, Stadion, einer vorbildlichen Gartenanlage, mit neuem Spielplatz und einigen beliebten und gut frequentierten Treffpunkten offenbar zu schätzen wissen - und also wohl weiterempfehlen. Damit rücken - neben einer erstaunlichen Vorgeschichte - nun immer stärker Gegenwart und Zukunft ins Blickfeld.

Kommt Ammendorf wieder in Aufwind?

Einst, so sagt man, hatte Ammendorf mal die höchste Millionärsdichte Deutschlands: Lange ist’s freilich her. Doch zumindest für ein kleines Comeback des einstigen Prosperierens könnten Kreative wie Mane Lange mit ihrer Festgarderobe schon mal die Vorboten sein. Wobei man einen Ort (im übertragenen Sinn) nicht nur „schönschnüren“ kann - wie die Designerin es mittels ihrer Korsette vorführen könnte - nein, ein bisschen wachsen und den sprichwörtlichen Speck ansetzen darf und muss Ammendorf auch bald wieder.

Die Chance dafür scheint da zu sein. (mz)