Leistungssportreform

Leistungssportreform: Aus für Turnen und Gymnastik in Halle

Halle (Saale) - An diesem Dienstag treffen sich in Frankfurt (Main) die Verantwortlichen des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), der Landessportbünde (LSB) und der Spitzenfachverbände von insgesamt 48 Sportarten.

Von Petra Szag 18.10.2016, 08:56

An diesem Dienstag treffen sich in Frankfurt (Main) die Verantwortlichen des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), der Landessportbünde (LSB) und der Spitzenfachverbände von insgesamt 48 Sportarten. Sie diskutieren über die geplante Leistungssportreform, deren Eckpunkte nun als Entwurf vorliegen. Petra Szag unterhielt sich darüber mit Andreas Silbersack. Der Präsident des Landessportbundes Sachsen-Anhalt ist Sprecher aller LSB und hat an dem Papier aktiv mitgearbeitet.

Herr Silbersack, warum braucht der deutsche Sport eine Reform der Leistungssportförderung?
Silbersack: Der Prozess der Neuausrichtung ist ja schon nach 2012 mit dem neuen DOSB-Präsidenten Alfons Hörmann forciert worden. Fakt ist: In den letzten Jahren gab es einen schleichenden Abstieg, was Erfolge angeht. Also hat man sich auf Bundesebene die Frage gestellt, wie man gegensteuert.

Was ist dabei herausgekommen? Was genau wird sich in der Sportförderung ändern?
Silbersack: Um es auf den Punkt zu bringen: Es geht dabei weniger um das, was in der Vergangenheit geleistet wurde, sondern der Blick wird in die Zukunft gerichtet.

"Es werden Sportarten nicht mehr berücksichtigt"

Das heißt, nicht mehr wie bisher auf Basis früherer Erfolg wird Geld ausgeschüttet. Oder anders: Wo kein Zukunftspotenzial gesehen wird, da wird künftig nicht mehr gefördert?
Silbersack: Genau.

Das könnte heißen, dass ganze Sportarten aus der Förderung herausfallen?
Silbersack: Wir werden genau schauen, welche Athleten wir in den einzelnen Sportarten haben. Zukünftig werden zweifellos auch ganze Sportarten nicht mehr berücksichtigt werden.

Was wie Todesurteil sein könnte. Wirkt das nicht demotivierend für den Nachwuchs in diesen Sportarten?
Silbersack: Nein. Denn wir reden hier über die Ebene der Spitze, die vom Bund gefördert wird. Und auch da ist nichts in Stein gemeißelt. Das gilt nur vier bis acht Jahre.

Fokus auf Schwimmen/Wasserspringen, Rudern, Leichtathletik und Kanurennsport

Über die Förderung entscheidet künftig die so genannte Potas-Kommission (Potas: Potenzial, Analyse, System). Zu dieser gehören Vertreter des DOSB und des Bundesinstitutes für Sport, dazu Wissenschafter, also Hochschulprofessoren und Mitarbeiter der Führungs-Akademie des DOSB. Sie ermitteln nach einem mathematischen Prinzip die Exzellenz-Cluster und Potenzial-Cluster - das Potenzial der einzelnen Sportarten. Wenn DOSB und BMI gemeinsam entschieden haben, wer gefördert wird, dann wird der Fördermittelentscheid durch den Bundesinnenminister Thomas de Maizière für die Sportarten freigeschaltet.

Wird sich an der Höhe der Fördermittel etwas ändern?
Silbersack: Die Sockelförderung, die 150 Millionen Euro, mit denen das Bundesinnenministerium den Spitzensport bisher unterstützt hat, bleibt. Neu ist aber, dass der Fördermittelgeber den Prozess federführend mitgestalten will. Deshalb haben sich verschiedene Arbeitsgruppen gebildet, die in ein Beratungsgremium münden, zu dem unter anderem eben auch der Minister Thomas de Maizière gehört.

Lassen Sie uns das einmal auf Sachsen-Anhalt herunterbrechen. Wo sehen Sie als LSB-Präsident das Bundesland künftig?
Silbersack: Wir haben ein Leistungssportkonzept mit vier Schwerpunktsportarten: Schwimmen/Wasserspringen, Rudern, Leichtathletik und Kanurennsport. Diese vier sehen wir auch in der Zukunft in dem neuen System, dafür werden wir kämpfen, das ist unsere Aufgabe.

Vier Kernsportarten, die an welchen Standorten im Land betrieben werden sollen?
Silbersack: Wir haben uns längst von der Fragestellung Halle oder Magdeburg verabschiedet. Es geht darum, wie sich Sachsen-Anhalt im Konzert der Bundesländer aufstellt. Wo sind wir Spitze? Und wo sind wir Ausbilder im Nachwuchsbereich für andere? Wir können nicht erwarten, dass Spitzenathleten in 48 Sportarten zu uns kommen. Aber dort, wo wir unsere Schwerpunkte haben, wo wir Spitze sind, da werden wir das durchaus einfordern.

Spiegelt sich das im aktuellen Entwurf auch wider? In welchen Sportarten wird Sachsen-Anhalt eine Rolle spielen?
Silbersack: Nach dem jetzigen Stand sind das tatsächlich unsere vier Schwerpunktsportarten. Rudern allerdings nicht als Bundesstützpunkt, sondern als Nachwuchsbundesstützpunkt. In dieser Sportart sollen Berlin, Ratzeburg und Dortmund die Topstandorte sein, an denen sich die Exzellenz-Kader auf Olympia 2020 vorbereiten.

Was konkret heißen würde: Sachsen-Anhalts einzige Olympiasiegerin, Julia Lier, müsste umziehen?
Silbersack: Es geht um tägliche Verfügbarkeit - generell ab dem 1. Januar 2019 und speziell bei den Ruderern ab dem 1. November 2018. Die Zeit bis dahin gilt als Übergangszeit.

Kein Zweikampf zwischen Halle und Magdeburg

Ein Blick in die anderen Sportarten, die Bundesstützpunkte im Land unterhalten. Im Schwimmen hat Halle derzeit den Status, Magdeburg möchte ihn gern haben.
Silbersack: Ich kann natürlich nicht sagen, wie sich der Deutsche Schwimmverband in der Frage positionieren wird, der die Entscheidung ja inhaltlich mit vorbereitet. Doch ich kann nur raten, den Blick auf ganz Deutschland zu richten und nicht auf einen Zweikampf zwischen Halle und Magdeburg.

Der SV Halle stellt bundesweit die erfolgreichste Nachwuchsabteilung im Schwimmen.
Silbersack: Erfolge im Nachwuchs sind die besten Argumente. Ich sehe auch nicht, dass Halle die Segel streicht. Aber die Hallenser müssen zeigen, was sie in der Zukunft leisten können.

Halle hat eine neue Schwimmhalle mit Top-Bedingungen. Spielen bei der Entscheidung auch Infrastruktur-Fragen eine Rolle?
Silbersack: Die Infrastruktur ist auch ein starkes Argument, natürlich. Aber es geht vor allem um die Perspektive. Wir können uns nicht mehr auf eine Kornelia Ender (vierfache Olympiasiegerin 1976/d. R.) berufen. Die Vergangenheit, egal wie weit sie zurückreicht, ist nicht das Hauptargument, sondern die Zukunft entscheidet.

Schauen wir also auf die Sportarten, um die es nicht so gut steht. Wo kann Sachsen-Anhalt nicht mehr wuchern?
Silbersack: Gestrichen werden sollen die Bundesstützpunkte Turnen männlich und Rhythmische Sportgymnastik.

Das heißt, diese Sportarten gibt es hier im Bundesland künftig nicht mehr?
Silbersack: Wenn wir sagen, wir haben vier Schwerpunktsportarten, heißt das ja nicht, dass wir uns auf Landesebene von allen anderen verabschieden. Im Gegenteil. Wir wollen uns noch flexibler aufstellen. Ich würde mir da auch wünschen, dass unsere beiden leistungssporttragenden Vereine SV Halle und SC Magdeburg noch stärker an ihrem Profil arbeiten und künftig noch stärker glänzen und besser wahrgenommen werden. Unsere Aufgabe im Nachwuchsbereich ist es, Kinder und Jugendliche zu motivieren, damit der Standort an Stärke gewinnt, da sind alle gefragt.

Trotzdem heißt weniger Förderung, dass weniger Geld für Trainer da sein wird. Was passiert mit den Übungsleitern der gestrichenen Sportarten, deren Verträge am Ende des Jahres auslaufen?
Silbersack: Wir werden schauen, wie wir sie in unser Leistungssportsystem einbinden können. Doch wenn zu wenig Kadersportler oder Talente da sind, dann muss die Sportart selbst wieder Argumente liefern für eine Förderung.

"Wir wollen mehr Erfolg"

Was können Sie zum Zeitplan der Reform sagen? Wie geht es weiter?
Silbersack: Am 26. Oktober trifft sich das Beratungsgremium zu seiner nächsten Runde. Und am 3. Dezember haben wir die Mitgliederversammlung des DOSB bei uns in Magdeburg. Da geht es natürlich auch um die Leistungssportreform. Es wird sicher unglaublich viele Diskussionen geben. Dass wir den Zuschlag für die Ausrichtung erhalten haben, sehe ich auch als Wertschätzung für unser Bundesland. Es ist eine Anerkennung, dass in Sachsen-Anhalt gute Arbeit geleistet wird.

Wenn feststeht, wer gefördert wird und wer nicht, wie geht es weiter?
Silbersack: Dann - und hier spielt die eigentliche Musik - werden Strukturgespräche geführt. Die größte Herausforderung wird sein, die Verzahnung der zentralistischen mit der föderalen Struktur hinzukriegen. Denn die Länder geben ja auch für den Sport Geld, einen dreistelligen Millionenbetrag. Deren Interessen müssen natürlich gewahrt werden - das unterscheidet uns übrigens von Großbritannien. Die Länder müssen sich mitgenommen sehen, nur wenn das zusammenpasst, wird das System Erfolg haben.

Da ist Widerstand programmiert.
Silbersack: Wir wollen mehr Erfolg. Es wird nicht nach dem Motto gehen „Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass“. (mz)