Lehrermangel in Halle

Lehrermangel in Halle: Eltern schlagen Alarm

Halle (Saale) - Eine Elterntraube hat sich vor der Grundschule Hanoier Straße in Silberhöhe versammelt. Überwiegend Mütter. An sich kein ungewöhnliches Bild zur Mittagszeit. Doch die Eltern sind nicht hier, um ihre Kinder abzuholen, sondern um zu protestieren. „Wir haben ein Recht auf Bildung unserer Kinder!!!“, steht auf einem Schild, das eine blonde Frau in die Luft ...

Von Robert Briest
Eltern protestieren im September 2016 gegen den Lehrermangel an der Grundschule in der Hanoier Straße. Holger John / VIADATA Photo

Eine Elterntraube hat sich vor der Grundschule Hanoier Straße in Silberhöhe versammelt. Überwiegend Mütter. An sich kein ungewöhnliches Bild zur Mittagszeit. Doch die Eltern sind nicht hier, um ihre Kinder abzuholen, sondern um zu protestieren. „Wir haben ein Recht auf Bildung unserer Kinder!!!“, steht auf einem Schild, das eine blonde Frau in die Luft hält.

Die Eltern sorgen sich, dass eben diese Bildung ihren Kindern vorenthalten wird. Denn an der Grundschule findet seit Schuljahresbeginn kein regulärer Unterricht statt. Auch nach fünf Wochen gibt es noch keinen Stundenplan. Und das wird sich vorerst wohl auch nicht ändern, wie Schulleiterin Sabine Breier den Schulelternrat am Montag informierte. Der Grund: Es fehlen schlicht Lehrer.

Zwei Förderlehrer als Klassenlehrer

„Es war jedes Jahr ein Kampf, dass wir Lehrer bekommen, aber so extrem wie jetzt war es noch nie“, berichtet Schulelternrat Ronny Wagner. Zwei Förderlehrer müssten deshalb derzeit als Klassenlehrer eingesetzt werden. Dies bestätigt auch Schulsozialarbeiter Peter Müller: „Kinder mit erhöhtem Förderbedarf bekommen keinen Förderunterricht. Wir sind bei den Lehrkräften chronisch unterversorgt und wir haben bei 300 Schülern keinen einzigen Pädagogischen Mitarbeiter.“

Derzeit haben Schüler aller Klassenstufen täglich jeweils vier Klassenleiterstunden, in denen der Grundstoff in Deutsch und Mathe vermittelt wird. Nebenfächer wie Sachkunde, Musik, Sport oder Kunst finden nicht oder nur sporadisch statt. Um 11.05 Uhr ist der Schultag für die Kinder bereits vorbei. Bis 13 Uhr werden sie dann noch betreut.

Vergleichsarbeiten und Schullaufbahnempfehlung

Die ist vor allem für die Viertklässler ein großes Problem. Sie brauchen die Noten und das Wissen für die Vergleichsarbeiten und die Schullaufbahnempfehlung. Die Eltern fürchten, dass der aktuelle Notstand deshalb langfristige Folgen haben könnte. Sie haben sich daher nun an die Öffentlichkeit gewandt – und an das Landesschulamt, denn verorten sie die Schuld für die Situation. Denn Leiterin Breier versuche, was möglich ist, sind sich alle einige.

Seitens des Landesschulamt räumt man zumindest „eine knappe Unterversorgung“ an der Grundschule ein. Als Gründe nennt Sprecherin Silke Stadör Teilzeitarbeit, Erziehungsurlaub und gestiegene Schülerzahlen. In der Tat hat die Schule in diesem Jahr erstmals fünf erste Klassen, im Vorjahr waren es vier, davor jeweils drei. Die Lehrerzahl kann mit dieser Entwicklung nicht mithalten.

Abordnung einer pädagogischen Mitarbeiterin

„Insbesondere die Absicherung der Fächer Musik und Sport ist problematisch“, sagt Stadör. Es sei deshalb nun schon eine Lehrkraft für sechs Musikstunden an die Schule abgeordnet worden und es gäbe noch weitere Maßnahmen: „Es wurden zwei weitere Abordnungen von Lehrkräften sowie die Abordnung einer pädagogischen Mitarbeiterin von anderen Grundschulen eingeleitet. Die Verfahren sind jedoch noch nicht abgeschlossen.“ Zudem wolle man befristet eine Migrations-Lehrkraft einstellen, eine weitere Lehrerstelle sei öffentlich ausgeschrieben.

Die Besetzung wird nicht leicht. Lehrer fehlen im gesamten Land, weshalb sie sich ihre Stellen aussuchen können. Silberhöhe ist da nicht die erste Wahl: „Das Image muss besser werden“, sagt Müller, der anders als Rektorin und Lehrer nicht beim Land angestellt ist und sich daher äußert. Das Bild von Silberhöhe als sozialem Brennpunkt, hält er für falsch. Die Schüler an der Hanoier Straße seien fit, die Eltern engagiert: „Alle Lehrer, die zu uns kommen, bleiben.“ Doch ein Drittel der Lehrer sei über 60, sagt Müller und warnt: „Das Kartenhaus droht zusammenzubrechen.“ (mz)