Kulturstreit

Kulturstreit: Der Halle-Stier schnaubt in Jena

Halle (Saale)/Jena - Wie sich der Burg-Absolvent Hermann Grüneberg nach einem Gestaltungswettbewerb in der „Lichtstadt“ gegen Traditionalisten durchgesetzt hat.

Von Detlef Färber

Er war einfach schneller. Und stärker natürlich. Doch das Entscheidende: Als es drauf ankam, ist er keinen Schritt zurückgewichen, dieser Stier. Die Rede ist vom bisherigen Hauptwerk des neuen halleschen Künstlerstars Hermann Grüneberg - einer großen Bronze, die im Schatten des Penis Jenensis genannten Hochhauses zu einem weiteren Wahrzeichen wachsender Kraft Jenas werden dürfte.

Doch das Projekt hätte auch scheitern können, als sich im Vorfeld um Grünebergs letzte Woche eingeweihte Bronzeplastik „Spiegelbild“ ein Streit entspann, der an jenen Zoff erinnert, der saale-abwärts in Halle vor Jahren um den Göbelbrunnen und später um den Zither-Reinhold-Brunnen tobte. Auch hier waren es traditionalistische Positionen, von denen aus die Kunstwerke unter Beschuss gerieten.

Burg-Absolvent Grüneberg mit seiner Stier-Idee für Jena

In Jena lief die Sache so ab: Nachdem der (übrigens aus Thüringen stammende) Burg-Absolvent Grüneberg mit seiner Stier-Idee den Wettbewerb im Rahmen der Neugestaltung des Eingangsbereichs zur Kneipenmeile Wagnergasse gewonnen hatte, meldete sich eine Gruppe zu Wort, die diesen exponierten Platz als einzig richtigen Standort für ein Denkmal für den örtlichen Wirtschaftspionier Carl Zeiss erachtete.

Und die die Entscheidung zugunsten Grünebergs rückgängig machen wollte. „Als ich das las, war ich schon emotional immunisiert“, erinnert sich Grüneberg mittlerweile lächelnd an dieses dramatische Zwischenspiel. Der Zoff hat aber auch im neuerdings als „Lichtstadt“ etikettierten Jena letztlich zu einer Lösung geführt, mit der alle Seiten leben können - ähnlich wie bei Zitherreinhold übrigens.

Gestaltung in Form einer entrückt gen Himmel schauenden Großfigur

Dessen ursprüngliche Gestaltung in Form einer entrückt gen Himmel schauenden Großfigur durch Burg-Professor Wolfgang Dreysse widersprach der Erinnerung alter Hallenser an den historischen Reinhold Lohse. Dreysse reagierte und setzte seinem Reinhold vor 15 Jahren einen fotorealistisch wirkenden, zithernden Reinhold wie eine Fußnote zu Füßen - und die Hallenser lieben nun längst beide Reinholde.

In Jena dagegen gibt es - zwei Steinwürfe vom Doppelstier aus Halle entfernt - nun auch eine denkmalernst dreinblickende und mannshohe Figur in würdiger Haltung, in der die Jenenser einen der Helden mitteldeutschen Erfindergeists und den Gründer ihrer berühmten optischen Werke verehren dürfen.

Eine kleine, augenzwinkernde Hommage an Carl Zeiss

Eine kleine, augenzwinkernde Hommage an Carl Zeiss hat sich aber auch Hermann Grüneberg gegönnt. Denn sein Bronze-Stier erlebt eine optische Täuschung, indem er quasi im Wasser steht und sein Spiegelbild betrachtet. Für den Künstler war es übrigens naheliegend, seinen Stier als Doppelstier nahe ans Wasser zu bauen. Schließlich hat die Figur als städtische Attraktion auch Wasser zu spenden - was der schnaubende Stier der Einfachheit halber gleich durch die Nüstern erledigt: allerdings nur auf Anregung von außen hin. Dieser Jena-Halle-Stier ist also auch ein geselliges Tier.

Zudem baut die dargestellte Spiegelung eine gedankliche Brücke ins städtische Umfeld - und man denkt unwillkürlich an einen alten Witz über ein Mitglied des Vereins der Freunde des Alkohols: Dieser Mann schaut nach einer langen Abendexkursion durch eine Kneipenmeile (wie die in der Wagnergasse) in den Spiegel und sagt zu seinem Spiegelbild den unsterblichen Satz: „Ich kenn dich zwar nicht, aber ich wasch dich trotzdem“.

Könnte auch Halle so einen Stier gebrauchen?

Diese anfängliche Ratlosigkeit zeigt nun auch der Spiegelblick von Hermann Grünebergs sportlich agilem Bronze-Stier. Doch derlei situative Ratlosigkeit kann und möge - so wohl auch die Botschaft des Werks - schnell zur gedanklichen Reflexion eigener Möglichkeiten avancieren. Und ist also eine ideale und nötige Voraussetzung für Analyse, Vision und kraftvolles Handeln.

Für all das kann dieser Stier als Sinnbild stehen - mitten in einer Stadt der Wissenschaft und genau an dem Ort, wo Hunderte Jahre zuvor vor dem Stadttor noch das Rindvieh graste. Tja, so einen Stier, solche Kunst, könnte auch Halle brauchen. Dringend. (mz)