Hallesches Original

Hallesches Original : Wer ist der „Tanz-Opa“ vom Markt in Halle?

Halle (Saale) - Der kleine, weißhaarige Mann, den Hallenser liebevoll „Tanz-Opa“ nennen, mag seinen Spitznamen so gar nicht.

Von Henrik Merker 08.07.2017, 05:00

Es ist früher Nachmittag. Bereits nach dem ersten Song von Michael Jackson bekommt der kleine, weißhaarige Mann, den die Hallenser liebevoll den „Tanz-Opa“ nennen, von einer Frau zehn Euro in die Hand gedrückt.

Er schaut zunächst ungläubig, umarmt die Frau schließlich dankbar. Sie lächelt und stellt sich mit ihrem Kinderwagen wieder an die Seite, um weiter zuzuschauen. Ein junges Mädchen und ihr Freund fangen sogar zu an tanzen. „Man muss den Hallensern nur einen Anstoß geben, dann bewegen die sich schon. Das war schon immer so!“

Seinen vollen Namen will Halles „Tanz-Opa“ nicht nennen. Der Vorname sei aber okay: Jan. Der 68-Jährige ist oft auf dem Boulevard oder dem Markt mit einem CD-Player zu finden und: tanzt. Allein, mit Passanten, zu Pop-Musik.

Jan: „Manchmal hab ich so ein Glücksgefühl, wenn ich tanze“

Das Interview zu diesem Text mit Jan findet bei einem Bäcker am Markt statt. Jan besteht darauf, Kaffee und Kuchen zu bezahlen. Der Verkäufer kennt ihn schon lange, auch der Sicherheitschef vom Galeria Kaufhaus begrüßt ihn herzlich. Jan schüttet drei Tüten Zucker in seinen Kaffee, rührt noch etwas Milch rein.

„Das eine Mal hat mir eine Frau, die früher einen Schlaganfall hatte, auch Geld gegeben“, beginnt er zu erzählen, „die hab ich dann gedrückt. Dann hat sie gelächelt. Das bisschen Geld, das ist mir egal. Ich will nur, dass die Leute glücklich sind.“

Musik verbinde die Menschen miteinander. Michael Jackson kenne doch jeder. Auf seinen Tanzstil angesprochen sagt er, dass er einfach kreativ tanzen müsse. „Manchmal hab ich so ein Glücksgefühl, wenn ich tanze.“

Den ungeliebten Spitznamen dürfen nur Kinder sagen

Sein Spitzname gefällt ihm nicht. Vor allem Opa will er nicht genannt werden: „Die Kinder, wenn die mittanzen, die dürfen auch Opa zu mir sagen. Aber die älteren sollen doch bitte Jan zu mir sagen, das ist mein Name.“ Er winkt einem Bekannten zu, der sich mit an den Tisch setzt. Johannes heißt er, ist ein Wanderer und seit zwei Wochen in Halle. Er durchquert Europa zu Fuß seit mehr als einem Jahr. In Linz, der Partnerstadt von Halle, ist er mit seiner Kraxe losgelaufen. An der Rückseite hat er einen Zettel mit den Ländern, durch die er gelaufen ist. Auch der Kilometerstand ist verzeichnet – bisher 9.000 Kilometer.

Jan ist ebenfalls von weit her nach Halle gekommen. 1949 wurde er an Heiligabend im oberschlesischen Dorf Boronów geboren. „Das war ein einfaches Leben dort“, sagt er. „Aber frei. Die Freiheit hab ich mein Leben lang gesucht.“ Die Macht im Dorf hatte der Pfarrer. „Sonntag mussten wir zum Gottesdienst, paar Meter weiter aber war die Kneipe.

Naja, wir sind natürlich trinken gegangen. Der Pfarrer stand nach dem Gottesdienst an der Kirche, hat auf uns gewartet und uns richtig zusammengeschissen.“ Jan lacht: „13 war ich da, meine Brüder 16 oder so.“ Die Mutter hat ihn und seine Brüder alleine großgezogen. Mit 18 wurde er Zimmermann, am 22. August 1972 kam er nach Halle. Mit 22 Jahren baute er die freitragende Treppe im Ratshof mit, sein erstes Projekt.

Er habe sich immer als Verbinder zwischen Deutschen und Polen verstanden. „Wenn man Kultur lernt zu verstehen – sich nicht unbedingt anzupassen – und die Kultur auch akzeptiert. Dann kann man so doch auch leben. Sich über andere erheben, das ist nie gut.“ In Wettin sanierte er die Fassade vom historischen Brauhaus. Für das Gebäude aus dem 16. Jahrhundert schnitzte er 13 Rosetten mit Sonnenstrahlenmuster, viel vom alten Material verwendete er wieder.

„Mir hat die Vielseitigkeit was gegeben, Fabrik war mir nichts. Man muss immer weiterlernen“

„Du musst so denken, wie die damals gedacht haben, wenn du sowas baust“, sagt Jan. An vielen historischen Gemäuern in Halle baute er mit. Für viele Professoren ist er der erste Ansprechpartner, wenn sie sanieren wollen. Er machte seine Arbeit so gut, dass er Brigadier wurde – Leiter seiner Arbeitsgruppe im Betrieb. Sein Credo: Alles untereinander klären, Differenzen nicht nach außen tragen. Bis 1973 war Jan auch Stahlbauer. „Mir hat die Vielseitigkeit was gegeben, Fabrik war mir nichts. Man muss immer weiterlernen“, sagt er.

Mit seiner Frau wohnt Jan nicht mehr zusammen. „Sie könnte niemals mein Leben leben, ich ihres auch nicht. Wir treffen uns aber ab und an auf einen Kaffee.“ Was sie beide verbindet, sind ihre zwei Töchter und die Enkel. Einer ist Klassenbester, das ist ihm wichtig.

Tänzer Jan vom Markt: „Das Wichtigste ist, dass man Stolz hat“

Nach der Wende arbeitete Jan als Trockenbauer, wurde von Geschäftspartnern nicht bezahlt. „Ein guter Fachmann muss kein guter Kaufmann sein“, sagt er. „Das Wichtigste ist, dass man Stolz hat. Ich hab auch schon Krisen gehabt. Aber meinen Stolz habe ich nie verloren.“ Den Betreiber eines Tabakgeschäftes am Leipziger Turm nennt er seinen wahren Freund. „Ohne ihn hätte ich das bis heute vielleicht nie geschafft.“ Er hat ihm mit Tabak und Geld ausgeholfen, wenn es ganz knapp war. „Ich baue auf niemanden, aber er ist ein wirklicher Freund.“

Jan lebt in der Südstadt, läuft beinahe täglich zum Markt und tanzt. Manchmal fährt er dazu auch nach Leipzig. Sein Ziel ist, in Berlin vor dem Brandenburger Tor aufzutreten. Mit dabei hat er immer Michael Jackson und die Beatles, einige Sampler finden sich auch in seiner CD-Sammlung.

Das Tanzen schon als Jugendlicher gelernt

Von seiner Rente kann Jan gerade so leben, sagt er. Mit dem Tanzen verdient er sich etwas Geld dazu. Manchmal bekommt er nur einen Euro, häufig geben die Hallenser aber bis zu dreißig Euro in der Stunde. Davon erweitert er seine Musikanlage und kauft sich Kleidung. Fünf Markenhemden hat er im Angebot für 50 Euro erstanden, auch zwei neue Jeans hat er sich gekauft. Drei modische Jacken sind dieses Jahr dazugekommen. Seine braunen Schuhe sind immer blank poliert.

Guter Stil und Sauberkeit sind ihm wichtig, betont er. Oft geht Jan zwei Uhr morgens in die Disko Flower Power. Um die Zeit ist er früher zum Arbeiten aufgestanden. Länger als fünf Stunden schläft er keine Nacht, meistens nur drei. Auch da hat sich sein Rhythmus seit der Arbeit nicht geändert. Das Tanzen hat er schon als Jugendlicher gelernt. Alles eine Gefühlsfrage, sagt er. (mz)