Ein Leben für die Theologie

Gedenken an Corona-Toten aus Halle

Am Sonntag gedenkt Deutschland in einer zentralen Trauerfeier der fast 80.000 Corona-Toten. Unter ihnen ist auch Karl-Martin Beyse aus Halle.

Halle (Saale) - Vor zwei Jahren hat Thomas Beyse noch einmal neue Farbbänder besorgt für die Schreibmaschine seines Vaters. Ein elektronisches Modell aus den 90ern. Computer blieben Karl-Martin Beyse Zeit seines Lebens fremd.

In Rehaklinik angesteckt: Theologe aus Halle an Corona gestorben

Im Büro des Theologen an der Uni in Halle stand zwar ein Rechner, auch eine Mail-Adresse hatte er natürlich. „Aber er ist immer ohne ausgekommen“, sagt sein Sohn. „Auch ein Handy hat er nicht besessen. Das war nicht seine Welt.“ Thomas Beyse hat gar nicht erst versucht, seinen Vater umzustimmen. „Da war er eigen, im positiven Sinne.“

Es sind Erinnerungen wie diese, in denen Thomas Beyse kramt, wenn er an seinen Vater denkt. Karl-Martin Beyse wurde 86 Jahre alt, am 29. Dezember vergangenen Jahres starb er im halleschen Krankenhaus Martha-Maria nach einer Infektion mit dem Coronavirus. Er hatte sich in einer Rehaklinik angesteckt.

Gedenken an Corona-Tote in Berlin

Karl-Martin Beyse ist, Stand Freitag, einer von 2.900 Corona-Toten in Sachsen-Anhalt, 79.628 in Deutschland. Es sind Alte wie er, Junge, Menschen in der Mitte ihres Lebens. Dem Virus ist das egal. Es nimmt sich, wen es kriegen kann. Hinter den Zahlen stehen Schicksale und Geschichten. Die Verstorbenen hinterlassen Partnerinnen und Partner, Kinder und Enkelkinder, Freundinnen und Freunde. Am Sonntag will Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die Corona-Toten bei einem zentralen Gedenkakt in Berlin würdigen.

Kollegen erinnern an Karl-Martin Beyse

Karl-Martin Beyse hätte wohl den Kopf geschüttelt über die Form des Nachrufs, den seine ehemaligen Kolleginnen und Kollegen auf ihn verfasst haben. Der Text erschien ausgerechnet online, auf der Website der Theologischen Fakultät. 30 Jahre lang, bis zu seiner Pensionierung 1999, hat er Generationen von Theologie-studentinnen und -studenten in Hebräisch unterrichtet und die Sprache erforscht.

„Mein Vater war ein Gelehrter der alten Schule“, sagt Thomas Beyse. Aber einer, der nicht im Elfenbeinturm saß. „Es hat immer Freude daran gehabt, wenn sein Lehrstoff auf fruchtbaren Boden gefallen ist.“ Das war wohl oft der Fall. Thomas Beyse erinnert sich gut, dass sein Elternhaus häufig voll war, Studierende kamen zum Tee oder Kaffee. Gerade für die Erstsemester sei sein Vater ein „Mentor mit Familienanschluss“ gewesen.

Ein Leben für die Wissenschaft

Karl-Martin Beyse hat für die Wissenschaft gelebt. Den Kontakt zur Uni und zu ehemaligen Studierenden ließ er auch im Ruhestand nie abreißen. Da war sein Engagement für die Fakultätsbibliothek, seine Arbeit im Alumni-Verein. Für die Bibliothek nahm er Neuerwerbungen auf, arbeitete Nachlässe ein, sortierte Dubletten aus. Die Organisation von Ehemaligen-Treffen brachte ihm Kontakte in aller Welt ein. Er pflegte sie per Brief oder Anruf. An mehr als 130 Adressen rund um den Globus hat die Familie nach seinem Tod Trauerkarten verschickt.

Sein Forschungsgebiet erlaubte Karl-Martin Beyse auch in der DDR Dienstreisen ins Ausland. Syrien. Jordanien. Österreich. Die Bundesrepublik. „Er hat sich darüber gefreut, dass das geklappt hat“, sagt sein Sohn. „Und er hat nie darüber geklagt, dass nicht noch mehr ging.“ Das habe ihn ausgemacht - die Dinge so zu nehmen wie sie kamen. „Er war zufrieden mit dem, was möglich war, ohne sich zu grämen, dass unter anderen Umständen vielleicht noch mehr möglich gewesen wäre“. Eine Gabe.

Herzenswunsch bleibt unerfüllt

Was bleibt? Thomas Beyse, der heute in Karlsruhe lebt, erinnert sich an Besuche in seiner Heimatstadt. An Spaziergänge mit dem Vater, auf denen dieser zeigte, was sich in Halle getan hat. Und was nicht. „Er war immer sehr interessiert an der Entwicklung der Stadt.“ Aber auch die neue Heimat seines Sohnes lernte er kennen. Den Schwarzwald, Straßburg, die alte Universitätsstadt Tübingen - „er liebte solche Ausflüge“. Nur den Wunsch, den Bodensee zu sehen, konnte sein Sohn ihm nicht mehr erfüllen.

Leidenschaft für die Eisenbahn

Im Sommer vergangenen Jahres, der Pandemie zum Trotz, waren sie noch auf dem Brocken. Mit dem Auto in den Harz, dann mit dem Zug auf den Gipfel. Karl-Martin Beyses geliebte Schmalspurbahnen. „Die waren sein Hobby“, erzählt sein Sohn. Als Kind war er mit dem Vater ab und an unterwegs auf Bahn-Exkursionen. In den Harz, nach Sachsen - dorthin, wo die kleinen Dampfzüge fuhren in der DDR.

Karl-Martin Beyse fotografierte, in Halle wuchs ein stattliches Archiv heran, mehrere hundert Bilder von Lokomotiven und Waggons. Dias, sagt sein Sohn. „Papier hat er so gut wie nie genutzt.“ Von digitaler Fotografie ganz zu schweigen. Eisenbahnfilme schaute Karl-Martin Beyse auf Videokassetten an. Irgendwann stieg er, notgedrungen, auf DVD um. „Das war der einzige Techniksprung, den er mitgemacht hat.“

Es kann jeden treffen

Schon im vergangenen Sommer auf dem Brocken konnte Karl-Martin Beyse schlecht laufen. Im Oktober ein Hirninfarkt, Krankenhaus, schließlich die Reha in einer Klinik in Sachsen. Dort die Infektion mit dem Coronavirus, Verlegung zurück nach Halle, Intensivbeatmung. „Aus dem künstlichen Koma ist er nicht zurückgekehrt“, schildert sein Sohn. Wenn er an Corona-Leugner denkt oder an Menschen, die die Gefahren durch das Virus kleinreden, dann, sagt er, „geht mir der Hut hoch“. „Es kann jeden treffen. Nicht nur alte Menschen wie meinen Vater.“ (mz/Alexander Schierholz)