Frank Röhrich vom Klinikum Bergmannstrost Halle

Frank Röhrich vom Klinikum Bergmannstrost Halle: Dieser Chirurg operiert im Rollstuhl

Halle (Saale) - Es dauert immer ein bisschen länger, bevor Frank Röhrich im OP-Saal erscheint. Pünktlich ist er dennoch. Für die Vorbereitungen - umziehen, sterilisieren - benötigt er mehr Zeit als seine Kollegen. Frank Röhrich ist querschnittgelähmt. Und behandelt Patienten mit Rückenmark- und Wirbelsäulenverletzungen. Der Neurochirurg ist einer der ganz wenigen Ärzte in Deutschland, die trotz Behinderung operieren. Vom Rollstuhl aus, in der Klinik für Orthopädie und Rückenmarkverletzte der Berufsgenossenschaftlichen Kliniken ...

Von Anja Herold 03.12.2015, 12:39

Es dauert immer ein bisschen länger, bevor Frank Röhrich im OP-Saal erscheint. Pünktlich ist er dennoch. Für die Vorbereitungen - umziehen, sterilisieren - benötigt er mehr Zeit als seine Kollegen. Frank Röhrich ist querschnittgelähmt. Und behandelt Patienten mit Rückenmark- und Wirbelsäulenverletzungen. Der Neurochirurg ist einer der ganz wenigen Ärzte in Deutschland, die trotz Behinderung operieren. Vom Rollstuhl aus, in der Klinik für Orthopädie und Rückenmarkverletzte der Berufsgenossenschaftlichen Kliniken Bergmannstrost.

Seine Beine sind vollständig gelähmt

Seine Hände und Arme sind nicht betroffen, die Beine aber sind vollständig gelähmt. Frank Röhrich ist im Alltag und auf Arbeit auf Hilfsmittel angewiesen. Der elektrische Rollstuhl, den er beim Operieren nutzt, ist eigentlich einer „von der Stange“, wie er sagt. Der Stuhl wurde umgebaut und an die speziellen Bedürfnisse eines Operateurs von einem Sanitätshaus angepasst. Damit kann sich der Arzt mittels eines Joysticks, den er mit dem Ellbogen bedient, aus der sitzenden Position in eine stehende bewegen lassen. Gepolsterte Bügel vor Unterschenkeln und Brust stabilisieren den Arzt, der in dieser Position die meisten seiner Kollegen an Größe überragt. Ein zeitliches Limit für Operationen gibt es für ihn aufgrund der Behinderung nicht. „Je länger ich körperlich arbeite, umso ermüdender ist es natürlich. Aber das geht ja allen so.“ Allerdings, sagt der Arzt, könne er nicht alle Eingriffe durchführen, es gebe mechanische Grenzen für ihn. „Übermäßig weit nach vorn beugen kann ich mich nicht.“ Fast täglich ist Frank Röhrich im OP-Saal. Wenn nicht, sitzt er in der Ambulanz und betreut Patienten, oder er ist auf Visite. Und dann wiederum nutzt er einen speziellen mechanischen Rollstuhl, dessen Sitzfläche sich mit Hilfe von Griffen an den Armlehnen hydraulisch nach oben fahren lässt. „Das geht schneller, als wenn das Patientenbett erst nach unten bewegt wird.“

Die Voraussetzungen für die Arbeit könnten, bei allen Widrigkeiten, besser kaum sein als im Rückenmarkzentrum der Unfallklinik. „Im Krankenhaus ist es ohnehin günstig, da dort Betten verschoben werden können, die Gänge breiter sind und es keine Stufen gibt.“ In einer Klinik für querschnittgelähmte Patienten kämen aber noch einmal besondere architektonische Vorteile hinzu: geräumigere Zimmer, größere OP-Säle, breitere Türen, die sich elektronisch öffnen lassen zum Beispiel. Frank Röhrich ist sich bewusst, dass er in gewisser Weise privilegiert ist: „Ein Bauarbeiter kann nicht mehr in seinem Beruf eingesetzt werden. Für Ärzte und Akademiker hingegen ist es durchaus einfacher.“ Seinen eigenen Weg würde er keinesfalls als einzig möglichen betrachten. Auch als Beispiel, dass es nach so einem einschneidenden Ereignis im Leben irgendwie weitergehen kann, möchte er nicht gebraucht werden. Viele Patienten aber sehen in ihm dennoch einen Lichtblick.

Unfall mit dem Segelflugzeug vor fast 20 Jahren

Dabei stand auch Frank Röhrich einst vor dem Abgrund, vor dem sich Patienten mit einer Querschnittlähmung wiederfinden können. Als er vor fast zwanzig Jahren den Unfall hatte - ein missglücktes Startmanöver mit einem Segelflugzeug -, war ihm als angehendem Neurochirurgen sofort klar, was ein komplett durchtrenntes Rückenmark bedeutet. Er befand sich damals mitten in der Facharztausbildung und arbeitete in einer Klinik in Bad Berka. Ein Jahr lang dauerte die Rehabilitation; von seinem Berufswunsch ließ er indes nicht ab. Er machte seinen Facharzt, wenig später wurde ihm eine Stelle am Bergmannstrost angeboten. Dort arbeitet er seit 1999 und ist ein angesehener Mitarbeiter „mit weniger Krankheitstagen als so mancher Kollege“, wie sein Chefarzt Klaus Röhl sagt.

Zur Arbeit fährt Frank Röhrich mit seinem Handbike, einem Fahrrad speziell für Rollstuhlfahrer. Oder er benutzt sein umgebautes Auto, in dem er alles, was sonst mit den Füßen bedient wird, nun mit den Händen erreicht. Zwar, sagt er, habe sich in den letzten zwanzig Jahren viel getan im Hinblick auf Barrierefreiheit. „Es werden den behinderten Menschen aber immer wieder architektonisch sinnlose Stufen im Alltag vor die Nase geworfen, was eine Fortbewegung im Rollstuhl oder mit dem Rollator durchaus erschwert.“ So sei ausgerechnet die Straßenbahnhaltestelle vor dem Bergmannstrost nicht ebenerdig. „Wenn die Welt stufenlos wäre, würde ich fast wie ein Fußgänger leben können.“ (mz)