Problem? Problem!

Brennpunkt Schlasserstraße Halle: Problem? Problem! - Ein Vor-Ort-Besuch im Brennpunkt-Viertel

Halle (Saale) - Die Schlosserstraße gilt unter Hallensern als Brennpunkt - auch wenn die Verwaltung das anders sieht. Ein Vor-Ort-Besuch spricht aber Bände.

Von Anja Förtsch und Detlef Färber 25.05.2018, 09:30

Eine Eingangstür hängt nur noch mit letzter Kraft in den Angeln, im Glas einer anderen Tür klafft ein autoreifengroßes Loch, die Tür eines verbeulten Kühlschranks schwankt bedächtig im Wind. Zwischen all dem immer wieder kaputte Fernseher, Autoreifen, zerstörte Schränke, Rasenmäher und spielende Kinder.

Den Fußweg entlang gehen, ohne etwas zu berühren? Unmöglich: Auf dem Boden gibt es praktisch keinen einzigen Fleck ohne Müll. Willkommen in der Schlosserstraße, einem Brennpunkt der Stadt, den es laut Stadtverwaltung gar nicht gibt.

Anwohner der Schlosserstraße Halle: „Es ist schon schlimm“

„Dabei geht das ja jetzt gerade noch“, sagt ein Anwohner am Donnerstagvormittag scheinbar wenig erschüttert. „Vor zwei Stunden sah das hier noch ganz anders aus.“ In der Zwischenzeit nämlich ist die Stadtwirtschaft angerückt. Mit Müllpresse und jeder Menge Stauraum - und trotzdem bekamen die Müllmänner der Stadt längst nicht allen Unrat weg.

Sofas, Kinderwagen, Stühle, Lampen und bergeweise Kleidung sind schon fort, Kühlschränke, Fernseher, Autoreifen, Verpackungsmüll und Grillkohle passten aber offenbar nicht mehr in die Container. „Es ist schon schlimm“, erzählt der Mann weiter. „Besonders der untere Teil, Richtung Roßbachstraße.“

Schlosserstraße Halle: Briefkästen besprüht und beschädigt, Fenster sind mit Tüchern verhangen

Dort sind beispielsweise Briefkästen besprüht und beschädigt, Fenster sind mit Tüchern verhangen. Anwohner huschen schnell vorbei oder öffnen beim Klingeln nicht ihre Wohnungstür. Eine Radfahrerin hält dann aber doch an und erzählt von ihrer Sicht auf die Schlosserstraße. „Man sieht ja, wie es hier aussieht. Und dabei geht das noch weit schlimmer“, klagt die Anwohnerin. Auch wenn sie selbst nicht direkt in der Schlosserstraße, sondern in einer Seitenstraße wohnt, fühlt sie sich durch die Situation in dem Brennpunkt betroffen. Schließlich muss sie regelmäßig selbst durch die Straße.

„Gerade hier an der Mauer zur Hutten-Schule stehen oft viele junge Männer in Gruppen zusammen, die schauen und auch mal rumschreien. Das wirkt dann schon bedrohlich. Vor allem, wenn man bedenkt, dass auch junge Mädchen und Teenager durch die Schlosserstraße zur Hutten-Schule gehen.“

Brennpunkt Schlosserstraße: Fühlen sich Anwohner von der Stadtverwaltung alleingelassen?

Fühlen sich die Anwohner von der Stadtverwaltung alleingelassen und nicht ernst genommen? „Ich weiß nicht, nicht unbedingt“, sagt die Anwohnerin. „Die Stadt kann eben nicht viel machen. Genauso Ordnungsamt und Polizei: Sie fahren regelmäßig Streife durch die Schlosserstraße aber konkret etwas unternehmen können sie eben kaum.“

So sehr die Probleme in der Schlosserstraße Passanten und besonders Anwohnern auch ins Auge springen - die Stadt Halle widerspricht der „pauschalen Stigmatisierung“ von einzelnen Gebieten. Die Schlosserstraße sei ebenso wenig wie die Silberhöhe und der Südpark Problemviertel der Stadt, sagte Oliver Paulsen, Grundsatzreferent der Stadt, Anfang April der MZ.

Schlosserstraße: Gerüchte über Kriminalität unter den zugezogenen Roma-Familien

Und auch einen weiteren Konfliktpunkt will die Stadt nicht bestätigen: die Gerüchte über Kriminalität unter den zugezogenen Roma-Familien aus Rumänien, Ungarn und Bulgarien. Die lassen sich auch mit offiziellen Zahlen nicht belegen. „Die Zahl der ermittelten Tatverdächtigen mit rumänischer Herkunft ist sehr gering“, sagte Polizeisprecherin Lisa Wirth im vergangenen Sommer, als die Lage in der Schlosserstraße bereits einmal überkochte, der MZ.

Und auch einige der Roma-Familien selbst wehren sich gegen das negative Bild, das mal mehr, mal weniger hinter vorgehaltener Hand von ihnen gezeichnet wird. „Wir sind Roma“, sagt Joszef Olah, der mit seiner Frau und zwei Kindern aus dem ungarischen Miskole nach Halle kam. Und trotzdem geht der Gabelstaplerfahrer mit seinen Nachbarn hart ins Gericht: Der Krach sei noch das geringste Problem, viel schlimmer sei das Urinieren vor und manchmal sogar in den Häusern.

Sein Nachbar Gyula Gaspar, der ebenfalls Ungar ist, arbeitet als Gebäudereiniger - und muss einen täglich wachsenden Sperrmüllberg vor seinem Fenster ertragen. „Ratten sind auch da“, sagt er. Seine Kinder lasse Gaspar deshalb nicht mehr allein draußen spielen. (mz)