Prozess gegen Ex-Schönheitskönig Ursache

Adrian Ursache vor Gericht: Zeuge schildert Schießerei mit SEK

Halle (Saale) - Im Prozess wegen versuchten Mordes gegen den Ex-Schönheitskönig Adrian Ursache hat am Landgericht Halle ein Augenzeuge des Tatgeschehens ausgesagt.

Von Steffen Könau 19.12.2017, 07:41

Die vierstufige Trittleiter bleibt geheim. Er habe keine Aussagegenehmigung dazu, ob das Spezialeinsatz-Kommando (SEK) eine solche Leiter mitführte, als es am 25. August vergangenen Jahres in Reuden in der Elsteraue daranging, ein „Objekt schlagartig zu besetzen“, wie es der Zeuge nennt.

Aus Sicherheitsgründen bleibt der Mann anonym, trägt ein üppiges Haarteil und einen falschen Bart. Er hat hier vor Gericht keinen Namen, sondern nur eine Nummer: „ST 321“ heißt der SEK-Beamte, der im Zuge des Einsatzes mehrmals auf den Mann feuerte, der jetzt drei Meter entfernt neben der Anklagebank steht.

Adrian Ursache, früher Schönheitskönig, heute angeklagt wegen versuchten Mordes an einem SEK-Kollegen von ST 321.

Seit Anfang Oktober sucht die Große Strafkammer des Landgerichtes in Halle nach der Wahrheit über einen Polizeieinsatz. Ein Gerichtsvollzieher will nach einer Zwangsversteigerung eine Räumung vollstrecken. Der Schuldner Ursache droht für diesen Fall aber mit Widerstand und ruft Unterstützer aus ganz Deutschland, die kommen sollen, um die aus einer Sicht rechtswidrige Enteignung zu verhindern.

Der Gerichtsvollzieher sagt den ersten Räumungstermin ab. Am zweiten aber kommen statt seiner 200 Polizisten, angeführt unter anderem von „ST 321“. Und beauftragt mit jener „schlagartigen Besetzung“. Wenig später fallen Schüsse, in Mordabsicht abgegeben von Adrian Ursache, so die Anklageschrift.

Aus der Sicht des weiteren Zeugen Udo L., der den Schusswechsel aus nächster Nähe beobachtet hat, stellt sich die Sachlage anders dar. Der Mann war als Unterstützer Ursaches vor Ort und sagt aus, er habe gesehen, wie zwei Polizisten zuerst gefeuert hätten.

Ursache sei dann nach hinten gefallen, dann erst habe sich aus seiner Waffe ein Schuss gelöst. „Er ist regelrecht umgeworfen worden“, sagt L., der im Zuge des Ermittlungsverfahren nie vernommen worden war, „es dauerte vielleicht eine halbe Sekunde, dann lag er.“

Am Amtsgericht in Zeitz werden Haus und Grundstück der Familie von Adrian Ursache in der Alten Poststraße von Reuden zwangsversteigert. Die Versteigerung gelingt, das Haus bekommt einen neuen Eigentümer.

Weil sich der Gerichtsvollzieher zur Zwangsräumung angekündigt hat, mobilisiert Adrian Ursache, der selbsternannte Gründer des Phantasiestaates Ur, Unterstützer. Es kommt zu einem Massenauflauf vor seinem Haus in Reuden. Die Zwangsräumung des Gebäudes findet nicht statt.

Der Gerichtsvollzieher rückt am Morgen erneut in Reuden an. Diesmal wird er von zwei Hundertschaften der Polizei begleitet. Das Haus wird geräumt. Allerdings eskaliert die Situation. Ursache tritt Beamten des Sondereinsatzkommandos mit einer Waffe entgegen und soll das Feuer eröffnet haben. Aus Reihen der Polizei wird geschossen, Ursache verletzt.

Adrian Ursache wird von der Uniklinik zunächst in das Leipziger Haftkrankenhaus verlegt.

Behörden werten die Schüsse auf einen Polizisten bei der Zwangsräumung auf dem Grundstück von Adrian Ursache als eine politische Straftat. Sie sprechen von einem rechtsextrem motivierten, versuchten Totschlag, so geht es aus einem Schreiben des Innenministeriums hervor.

Adrian Ursache wird vom Leipziger Haftkrankenhaus in die Justizvollzugsanstalt Roter Ochse in Halle verlegt.

Die Staatsanwaltschaft hat ihre Anklageschrift gegen Adrian Ursache geschrieben. Sie wird an das Landgericht Halle gesandt.

Das Landgericht Halle bestätigt, dass Ursache wegen versuchten Mordes, in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte und Verstößen gegen das Waffengesetz angeklagt wird.

Am Landgericht Halle soll der erste Verhandlungstag gegen Ursache beginnen.

Erst die drei Verteidiger des Angeklagten machten L., der unmittelbar das Geschehen verfolgte, ausfindig – ein Umstand, der ebenso einen Schatten auf das Ermittlungsverfahren wirft wie die Tatsache, dass bei der polizeilichen Vernehmung des Hauptschützen „ST 321“ ein Vorgesetzter des SEK-Mannes anwesend war.

Warum, will Anwalt Hartwig Meyer wissen. Die Antwort ist dieselbe wie bei der Trittleiter - das könne er nicht sagen, verweist der Beamte im Zeugenstand auf die beschränkte Ausnahmegenehmigung, die ihm das Landeskriminalamt als Dienstherr erteilt hat.

Immerhin sagt der 49-jährige Polizist überhaupt etwas Substanzielles. Zahlreiche seiner Kollegen, die das Gericht bis dahin gehört hatte, waren vor allem durch übereinstimmende Erinnerungslücken und zufällig immer gerade vom Geschehen abgewandte Blicke aufgefallen.

„ST 321“ aber erinnert sich nicht nur, er räumt auch sofort ein, dass er in der bis dahin rein verbalen Konfrontation mit Adrian Ursache zuerst geschossen habe. „Der Mann stellte eine stetige Bedrohung dar“, erläutert er, „irgendwann dachte ich, jetzt muss gehandelt werden.“

Er habe den Eindruck gehabt, dass der vor ihm stehende Ursache das Zögern der SEK-Beamten „als Schwäche auslegte“. Deshalb habe er gewartet, bis der Revolver, den Ursache zwischen den vier ihm gegenüberstehenden Beamten herumschwenkte, nicht direkt auf einen Kollegen zielte.

„Meine Absicht war, ihn nicht-lethal (nicht-tödlich) zu bekämpfen und damit kampfunfähig zu machen.“ Als besonnener Beamter mit langjähriger Erfahrung habe er die Situation kühl abgewogen. Jedoch habe Ursache nach seinem ersten Schuss, mit dem der Beamte die Waffenhand hatte treffen wollen, keine Wirkung gezeigt.

Daraufhin habe er noch einmal geschossen, wonach Ursaches Schussarm zuerst gesunken, dann aber wieder hochgekommen sei. Als sich ein Schuss aus der Waffe des getroffenen Ursache löste, habe er dann noch einmal geschossen, ein anderer Kollege neben ihm ebenso.

Der Beamte „ST 321“ kümmerte sich sofort um medizinische Hilfe für den Schwerverletzten, wird aber auf Nachfragen der drei Anwälte immer kurz angebundener. Am Vormittag bereits hatte die Verteidigung beantragt, das eingestellte Ermittlungsverfahren gegen verschiedene SEK-Beamte wieder aufzunehmen.

Im Raum stehe der Verdacht auf gemeinschaftlich begangenen versuchten Totschlag. „ST 321“ verlässt jetzt mehrfach den Saal, um sich mit seinem Rechtsbeistand über Antworten auf einzelne Fragen zu beraten. Dann verschränkt er die Arme und sagt, er werde nunmehr von seinem Aussageverweigerungsrecht als Beschuldigter Gebrauch machen.

Drei weitere SEK-Männer, alle verkleidet und mit falschen Bärten und Perücken, halten es ebenso. (mz)