Vor 100 Jahren

Vor 100 Jahren: Elektrische Kleinbahn verunglückt schwer am Schlossberg

Eisleben - Am Abend des 20. August 1916 ereignete sich einer der schwersten Unfälle in der Geschichte der elektrischen Kleinbahn. Ort des Geschehens war der Schlossberg in Mansfeld, wo auf abschüssiger Strecke die Bremsen versagten, so dass der Fahrer des aus Klostermansfeld kommenden Triebwagens keine Möglichkeit mehr hatte, den Zug zu ...

Von Burkhard Zemlin 22.08.2016, 17:00

Am Abend des 20. August 1916 ereignete sich einer der schwersten Unfälle in der Geschichte der elektrischen Kleinbahn. Ort des Geschehens war der Schlossberg in Mansfeld, wo auf abschüssiger Strecke die Bremsen versagten, so dass der Fahrer des aus Klostermansfeld kommenden Triebwagens keine Möglichkeit mehr hatte, den Zug zu stoppen.

Ein Bild des Schreckens bot sich den Helfern am Unfallort

Panik ergriff die Fahrgäste in den beiden immer schneller rollenden Wagen, weil sie fürchteten, diese könnten in der nächsten Kurve den Abhang hinabzustürzen. Augenblicke später kippte der Anhänger dann tatsächlich von der Schiene, stürzte jedoch zum Glück nicht in die Tiefe, sondern prallte seitlich gegen einen Oberleitungsmast, der wie eine Bremse wirkte und dabei den Wagen der Länge nach wie eine Konservendose aufschnitt.

„Das Krachen des zersplitternden, umstürzenden Wagens übertönte die Schmerzensschreie und Klagelaute“, schrieb das Eisleber Tageblatt und fügte hinzu: „Aus dem Gewirr des blutbedeckten, mit Glasscherben übersäten Trümmerfeldes lösten sich die Gestalten blutender, wimmernder Personen ab, während andere hilflos da lagen, unfähig sich zu erheben.“ An der Unfallstelle auf dem Schlossberg bot sich ein fürchterliches Bild.

Die Elektrische Kleinbahn im Mansfelder Bergrevier verband in den Jahren 1900 bis 1922 die Lutherstadt Eisleben mit Helfta sowie den Mansfelder Grunddörfern und Hettstedt. Der Schienenstrang führte ab Helfta, Hauptstraße, über die Hallesche Straße beziehungsweise ab Bahnhof Eisleben über die Bahnhofstraße bis zum Plan, wo sich ein Abzweig zum Friedhof in der Magdeburger Straße befand - über Lindenstraße, Poststraße, Schlossplatz, Klosterstraße, Klosterplatz und Freistraße. Die Hauptstrecke nach Hettstedt führte ab Plan über Markt, Sangerhäuser Straße, Breiter Weg, Kasseler Straße, Wimmelburg, Kreisfeld, Hergisdorf, Ahlsdorf, Ziegelrode, Helbra, Benndorf, Klostermansfeld, Mansfeld, Großörner und Burgörner. Die Streckenlänge betrug rund 32 Kilometer, das gesamte Schienennetz erreichte mehr als 35 Kilometer. (bz)

Die Fahrgäste im Motorwagen hatten mehr Glück. Ihnen saß nach dem Unfall zwar auch der Schreck tief in die Knochen, doch keiner von ihnen wurde verletzt. Selbst der Wagenführer, der in seiner Verzweiflung, weil er das außer Kontrolle geratene Gefährt nicht stoppen konnte, noch vor dem Crash abgesprungen war, kam mit dem Schrecken davon.

Er sah sich jedoch schon bald von einem aufgebrachten Fahrgast attackiert, der wie ein Wilder mit einem Stück Holz auf ihn losging, das er sich in den Trümmern gegriffen hatte. Der Angreifer sah in dem Wagenführer den Schuldigen an dem Unglück und war, wie Augenzeugen berichteten, erst nach vielen Bitten und Unschuldsbeteuerungen des Fahrers sowie durch gutes Zureden von Fahrgästen zu beruhigen.

Unterdessen bemühte sich der herbeigeeilte Kreisarzt Dr. Lewinsky um die Verletzten. Die Zentrale der Kleinbahn beorderte einen Wagen an die Unglücksstelle, der die Verletzten nach Hettstedt in das Reservelazarett „Kaiserhof“ bringen sollte.

Kurz nach 21 Uhr trafen sie dort ein, zum Teil auf Stroh gebettet. „Nur wenige leicht Verletzte konnten mit verbundenen Kopf ohne fremde Hilfe und Begleitung zu ihren besorgten Angehörigen nach Hause gehen“, berichtete das Tageblatt am 22. August 1961 und ergänzte:

„Ungefähr 15 Personen wurden behutsam ins Haus getragen. Offenbar am schwersten verletzt ist der Schlosser Eduard Hoffmann, Johannisstraße 19. Er hat eine Schädelverletzung erlitten und wurde noch Sonntagabend im Krankenwagen in das Knappschaftskrankenhaus überführt. Sein besorgniserregender Zustand hat gestern seine Überführung nach Halle a. S. in die Klinik nötig gemacht.

Verletzte Passagiere werden im „Kaiserhof“ behandelt

Im Knappschaftskrankenhause liegen ferner der 15 Jahre alte Metallarbeiter Robert Fricke aus Leimbach mit linksseitigem Schlüsselbeinbruch, ein 83-jähriger Mann aus Klostermansfeld, der einen Hodenbruch erlitten hat und noch nicht vernehmungsfähig ist. Im ,Kaiserhof' liegen die Ehefrau und die Tochter des Hüttenmannes Siemroth aus der Hadebornstraße, ferner ein Junge aus Leimbach und einer aus Mansfeld sowie ein Soldat. Im Jugendheim liegt ein Soldat, er ist am Kopf und an den Füßen verletzt. . . Die Unglücksstelle mußte, da sich viele Neugierige eingefunden hatten, polizeilich abgesperrt werden.“ (mz)