Wilfried Mühlisch

Wo Technik Kunst trifft: Ein Dessauer Tüftler hat sich dem Steampunk verschrieben

Fantastische Maschinen verbinden bei ihm Digitaltechnik und Ästhetik.

Von Danny Gitter 30.04.2022, 14:00
Willfried Mühlisch baut in seiner Freizeit so genannte Steampunk-Objekte, elektronische Geräte. Auf dem  Kreativmarkt in Roßlau, den sein Bruder, der  Maler  Jürg Hundt (l.) mit veranstaltet, wird  Mühlisch seine Objekte zeigen.
Willfried Mühlisch baut in seiner Freizeit so genannte Steampunk-Objekte, elektronische Geräte. Auf dem Kreativmarkt in Roßlau, den sein Bruder, der Maler Jürg Hundt (l.) mit veranstaltet, wird Mühlisch seine Objekte zeigen. (Foto: Thomas Ruttke)

Dessau-Roßlau/MZ - Wer das Arbeitszimmer von Wilfried Mühlisch betritt und sich genauer umschaut, der könnte denken in einer anderen Welt und Zeit gelandet zu sein. Als ob die Romanwelten von Jules Verne und H.G. Wells Realität geworden sind, so präsentiert sich das kleine Reich des 66-Jährigen.

Maschinen mit Kupfermantel und edlen Holzverkleidungen, zum Teil reichlich verziert und verschnörkelt, stehen in den Ecken. Wenn Mühlisch sie anschaltet, leuchten Röhren und Dioden in verschiedenen Farben. Dazu spielt Musik, oder filmische Szenen präsentieren sich hinter einem Glasrund. Es sind ganz besondere Spieluhren und Lichtorgeln, die der Tüftler und Bastler kreiert hat. Er bezeichnet manche seiner Kreationen aber lieber als „Ätherwellen-Detektoren“. Denn das entspricht mehr dem Jargon der Steampunk-Bewegung, der sich der Dessauer zugeneigt fühlt.

Nach und nach tauchte der Dessauer in den Kosmos des Steampunks ein

Steampunk war zunächst eine literarische Strömung, in der die Vergangenheit mit der Zukunft verschmilzt, etwa wenn sich in der viktorianischen Zeit des 19. Jahrhunderts wie selbstverständlich Flugobjekte oder roboterähnliche Maschinen durch die Landschaften bewegen. Nach und nach hat Steampunk immer mehr Lebensbereiche durchdrungen - ob in der Mode oder Kunst.

Über die Mode ist Mühlisch auf diese Bewegung aufmerksam geworden. Bei einem Wave-Gotik-Treffen in Leipzig stieß er auf Menschen, die sich edel, im Stile der Mode des 19. Jahrhunderts präsentierten. Sie waren Vertreter der Steampunk-Bewegung. Er war fasziniert.

Nach und nach tauchte der Dessauer in den Kosmos ein. „Mich interessieren vor allem die technischen und künstlerischen Aspekte“, sagt er. Einst lernte Mühlisch das Feinmechaniker-Handwerk bei Junkalor, dann sattelte er noch ein Elektronik- und Informatikstudium drauf. Zuletzt betreute er vor seinem Ruhestand die IT-Infrastruktur beim Dessauer DRK-Blutspendedienst. In seiner Freizeit traf man ihn auch oft im Technikmuseum „Hugo Junkers“. Unter anderem am Nachbau der F13 und an der Rekonstruktion der J1 tüftelte Mühlisch mit. Doch die Pandemie bremste alles ein. Die Zeit, die er nicht im Museum verbringen konnte, verbrachte Mühlisch zunehmend im eigenen Arbeitszimmer, wo er begann, seine fantastischen Maschinen zu bauen. „Diese Arbeiten sind auch ein schöner Kontrast zu meinem Lebensumfeld“, sagt er.

Nur wenige Gehminuten vom Bauhaus entfernt wohnt der Steampunk-Tüftler und Ruheständler

Nur wenige Gehminuten vom Bauhaus entfernt wohnt der Steampunk-Tüftler und Ruheständler. „Das Bauhaus steht für klare Linien. Die Form ordnet sich der Funktion unter. Steampunk ist verspielt, verschnörkelt und stellt die Ästhetik und Form über die Funktion“, verdeutlicht er den Unterschied.

Mühlisch würde unbemerkt von der Öffentlichkeit in seinem stillen Kämmerlein weiter tüfteln und fantastische Maschinen kreieren, wenn da nicht sein zwei Jahre jüngerer Bruder wäre. Jörg Hundt, freischaffender Maler, der in Roßlau lebt, hat vor einigen Jahren die Kreativmesse auf der Burg Roßlau mitinitiiert. Zweimal im Jahr zeigen dort regionale Künstler ihr Können. Am 7. und 8. Mai ist es wieder soweit. „Diese Kreationen sind zu faszinierend, um sie der Öffentlichkeit vorzuenthalten“, stellt Hundt fest. Deshalb werden die Maschinen seines Bruders im Mai ausgestellt.

„Ich lasse mich auch gerne von mechanischen und maschinellen Dingen inspirieren, sie zu Papier zu bringen“

Was passiert, wenn Technik auf Kunst trifft, hat schon einmal vor ein paar Jahren für Aufsehen bei einer Kreativmesse gesorgt. Eine Art Spirograph hatte Mühlisch präsentiert. Auf einem Blatt Papier hinterließen maschinell gesteuert ineinandergreifende Zahnräder mit verschiedenen Farben künstlerische Muster. „Das beweist, dass auch Maschinen malen und Kunst erschaffen können“, freut sich Mühlisch. Sein Bruder bevorzugt die händische Produktion von Kunst.

„Ich lasse mich auch gerne von mechanischen und maschinellen Dingen inspirieren, sie zu Papier zu bringen“, sagt Hundt. Egal, ob gemalte Kaffeemühlen oder andere Geräte, sie helfen dem Künstler tiefer in die Welt des Bruders einzutauchen, sie nachzuvollziehen und allmählich zu verstehen.