Unglück in Südschwimmhalle

Unglück in Südschwimmhalle Dessau: Tiefe Trauer und offene Fragen bei Eltern eines 22-Jährigen

Dessau - Der Verlust ist nicht beschreibbar. Und wird für die Eltern nie fassbar sein. Vor 13 Tagen haben Simone und Peter P. ihren Sohn verloren. Er verunglückte in der Südschwimmhalle in Dessau und starb drei Tage später im Klinikum. Martin P. wurde nur 22 Jahre ...

Von Lisa Garn 15.03.2018, 07:49

Der Verlust ist nicht beschreibbar. Und wird für die Eltern nie fassbar sein. Vor 13 Tagen haben Simone und Peter P. ihren Sohn verloren. Er verunglückte in der Südschwimmhalle in Dessau und starb drei Tage später im Klinikum. Martin P. wurde nur 22 Jahre alt.

Den vollständigen Namen will das Ehepaar nicht in der Zeitung lesen - zu schwer haben beide mit dem Tod des Sohnes zu kämpfen. Aber auch mit offenen Fragen und schweren Vorwürfen an die Badeaufsicht. Bis heute ist nicht geklärt, wie der junge Mann gestorben ist. In dem Fall ermitteln Polizei und Staatsanwaltschaft.

Martin P. war mit einer Kindergruppe in der Schwimmhalle

„Es ist quälend, dass wir auf vieles keine Antworten bekommen“, sagt der Vater „Uns geht es nicht um Rache, das wäre nicht im Sinne unserer Sohnes. Es geht um Klarheit. Wie konnte so etwas in einem Schwimmbad überhaupt passieren?“

Am 2. März, einem Freitagnachmittag, war der 22-Jährige als einer von zwei Betreuern mit einer Gruppe von sechs Kindern in der Schwimmhalle an der Heidestraße. Er stammt aus Krina im Landkreis Anhalt-Bitterfeld und absolvierte eine Ausbildung zum Pflegeassistenten an der Berufsschule Hugo Junkers in Dessau, wo er seit 2016 lebte. Die Betreuung von sozial benachteiligten Kindern auch bei Schwimmausflügen war Teil eines Praktikums.

Eltern gehen davon aus, dass der Sohn 20 Minuten unter Wasser war

Gegen 15.20 Uhr soll der junge Mann plötzlich unter Wasser gesunken sein. Die Eltern sagen, dass ihr Sohn dort etwa 20 Minuten bewusstlos getrieben haben soll, bevor ein Schwimmmeister Hilfemaßnahmen eingeleitet habe. „Das hat uns die Klinik am Telefon gesagt. Aber auch die Betreuerin, die an diesem Tag mit unserem Sohn und der Gruppe im Schwimmbad war, berichtete das.

Wie kann es sein, dass er erst so spät entdeckt wurde? Warum verging so viel Zeit, bis Hilfe kam?“, fragt der Vater. „Dabei hätte der Bademeister eine Gruppe von Kindern doch besonders aufmerksam im Blick haben müssen. Für mich ist das eine Verletzung der Aufsichtspflicht.“

Vor Ort hatte der Schwimmmeister den 22-Jährigen an die Oberfläche geholt und Wiederbelebungsmaßnahmen eingeleitet. Der Rettungsdienst wurde 15.44 Uhr alarmiert. „Bei unserem Sohn war später der Blutdruck wieder messbar. Er kam in die Klinik. Dort wurde er an Schläuche angeschlossen und beatmet. Ansprechbar war er nicht“, sagt Simone P.

Martin P. stirbt drei Tage nach dem Unglück im Klinikum

Jeden Tag waren seine Eltern im Krankenhaus, auch der 15-jährige Bruder war dabei. Das Bewusstsein erlangte Martin P. nicht wieder. Am 5. März, also Montag drei Tage nach dem Unglück, wurde er für tot erklärt - es wurde ein nicht natürlicher Tod festgestellt.

„Zur Todesursache liegt noch kein endgültiges Gutachten vor“, erklärt Frank Pieper, Sprecher der Staatsanwaltschaft Dessau-Roßlau. „Im Moment gibt es neuropathologische Untersuchungen in der Rechtsmedizin.“ Wie lange diese andauern, sei offen. Bisher wurden Zeugen befragt, darunter die Betreuerin und Kinder der Gruppe sowie Besucher des Bades. Hinweise auf strafrechtlich relevante Tatbestände gab es nicht. „Ob sich aus dem Gutachten weitere Fragen ergeben, wird sich zeigen.“

Staatsanwaltschaft hat noch keine genauen Angaben, wie lange Martin P. unter Wasser war

Von etwa 20 Minuten, in denen Martin P. unter Wasser getrieben haben soll, gebe es keine Kenntnis, sagt Pieper. „Aus den Unterlagen geht diese Zeitspanne nicht hervor. Es gibt nur einen Hinweis, dass ein bisher nicht ermittelter Zeuge gesagt haben soll: ,Der taucht aber lange‘“, so der Sprecher. „Dass er unter Wasser war, steht fest. Aber wie lange, das wissen wir nicht. “ Nach den Wiederbelebungsmaßnahmen sei ein Teil der Vitalfunktionen messbar gewesen.

Pieper verweist auf eine Epilepsieerkrankung des 22-Jährigen. Das wollen die Eltern nicht kommentieren. „Er hätte sofort hochgeholt werden müssen. Es war aber niemand da“, sagt der Vater. „Dabei ist die einzige Aufgabe eines Schwimmmeisters, dass alle Gäste gesund nach Hause kommen. Das bleibt unserem Sohn nun für immer verwehrt.“

Sohn wollte zum Studium nach Merseburg gehen

Die Stadt Dessau-Roßlau äußert sich zum konkreten Geschehen mit Verweis auf laufende Ermittlungen nicht. Nur so viel: An diesem Tag waren ein Kassierer und ein Schwimmmeister in der Halle. Zu dessen Badeaufsicht gehörten auch Kontrollgänge. Vorgaben für einen zeitlichen Turnus dieser Kontrollen gebe es nicht.

Die Eltern hoffen nun auf schnelle Antworten. Martin P. hätte im Juli seine Ausbildung in Dessau beendet. „Er war ein sehr warmherziger und einfühlsamer Junge. Am Wochenende kam er immer nach Hause zu uns. In seinem Leben hatte er sich gerade neu orientiert“, sagt die Mutter. Nach der Ausbildung wollte er ein Sozialpädagogik-Studium an der Hochschule in Merseburg beginnen. „Wir haben am Donnerstagabend dazu telefoniert. Da hat er noch gesagt: ,Wir reden morgen drüber‘.“ (mz)