Rettung für Dessauer Schatz

Rettung für Dessauer Schatz: Junges Paar saniert Villa Kämmerer am Tivoli

Dessau - Junges Paar aus Dessau-Roßlau rettet die Villa Kämmerer am Tivoli vor dem weiteren Verfall.

Von Lisa Garn

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Auch wenn dafür die Vorstellungskraft noch groß sein muss. Sonntagmittag steht Matthias Zinke in der Villa Kämmerer am Tivoli und wird quasi von Besucherfragen überrannt. Es geht um die Zukunft dieses einst glanzvollen Gebäudes auf dem Tivoli in Dessau.

1874 gebaut, bleibt nach Jahren des Leerstands nur eine Ahnung von alter Schönheit. Das Haus ist leer geräumt, Fenster und Türen sind herausgerissen, die Tapete blättert ab, bunt sind nur die Graffiti an den Wänden, draußen verwildert der riesige Garten. Matthias Zinke spornt das aber an: „Es ist ein wundervolles Stück Dessauer Stadtgeschichte, das wir wieder zum Leben erwecken.“

Mehrere Generationen sollen hier unter einem Dach leben

Der 43-Jährige will dort mit seiner Frau Joana ein Lebenswerk schaffen. In der Villa soll ein Mehrgenerationenhaus entstehen, in dem das Ehepaar zusammen mit den Eltern wohnen will. „Und sehr vielen Kindern, die noch kommen sollen.“ Mutig finden das Projekt die Besucher am Tag des offenen Denkmals. „Und es ist sicher auch ziemlich verrückt. Aber es ist Leidenschaft, die dahinter steckt. Wir haben uns in diese Villa und deren Geschichte verliebt“, so Zinke.

Die Finanzierung mit der Bank sei bereits geklärt, nun bereitet das Paar die Bauanträge vor, auch eine denkmalschutzrechtliche Genehmigung ist nötig. Im März kommenden Jahres sollen die Bauarbeiten beginnen. „Man kann so etwas in einem Jahr durchziehen, aber wir haben uns zwei Jahre Zeit gegeben.“

Paar hat Erfahrung mit Sanierung alter Gebäude

Die beiden haben Erfahrungen mit der Sanierung alter Gebäude. Matthias Zinke ist Inhaber und Geschäftsführer der Seniorenresidenz „An den Kienfichten“ im ehemaligen Klubhaus Maxim Gorki, betreutes Wohnen bietet er zudem am Friederikenbad und in der Heideschule an. Zinkes 31-jährige Frau ist Ergotherapeutin und leitet den sozialen Dienst. Diese drei Gebäude sind aufwendig saniert worden.

Wie hoch die Investition in die Villa Kämmerer sein wird, dazu hält sich Zinke bedeckt. Insgesamt aber hat das Haus rund 560 Quadratmeter Wohnraum, davor liegt ein riesiger Garten. „Auch wenn die Räume verfallen wirken, die Bausubstanz ist gut. Da mache ich mir keine Sorgen“, sagt der Hausherr. „Es ist ein so schönes Gebäude, ein kleiner Schatz in Dessau“, bekräftigt seine Frau Joana Zinke.

Ein Schatz für die Kinder und für Dessau

Das Paar ist in Aufbruchstimmung. Auch wenn sie wissen: Es wird nicht einfach. „Das schreckt uns nicht ab. Wir wollen unseren Kindern etwas hinterlassen, wenn wir nicht mehr sind und im Grunde auch der Stadt“, sagt Matthias Zinke. „Es muss solche Leute geben, die so etwas dann einfach machen.“

Die aus Backsteinen gebaute Villa hatte der Dessauer Seifenfabrikant Carl Gustav Kämmerer in Auftrag gegeben, sie wurde auch nach dessen Tod 1888 zunächst von seiner Familie weiter genutzt. Tochter Christiane, verheiratet mit dem Fabrikanten Otto Polysius, erbte später das Haus. Vorübergehend wurde es auch von der Firma Polysius als Bürogebäude genutzt. Das Großlokal „Tivoli“ neben der Villa war Bestandteil des Gebäudekomplexes, es war über Jahrzehnte und bis zur NS-Zeit Veranstaltungsstätte der Dessauer SPD.

1945 wurde die einstige Kämmerer-Villa Landeshygieneinstitut, der Schriftzug ist noch heute von der Straße aus zu lesen. Die Erbengemeinschaft Polysius hatte nach 1989 die Villa an einen Unternehmer verkauft, der das Haus zur Seniorenresidenz umbauen wollte. 2008 brannte der Dachstuhl der Villa, die Polizei ging von Brandstiftung aus.

Kauf der Villa am Tivoli war ein langer Kampf

Für das neue Hausherren-Paar war der Kauf ein langer Kampf, man wurde sich über drei Jahre mit dem Vorbesitzer nicht einig. Im Dezember 2015 schließlich setzten die Beteiligten die Unterschriften unter den Kaufvertrag. Im Juli hatte das Paar geheiratet.

Joana Zinke hat bereits aus unterschiedlichen Quellen einen Großteil der Geschichte des Hauses zusammen getragen. Auch Kontakt zu den Urenkeln des Bauherren hat sie aufgenommen. Christof Kämmerer und Walter Cornelius aus Niedersachsen waren am Sonntag in der Villa, zum ersten Mal. „Ich bin so glücklich, dass das Haus wieder genutzt wird. Und nicht etwa gewerblich, sondern privat. Es ist eine schöne Idee“, sagt Kämmerer. Er hat sich viele Jahre mit dem Haus beschäftigt, auch ein Theaterstück dazu geschrieben. Zum Einzug will er die Original-Kaminuhr mitbringen.

Brunnen und Terrasse sollen nach historischem Vorbild saniert werden

Anhand alter Aufnahmen soll auch die Sanierung geplant werden. Vieles will das Paar wieder so herstellen, wie es einst war - wie beispielsweise den Brunnen im Garten oder auch die Terrasse, die abgetragen worden ist, die Tore zum Grundstück.

Im Erdgeschoss wollen die Hausbesitzer wohnen, ins Obergeschoss ziehen die Eltern. Die Villa Kämmerer, sie wird dann zur Villa Zinke. „Es wird unser Haus, aus dem wir nicht mehr ausziehen werden“, sagt Matthias Zinke. „Wir werden uns und die Stadt nicht enttäuschen.“ (mz)