Kippen und Scherben aufgesammelt

In der Gropiusallee ist dank Peter Schrader eine kleine blühende Oase entstanden

Von Annette Gens
Nicht immer ist Peter Schrader in seinem Atelier und bereitet seine neueste Ausstellung vor (Eröffnung: 28. August). Gemeinsam mit Tochter Paloma entdeckt er das Gärtnern und staunt über die Resonanz von Passanten.
Nicht immer ist Peter Schrader in seinem Atelier und bereitet seine neueste Ausstellung vor (Eröffnung: 28. August). Gemeinsam mit Tochter Paloma entdeckt er das Gärtnern und staunt über die Resonanz von Passanten. (Foto: Thomas Ruttke)

Dessau/MZ - Er hat keine Ahnung von Pflanzen. Doch er kann mitreden, wenn es darum geht, wie und wo Augen am besten ausruhen und nicht wegschauen können. Mit Blicken auf die „Grünfläche“ vor seinem Atelier hat es der Maler Peter Schrader nie geschafft, damit angenehme Gedanken zu verbinden. Die schmale Fläche vor der Dessauer Gropiusallee 81, auf der zwei Linden einer geschützten Allee stehen, sah immer vertrocknet aus. Irgendwann in diesem Frühjahr konnte Schrader nicht mehr wegschauen.

In diesem Jahr hat der Künstler des Ateliers Bauart sich erbarmt: Mehr als 300 Zigarettenkippen fanden sich im vergilbten Rasen vor seiner Haustür. Schrader - selbst passionierter Raucher - hing die Kippen im Beutel unkommentiert an ein Schild. Scherben vom Rasen wanderten in den Müll. Inzwischen ist das schmale grüne „Handtuch“ vor der Galerie Bauart in Reichweite des Kreisels Sieben Säulen ein buntes Versuchsfeld geworden - das zur Freude seines Erschaffers immer mehr zu Gesprächen anregt.

Sonnenblumen - die Lieblingsblume des holländischen Malers Vincent van Gogh - finden sich inzwischen in Schraders Vorgärtchen. Dazu Cosmea, Studentenblumen, Zierkürbis. An der guten alten DDR-Laterne, die mitten im Grün steht, rankt inzwischen eine Rose empor. Unmittelbar daneben hat der Maler zusammen mit seiner elfjährigen Tochter Paloma Winterschachtelhalm gesetzt.

Gespendet wurde letzterer von einer Passantin aus der Saarstraße. Aus der Ebertallee kam der Tipp, die Laternen-Rose fachmännischer zu setzen, damit sie gedeihen kann. Schraders Freund, der Förster Michael Weninger, verpasste den zwei Linden einen Schnitt. Und Vater und Tochter Schrader wetteiferten im Schaufenster des Ateliers, wer die schönsten Wicken in Blumenkästen heranzieht. Die sind zur Verschönerung eines Innenhofes im Dessauer Johannesviertel gedacht.

Kleiner Hinweis an die Stadtpflege - sollte sie kommen.
Kleiner Hinweis an die Stadtpflege - sollte sie kommen.
(Foto: Ruttke)

Häufig wird Peter Schrader auf das bunte Fleckchen vor dem Haus angesprochen. Die meisten streckten ihre Daumen nach oben, erzählt er. Viele zeigen sich erstaunt und fragen: Darf man das? „Natürlich nicht ohne Absprache“, rät der Maler, „sich mit dem Grünflächenmanagement in Verbindung zu setzen.“ Und manche, so erzählt er, träumten - wie er ebenfalls - schon weiter: Nicht auszudenken, würde dieser bunte Anstupser in der Gropiusallee dort eine kleine Blumen-Revolution auslösen. Was wäre, wenn Lavendel blau blüht und herrlich duftet? Oder Buchsbaum die Linden einrahmt. Wenn es bis zum Bauhaus in der Gropiusallee und den stattlichen, aber ungepflegten Lindenbäumen bunt aussieht? „Ich glaube, die Besucher würden sich denken, Dessau ist doch ganz schön“, meint Peter Schrader.

In seinem Versuchsfeld hat der Maler auch Bezug auf die Bauhäusler genommen. Wer genau hinschaut, der findet mitten im Grün einen kleinen, schmalen Weg, der in einem Pfeil in Richtung Bauhaus endet. Bauhäusler Paul Klee philosophierte einst trefflich über die Bedeutung des Pfeils und tatsächlich finden sich etliche Pfeile in seinen Arbeiten. „Ich treffe mit ihm, ohne mich hinzugeben, wo ich gerade stehe, ein Ziel, das ich waffenlos nicht erreichen könnte“, schrieb Klee.

Im Fall Gropiusallee hieße das frei übersetzt: Möge der Lavendel in der Straße blühen und himmlisch duften - mit Impuls aus dem Haus Nummer 81.