Helfer nach Überschwemmungen

Flutkatastrophe im Westen: Die Dessauer Spezialisten vom THW sitzen auf gepackten Sachen

Die THW-Helfer ahnen, welche Arbeiten nach Überschwemmungen in Rheinland-Pfalz und NRW auf die Einsatzkräfte warten.

Von Annette Gens
André Meier und Karsten Hopp: Die beiden Dessauer  sitzen im Ernstfall im Bagger des Technischen Hilfswerks.
André Meier und Karsten Hopp: Die beiden Dessauer sitzen im Ernstfall im Bagger des Technischen Hilfswerks. (Foto: Annette Gens)

Dessau/MZ - Die einen sind in den Westen Deutschlands aufgebrochen, die anderen warten, was werden wird. Das THW Halle ist am Dienstag in Richtung Katastrophengebiet gefahren, um beim Aufräumen an Mosel und Ahr zu helfen. Die Dessauer Spezialisten sitzen auf gepackten Sachen. Sollte ein Einsatzbefehl für den Dessauer Ortsverband ausgesprochen werden, dann sind in jedem Fall André Meier (30) und Karsten Hopp (49) und mit ihnen weitere vier Helfer mit dabei.

Hopp und Meier gehören zum Team, die knifflige Aufgaben lösen können. Beim Technischen Hilfswerk sind der Kfz-Mechaniker Hopp und Meier - stellvertretender Teamleiter Technik in einem Apollensdorfer Chemieunternehmen - Baggerfahrer. In vielen Situationen mussten sie als solche schon oft Nerven beweisen. Denn sie werden geholt, wenn es brennt, wenn etwas einzustürzen droht, wenn die Hilfe beispielsweise für Feuerwehrleute an Einsatzorten zu gefährlich wird und das technische Equipment des THW deshalb ran muss.

In Globig im Landkreis Wittenberg brannte im  Herbst 2020 eine Halle mit Fußbodenbelägen. Auch hier war das THW gefragt.
In Globig im Landkreis Wittenberg brannte im Herbst 2020 eine Halle mit Fußbodenbelägen. Auch hier war das THW gefragt.
(Foto: Jan Krüger)

Jeder Ortsverband des Technischen Hilfswerks hat in Gefahrensituationen spezielle Aufgaben

Wie erst kürzlich am ehemaligen Schlachthof in Rodleben. Das riesige Gebäude stand im Vollbrand. Um an die Glutnester zu gelangen und sie ablöschen zu können, musste die Verkleidung des alten Schlachthofs abgerissen werden. Das war die Arbeit des THW-Baggers. Gesteuert wurde er von André Meier. Die Schwierigkeit war, rund zwölf Meter lange Blechplatten mit dem schweren Gerät zu entfernen. Und das möglichst gefahrlos. „Man macht es nicht gerne, aber es muss sein“, sagt Meier.

Jeder Ortsverband des Technischen Hilfswerks hat in Gefahrensituationen spezielle Aufgaben. Die Dessauer sind Fachleute fürs Sprengen, Räumen, für schwere Bergungen und für Notversorgung. Sie wären demzufolge prädestiniert für Einsätze in Katastrophengebieten, wie das in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Dass der Dessauer Hilfstrupp dennoch ruhig in der Stadt abwartet, hat mit langjährigen Erfahrungswerten zu tun.

„Es nützt nichts, wenn die Einsatzkräfte jetzt alle losfahren“

Es sei eine enorme logistische Leistung, die Hilfe, wie sie in den zerstörten westlichen Kommunen benötigt wird, zu koordinieren, schildern sie. „Es nützt nichts, wenn die Einsatzkräfte jetzt alle losfahren“, erklärte beispielsweise Dessau THW-Chef, Daniel Freyer-Gottschalk. Seinen Erfahrungen zufolge müsse die erste Hilfe mit Kräften der Region gestemmt werden. In diesem gewonnenen Zeitfenster können dann logistische Voraussetzungen für die Helfer aus der Ferne geschaffen werden.

Im Juni 2020 in Plessa südlich vom Spreewald: Das THW half beim Löschen eines Waldbrandes.
Im Juni 2020 in Plessa südlich vom Spreewald: Das THW half beim Löschen eines Waldbrandes.
(Foto: Jan Krüger)

Freyer-Gottschalk, Hopp und Meier sind beeindruckt, in welcher kurzen Zeit beispielsweise auf dem Nürburgring ein Helfer-Dorf entstanden ist. Es ist ein Aufgebot, wie es die Bundesrepublik noch nicht erlebt hat. Der Nürburgring ist inzwischen das zentrale Basislager zur Koordinierung der Einsätze in dem von den Fluten verwüsteten Ahrtal. Bundeswehr, Feuerwehren, Deutsches Rotes Kreuz und Technisches Hilfswerk beteiligten sich am Aufbau.

Nur zwei von 49 Ortsverbänden im Landesverband Berlin, Brandenburg und Sachsen-Anhalt haben ein Bergeräumgerät

Zurück nach Dessau, wo Karsten Hopp und André Meier die Bilder aus dem Katastrophengebiet für sich persönlich auswerten. Ein Kameraschwenk über mehrere zerstörte Häuser genügt Meier, um aus den Bildern zu schlussfolgern, welche enorme Arbeit vor Ort wartet. Es ginge nicht nur ums Aufräumen, sondern auch ums wieder aufbauen. Monate werde dies dauern.

Die beiden Dessauer sind nicht nur erfahren genug, um schwere Technik zu bedienen, sondern sie wissen, worauf es in solchen Situationen ankommt. Dazu zählt Disziplin. Manchmal sei damit auch Warten auf Befehle der Entscheidungsträger verbunden.

Das THW half beim Großbrand am ehemaligen Schlachthof. Abgerissen wurde die Verkleidung des Gebäudes, damit die Feuerwehr löschen konnte.
Das THW half beim Großbrand am ehemaligen Schlachthof. Abgerissen wurde die Verkleidung des Gebäudes, damit die Feuerwehr löschen konnte.
(Foto: Jan Krüger)

Nur zwei von 49 Ortsverbänden im Landesverband Berlin, Brandenburg und Sachsen-Anhalt haben ein Bergeräumgerät. In den Landkreisen hat es sich herumgesprochen, dass die Dessauer über diesen verfügen. Entsprechend wird er angefordert.

Eines hat in all den Jahren beherzigt: „Man sollte Respekt haben vor einer Aufgabe, aber keine Angst.

In diesem Jahr half das THW in Holzweißig bei einem Bungalowbrand und in Eisleben bei einem Brand in einem Autohaus. Die Schwierigkeit war dabei, dass sich auf dem Dach des brennenden eine Photovoltaikanlage befunden hat.

Karsten Hopp ist Gründungsmitglied des THW in Dessau. „Das THW ist für mich wie eine zweite Familie“, sagt er. Und Meier ist als 13-Jähriger durch Zufall zum THW gekommen. Dann wurde er Mitglied der Jugendgruppe. Lange schon ist das her. Eines hat in all den Jahren beherzigt: „Man sollte Respekt haben vor einer Aufgabe, aber keine Angst.“