Eine der ersten Infizierten in Dessau

Eine der ersten Infizierten in Dessau: Krankenschwester kämpft mit heftigen Spätfolgen

Dessau - Die kurze Sequenz für die Nachrichten stammte aus Norditalien, ein Kameraschwenk entlang einer Reihe von Krankenhausbetten. „Hast du das gesehen?“, fragte die Frau ihren Ehemann daheim vor dem Fernseher. „Da lagen zehn Leute auf dem ...

Von Thomas Steinberg
Diana Wendel in ihrer Wohnküche zuhause in Dessau

Die kurze Sequenz für die Nachrichten stammte aus Norditalien, ein Kameraschwenk entlang einer Reihe von Krankenhausbetten. „Hast du das gesehen?“, fragte die Frau ihren Ehemann daheim vor dem Fernseher. „Da lagen zehn Leute auf dem Bauch.“

Niemand musste Diana Wendel erklären, was die Bauchlage bedeutete: Höchste Not, invasive Beatmung, sinkende Chancen, das Krankenhaus lebend zu verlassen. Wendel, 48 Jahre, hat als Krankenschwester selbst auf einer Intensivstation gearbeitet. Bis bei ihr im April das Fieber einsetzte, die Schmerzen kamen und sie getestet wurde. Sie hatte sich mit Sars-Cov-2 infiziert.

Kurz vor Weihnachten sitzt Diana Wendel in der Wohnküche ihres Hauses irgendwo in Dessau. Als sie über eine Bekannte die Anfrage erreichte, ob sie mit einem Journalisten reden würde, beriet sie sich mit Familie und Freunden, bevor sie zusagte.

Bei ihr war es ein Zufallsbefund, der ihr möglicherweise das Leben rettete

Sie ist keine Zeitungsleserin und niemand, den es in die Öffentlichkeit drängt. Doch, wie sie es selbst formuliert, das Bedürfnis, als Betroffene zu sprechen, wog die Bedenken auf. Sie will ihre Geschichte erzählen.

In der Corona-Statistik des Robert Koch-Instituts wird Diana Wendel als genesen geführt. Seit Monaten schon, obwohl sie immer noch unter den Folgen ihrer Covid-19-Erkrankung leidet.

Bei ihr war es ein Zufallsbefund, der ihr möglicherweise das Leben rettete. Die von der Virusinfektion ausgelösten Entzündungen am Herzen zeigen keine spezifischen Symptome. Myokarditis kann das Herz so weit schwächen, dass es schon mit leichtesten körperlichen Tätigkeiten überfordert ist und den Dienst urplötzlich quittiert. Selbst wenn die Entzündungen abgeklungen sind, läuft das Herz im Notbetrieb, erlangt seine alte Leistungsfähigkeit nur über Wochen und Monate wieder. Der Arzt untersagte Diana Wendel jede körperliche Anstrengung.

„Ich weiß nicht, warum so viele Leute das Virus und seine Gefährlichkeit abstreiten“

Als vor über einem Jahr die Meldungen aus China über eine zunächst „unbekannte neue Lungenkrankheit“ auftauchten, später aus anderen Ländern immer höhere Zahlen gemeldet wurden, beschlich Wendel ein flaues Gefühl: „Das schwärmte aus, und es war nur eine Frage der Zeit, bis die ersten Fälle hier auftreten.“ Dass ausgerechnet sie, eine gesunde und fitte Frau, in Dessau unter diesen ersten Fällen sein würde, konnte sie nicht ahnen.

Von ihrer Infektion erfuhr nur der engere Umkreis. Manchmal sah sich ihr Mann genötigt, anderen, die Corona wahlweise für einen großen Bluff, eine Verschwörung der Eliten oder wenigstens für halb so schlimm hielten, zu erklären: „Doch, das gibt es wirklich.“

Ihretwegen, sagt Diana Wendel, sollen die Leute ruhig demonstrieren, die meinen, nicht Corona sei das Problem, sondern „die Politik“. Aber sie wirkt ratlos, wenn sie sagt: „Ich weiß nicht, warum so viele Leute das Virus und seine Gefährlichkeit abstreiten.“ Sie wundert sich, wenn Erwachsene über die Maske als Zumutung klagen, sie gar nicht, oder nicht richtig aufsetzen. „Kinder machen das einfach und tragen tapfer die Maske.“

Infektionen mit Sars-Cov-2 müssen die Gesundheitsämter dem Robert-Koch-Institut melden. Diesen Zahlen liegen also reale Daten zugrunde. Anders verhält es sich bei den Angaben zu den Genesenen.

Die Genesenen-Zahl wird vom RKI nach folgenden statischen Regeln berechnet:

1. Infizierte ohne Krankenhausaufenthalt: Erkrankungsbeginn bzw. Meldedatum + 14 Tage

2. Infizierte mit Krankenhausaufenthalt: Entlassungsdatum + 7 Tage; bei unbekanntem Entlassungstag Meldedatum + 28 Tage

3. Infizierte, bei denen unklar ist, ob sie im Krankenhaus behandelt wurden oder nicht: Erkrankungsbeginn bzw. Meldedatum + 28 Tage.

Das RKI selbst kann momentan keine statischen Aussagen zu Spätfolgen einer Covid-19-Infektion treffen. Auf der RKI-Website heißt es: „Der Algorithmus zur Schätzung der Genesenen berücksichtigt jedoch nicht, ob ggf. Spätfolgen der Erkrankung vorliegen, weil diese Daten nicht regulär im Meldesystem erfasst werden.“

Das bedeutet auch: Wer an den Spätfolgen einer Infektion stirbt, dessen Tod wird mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht in Zusammenhang mit Corona gebracht. Bei den jetzt üblichen Erfassung („mit“ oder „an“) wird ein engerer zeitlicher Bezug zwischen der Covid-19-Erkrankung und dem Tod festgestellt.

In jedem Fall sind die Verstorbenen jedoch positiv auf das Coronavirus getestet worden - im Unterschied zu den 25.100 Todesfällen in der Grippesaison 2017/18. Lediglich bei 1.674 Todesfällen gab es hier einen positiven Laborbefund.

Diana Wender hat gerade einmal 50 Prozent ihrer Leistungsfähigkeit wiedererlangt

Vielleicht ist ein Grund für die manchmal offen zur Schau getragene Ignoranz, die weitgehende Unsichtbarkeit von Corona. „Wer es nicht in der Familie hatte oder im engsten Freundeskreis, für den ist Sars weit weg.“

Im Januar wird Diana Wender wieder arbeiten können. Nur einige Stunden, momentan hat sie gerade 50 Prozent ihrer Leistungsfähigkeit wiedererlangt. Sie sei, sagt sie, optimistisch, irgendwann geheilt zu sein. Allerdings vermag auch die größte Zuversicht nicht, die Unsicherheiten nach einer Myokarditis-Erkrankungen auszuräumen: „Ich weiß nicht, was in fünf Jahren ist oder in zehn.“ (mz)