Dessau bei Nacht

Dessau bei Nacht: Verstärkt die neue Straßenbeleuchtung Schlafstörungen?

Dessau-Roßlau - Dessaus Stadtpflege setzt auf LED-Lampen - und sorgt damit für viele Proteste von Anwohnern. Andere Städte setzten auf andere Beleuchtungsstrategien.

Von Thomas Steinberg

Motten, klagt Sibylle Schroer, Motten haben keine Lobby. Schroer ist wissenschaftliche Koordinatorin am Berliner Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei und untersucht seit Jahren den Einfluss des künstlichen Lichts auf die Fauna.

Sie ist nicht die einzige Forscherin, die zu einem Thema besonders Alarm schlägt: Straßenlaternen saugen Insekten aus benachbarten Biotopen regelrecht auf und leiten nächtliche Vogelschwärme in die Irre. Warum, das weiß niemand genau zu sagen.

Dabei gibt es Hoffnung für die geplagte Tierwelt – und die ruht ausgerechnet auf den hellen LED. „Aber man muss es richtig machen“, sagt Andreas Hänel, Leiter des Osnabrücker Planetariums. Hänel kennt Fotos von der neuen LED-Straßenbeleuchtung in Dessau-Nord. „Da hat man alles falsch gemacht, was falsch zu machen ist“, sagt der Experte. In Dessau-Roßlau sorgen die Lampen mit den neuen LED-Leuchten seit Wochen für viele Diskussionen.

Forscher fordert mehr mehr Dunkelheit in deutschen Städten

Hänel scheint aus der Zeit gefallen. Seit Urzeiten sucht der Mensch nach Wegen, die Nacht zu erhellen. Licht steht für Wohlbefinden, Sicherheit und Wohlstand. Hänel hingegen will - mehr Dunkelheit. Und er ist damit nicht allein. Seit Jahren warnen Astronomen. Biologen und Ärzte vor den Folgen der lichttechnischen Aufrüstung und der „Lichtverschmutzung“.

Der einst akademische Diskurs ist inzwischen in der Öffentlichkeit angekommen. Manche Städte erlassen Richtlinien, mit denen die Ausleuchtung des Nachthimmels verringert werden soll. In den USA haben über 1,7 Millionen New Yorker gerade eine Petition unterschrieben, in denen sie warm-weiße LED-Straßenlampen statt kalt-weißer fordern.

Stadt verteidigt sich: Im weißen Licht lassen sich Farben und Konturen besser erkennen

Mit wenigen Ausnahmen, etwa um das Dessauer Rathaus herum, sind es genau die kalt-weißen LED mit einer Farbtemperatur von 4.000 Kelvin, auf die der zuständige Dessauer Stadtpflegebetrieb setzt.

Klaus Massag, Leiter der Abteilung Straßenbeleuchtung, verteidigt deren Einsatz vehement: In ihrem Licht seien Farben und Konturen viel besser zu erkennen. Das ist auch richtig, gerade der Unterschied zu den orange strahlenden Natriumdampflampen ist frappierend. Denn Licht ist nicht nur mit physikalischen Parametern beizukommen.

Das menschliche Auge kann im Mondlicht zwar keine Farben, sehr wohl aber Konturen unterscheiden – und vermag ebenso mit dem 400.000 Mal helleren Licht eines Sonnentages umzugehen. Die Farbe des Lichts beeinflusst die Stimmung. Licht kann ebenso ermüden wie Schlafstörungen verstärken. Letzteres ist der Fall, wenn es einen hohen Blauanteil enthält. Schon das abendliche Starren auf ein Smartphone reicht aus, die Ausschüttung des Schlafhormons Melatonin zu bremsen.

Weißes LED-Licht kann zu Schlafstörungen führen

4.000-Kelvin-LED sind ideal für Arbeitsräume – aber niemand würde sie freiwillig im Wohn- oder Schlafzimmer installieren. Genau wegen ihres hohen Blauanteils forderte Mitte vorigen Jahres die American Medical Association einen Bann für neutralweiße LED in der Straßenbeleuchtung.

„Weiße LED haben schätzungsweise den fünffachen Einfluss auf den Schlafrhythmus als konventionelle Straßenlampen.“ Matthias Schmidt, Pressesprecher der Stadtwerke Fulda, spricht im Zusammenhang mit 4.000-Kelvin-Beleuchtung gar von einem „Anschlag auf die menschliche Gesundheit“.

Dessau-Roßlau braucht eine offene Diskussion über Licht im öffentlichen Raum

Der Bund fördert nur Energieeinsparung, nicht Lichtqualität

Massag sieht das anders: „Straßenbeleuchtung ist nicht dazu da, die Leute aufs Schlafen einzustimmen.“ Die Auffassung kann man teilen, muss man aber nicht. Sie zeigt vor allem: Öffentlich diskutiert wurde das Thema nicht. Und auch von der Bundespolitik wird es ignoriert: Die Förderrichtlinien des Bundesumweltministeriums stellen allein auf Energieeinsparung ab, andere, weitere Umweltfragen bleiben außen vor.

Dabei böte gerade die LED neue Chancen, die „Lichtverschmutzung“ einzudämmen. Ihr Licht lässt sich viel zielgerichteter steuern, die Farbtemperatur kann stark verändert werden. Ziehen LED schon grundsätzlich weniger Insekten an, als die herkömmliche Straßenbeleuchtung, sind warm-weiße LED – aus noch unbekannten Gründen – für das Nachtgetier weitgehend uninteressant.

Viel Licht geht durch falsch angebrachte Beleuchtung verloren

Doch manche Fehler wurden in Dessau schon vor Jahrzehnten begangen – und sind kaum rückgängig zu machen. In Nord wurden kugelförmige Lampen auf für die Straßenbreiten viel zu hohen Masten montiert. So wird ein Großteil des Lichts nicht auf Fahrbahn und Gehweg, sondern auf Fassaden und in die Nacht geworfen.

Weil aber bläuliches Licht stärker streut als langwelliges – genau deshalb ist der Himmel blau –, wird die Nacht von 4.000-Kelvin-LED stärker aufgehellt als von traditionellen Lampen. Dazu kommt: Weil das menschliche Auge für Licht im kurzwelligen Bereich empfindlicher ist, wirkt das Licht heller. Man könnte also die Beleuchtungsstärke herunterfahren, ohne dass die Straßen sichtbar dunkler werden – auch dank der enormen Anpassungsfähigkeit des Auges.

Manche Städte – Leipzig, Berlin oder jüngst Chemnitz – haben die Bevölkerung gefragt, welche Beleuchtung sie wünschen. Mit konträren Ergebnissen. In Berlin gründete sich eine Initiative zur Rettung der Gaslaterne (von denen es dort noch Tausende gibt). Die Chemnitzer entschieden sich mit 51 Prozent für die 4.000-Kelvin-Lampen. Dort wird man diese auch auf Hauptstraßen einsetzen, in Wohngebieten jedoch die warmweißen Leuchten montieren.

Licht schreckt Einbrecher nicht ab

Ein häufiges Argument für mehr Licht ist höhere Sicherheit. Aber es gibt keine Belege für diesen Zusammenhang – eher dagegen, wie sehr umfangreiche britische Studien zeigen. In der wurden tausende Einbrecher befragt, was sie abhält von einem Einbruch.

Genannt wurden die Anwesenheit der Bewohner, sichere Fenster und Türen, auch Überwachungskameras – kein einziges Mal fiel das Wort Licht. Und wer Polizei- und Gerichtsberichte aufmerksam liest, weiß: Verbrechen werden nicht begangen, weil die Dunkelheit Schutz bietet. Die Oma wird vom Junkie am helllichten Tag überfallen, der junge Kerl kriegt eine aufs Maul, weil er vor der Disco an den falschen Typen geraten ist und nicht, weil es dunkel war.

Dessau-Roßlau braucht eine Diskussion über Licht

All das zeigt: Was Dessau-Roßlau bräuchte, wäre eine Diskussion über Licht: Angefangen von der Farbtemperatur über sinnvolle Leuchten bis hin zu überflüssiger dekorativer Beleuchtung. Dann würde zumindest vielleicht zwei Mal überlegt werden, ob Lichtstelen wie sie am Bauhaus aufgestellt werden, die rundum strahlen, das Auge blenden und den Weg ins Dunkel tauchen.

Und bei den Dessauer Stadtwerken könnte die Erkenntnis reifen, dass ein Kraftwerks-Schornstein keine strahlende Sehenswürdigkeit ist. Und man könnte diskutierten, ob die Ludwigshafener Straße nicht doch wieder Licht verdient. In der Debatte um das LED-Licht in Nord hatten das viele Dessauer gefordert. (mz)