Start mit 60 Flaschen Sekt

Das „Passepartout“ in Dessau ist seit 25 Jahren Anlaufstelle für Künstler und Studenten

Selbst einem Schlosssaal konnten die Geschäftsleute schon zu neuem Glanz verhelfen.

Dessau - Eine ziemliche lange Zeit sei das ja, dachte Michael Schulz, als er und sein Kompagnon Uwe Gelbke den Kreditvertrag unterschrieben. 15 Jahre betrug die Laufzeit. Der Darlehensvertrag ist seit zehn Jahren ausgelaufen.

Und das „Passepartout“, einen Laden für Künstlerbedarf in der Ferdinand-von-Schill-Straße/ Ecke Johannisstraße gibt es immer noch, also auch nach 25 Jahren. Vielleicht auch, weil, wie Schulz es sagt, „wir nicht größenwahnsinnig geworden und bodenständig geblieben sind“.

Inhaber haben anfangs recht blauäugig das Geschäft eröffnet

Dass sie in den Handel mit Pinseln und Bilderrahmen, Cuttermessern und Farbtuben eingestiegen sind, ist eher Zufall. Weder Gelbke noch Schulz fühlen sich zur Kunst berufen. Sie waren beide bei derselben Firma angestellt, kümmerten sich um den Verkauf und besuchten vor 25 Jahren in Köln einen Großhandel für Künstlerbedarf. Das könnte man in klein doch auch in Dessau aufziehen, so die Idee. „Vom Verkauf haben wir schließlich ein bisschen was gewusst.“ Und eine Ertragsvorschau für die Bank konnten sie auch aufstellen.

Trotzdem räumen sie heute ein, seien sie ein bisschen blauäugig rangegangen. Mieteten zunächst einen Laden in Nord an, packten ihn mit Ware voll, machten Werbung. Am Eröffnungstag, einem 1. April, kamen zwei, drei Leute. Gekauft hatten sie 60 Flaschen Sekt. Das Leeren erledigte man in den kommenden Monaten selbst.

Der Ertrag des Dessauer Laden reiche für zwei - selbst mitten in der Corona-Pandemie

Doch nach und nach sprach sich die Existenz des Ladens unter den potentiellen Kunden herum. „Alle, die mal einen Pinsel anfassen“, sagt Gelbke, „schlagen hier irgendwann auf.“ Dazu Architekturstudenten, die für Modelle Leiten und Pappen oder winzige Figuren benötigen, die durch die Entwürfe wandeln. Solches Material zu verkaufen funktionierte auch einmal in einem Magdeburger „Passepartout“-Ableger – bis dort erst der Studiengang und dann das Geschäft geschlossen wurde.

Das Bedauern darüber scheint sich bei beiden in Grenzen zu halten. Der Ertrag des Dessauer Laden reiche für zwei. Selbst mitten in der Corona-Pandemie und angesichts der Einschränkungen vernimmt man beiden nicht die allfälligen Klagen; nur kurz wird angemerkt, dass das Geschäft mit den Architekturstudenten weitgehend weggefallen sei.

Bilderrahmen laufen auch weiterhin gut

Was weiterhin läuft: Bilderrahmen. Die haben Gelbke und Schulz vor ein paar Jahren ins Programm genommen. Im „Passepartout“ schaut vorbei, wer ein Familienfoto ordentlich eingefasst auf die Kommode stellen möchte. Genauso zählen lokale Künstler zu den Kunden.

Der größte Auftrag kam indes aus der Nähe von Lübbenau im Spreewald: Es galt, 70 Grafiken aus dem 17. und 18. Jahrhundert für einen 39 Meter langen und 15 Meter breiten Schlosssaal zu rahmen.

Doch zumeist kommen die Kunden eben aus der Stadt. Es sei ein sehr entspannter Umgang mit ihnen, finden das „Passepartout“-Duo. „Es gibt unter ihnen keine Arschlöcher“, sagt einer der beiden. Etwas, was nicht jeder Unternehmer von seiner Kundschaft zumindest im Gespräch unter vier Augen behaupten kann. (mz/Thomas Steinberg)