Chronologie der Bombennacht in Dessau

Chronologie der Bombennacht in Dessau: "Der Himmel über Dessau brennt"

Dessau-Rosslau - Den ersten Luftangriff auf Dessau gab es am 20. August 1940. Damals wurde der "Münchner Hof" in der Askanischen Straße getroffen. Der 7. März war der 19. Angriff -und der folgenschwerste. Über 1 600 Tonnen Bomben wurden abgeworfen. Zurück blieb ein Flammenmeer. Dessaus Innenstadt wurde im März 1945 zu etwa 84 Prozent zerstört, von kaum einer deutschen Stadt blieb weniger stehen. Dennoch sagt diese Zahl, die nur Baukörper und Fläche berücksichtigt, wenig aus über die tatsächlichen Schäden und ...

Den ersten Luftangriff auf Dessau gab es am 20. August 1940. Damals wurde der "Münchner Hof" in der Askanischen Straße getroffen. Der 7. März war der 19. Angriff -und der folgenschwerste. Über 1 600 Tonnen Bomben wurden abgeworfen. Zurück blieb ein Flammenmeer. Dessaus Innenstadt wurde im März 1945 zu etwa 84 Prozent zerstört, von kaum einer deutschen Stadt blieb weniger stehen. Dennoch sagt diese Zahl, die nur Baukörper und Fläche berücksichtigt, wenig aus über die tatsächlichen Schäden und Verluste.

"Anhalt im Luftkrieg" heißt ein Buch von Olaf Groehler, der die Ereignisse am und um den 7. März 1945 genauestens recherchierte. Es ist 1993 bei der Anhaltischen Verlagsgesellschaft mbH Dessau erschienen und untersucht die Zeit von 1940 bis 1945. Aus dem Buch stammt ein Großteil der Infos zur Chronologie.

Die Chronologie der Ereignisse:


10.40 Uhr: Die Entscheidung, Dessau in der Nacht des 7. März 1945 anzugreifen, fiel in den Morgenstunden. Um 10.40 Uhr läuft bei den Kommandeuren der 1., 3., 6. und 8. Bomber Group der Vorbefehl ein, sich auf einen Nachtangriff auf Dessau vorzubereiten. 25 Minuten später wird der Vorbefehl bestätigt. Die Operation hatte den Namen "Shad". Die Bombardierung Dessaus war schon Monate vorher beschlossene Sache: Am 7. Februar entschieden Bomber Command, US Air Force, SHAEF und das Ministerium für wirtschaftliche Kriegsführung im englischen Whitehall über eine Angriffsliste von 27 Städten. Zehn davon lagen im ostdeutschen Raum. Neben Dessau waren das Berlin, Dresden, Chemnitz, Leipzig, Halle, Plauen, Potsdam, Erfurt und Magdeburg. Für Dessau lautete die Angriffsbegründung: "Mit diesem Angriff sollen die Versorgungslinien des Gegners unterbrochen werden und dazu beigetragen werden, seine Fluchtbewegung aus Berlin zu desorganisieren."

"Der Fliegeralarm unterschied sich zunächst in nichts von den vielen anderen, an die wir uns im Laufe der Jahre gewöhnt hatten. Es muss gegen 21 Uhr gewesen sein, als in meiner Heimatstadt Köthen die Sirenen heulten. Gegen 21.40 Uhr hörten wir die ersten Maschinen. Binnen weniger Minuten war der Himmel von Markierungslichtern übersät, von jenen so schön anzusehenden, aber höchste Gefahr signalisierenden ,Tannenbäumen. Kurz vor 22 Uhr krachen die ersten Bombeneinschläge. Das grelle Licht der Detonationen zuckt über den ganzen Horizont. Der Explosionslärm ist so gewaltig, dass wir glauben, das Bahngelände Köthens und die verbliebenen Industrieanlagen seien Ziel des Angriffs - und nicht das 20 Kilometer entfernte Dessau." Günther Windschild, damals 15 Jahre

12.45 Uhr: Der Bericht eines Wetteraufklärungsflugzeugs liegt vor: Dieser nennt für die Nacht klare Sichtverhältnisse über Dessau als wahrscheinlich. "Die Schichtbewölkung bricht über dem Ziel auf, mit der ausgezeichneten Möglichkeit, dass geringe oder gar keine Wolkendecke über dem Ziel liegt."

526 Bombenflugzeuge rücken aus

14.30 Uhr: Die Besatzungen der Bomber Group werden über das nächtliche Angriffsziel in Kenntnis gesetzt. Zugleich beginnen die Beladung und Betankung der Flugzeuge. Jedes Flugzeug wird für den acht- bis neunstündigen Flug mit 9 788 Liter Treibstoff betankt und die Bombenzuladung bis ins Einzelne geregelt. Für den Start gegen Dessau werden 526 Bombenflugzeuge zusammengezogen, 520 "Lancaster" und sechs "Mosquito". Zwischen 21.45 Uhr und 22.15 Uhr soll der Bombenangriff erfolgen, zeitgleich gegen Dessau, Hamburg-Harburg, Heide und Berlin. Dessau ist das Hauptziel, alle anderen Operationen sollen für maximale Ablenkungseffekte sorgen. Als Zielpunkt war in den britischen Befehlen angegeben: 800 Yards, 093 Grad von SHAD A - der Museumsturm von Dessau.

"Gegen Morgen gingen wir wieder in die noch brennende Stadt. Uns bot sich ein unvergessenes Bild des Grauens. Menschen hockten auf Trümmern oder suchten verzweifelt nach ihren Angehörigen. Tote lagen am Straßenrand. Wir bogen in die Leopoldstraße ein. Von unserem Haus stand nur noch die Fassade, der Keller brannte noch. Jetzt erst sahen wir, dass in der Akazienstraße, Stiftstraße bis hin zur Zerbster Straße fast kein Haus mehr stand." Günther Albrecht, damals 15 Jahre

16.45 Uhr: Bis 17.14 Uhr erheben sich von den ostenglischen Flugplätzen Hunderte von Bombenflugzeugen zu ihrem 1 027. Einsatz. Die für Dessau bestimmten nehmen Kurs auf das westlich von London gelegene Reading, dem Sammelpunkt, um dann in südlicher Richtung den Kanal und dann zwischen Köln und Düsseldorf den Rhein und die Frontlinie zu überfliegen. Kurz zuvor zogen die Bomber auf Höhen von 6 000 bis 7 000 Meter bei einer Marschgeschwindigkeit von 260 Stundenkilometern.

19.45 Uhr: Der Bomberstrom wird zwischen Aachen und Roermond von der deutschen Luftverteidigung erfasst. Die Luftflotte Reich erwartet einen Luftangriff auf das Ruhrgebiet. Nachtjagdfliegergruppen werden zwischen Köln und Düsseldorf zusammengezogen.

,Das ist furchtbar. Der Himmel über Dessau brennt. Dessau ist nicht mehr."

"Das Dröhnen und Schwanken dauerte an, 45 lange, endlose Minuten. Plötzlich wurde die Tür zum Bunker aufgerissen. Eine Frau wankte herein. Aus einem blutverschmierten Notverband sah man nur das Gesicht. Es schien das gleiche zu sein wie die anderen um mich - aschgrau und eingefallen. Doch die Augen waren anders. Dieses unstete Flackern erschreckte nicht nur mich. Die Frau begann zu wimmern: ,Das ist furchtbar. Der Himmel über Dessau brennt. Dessau ist nicht mehr." Hermann Jäger, damals neun Jahre alt

20.21 Uhr: Die Bomber überfliegen das Ruhrgebiet in östlicher Richtung. Jagdflieger werden nach Magdeburg befohlen. Als der Bomberstrom die westlichen Ausläufer des Harzes erreicht, nimmt die deutsche Luftverteidigung an, Berlin ist das Ziel. Zwischen Genthin und Magdeburg biegt der Verband aber scharf nach Süden ab und nimmt Kurs auf Dessau. 16 Kilometer vor dem Ziel erhöhten die über 500 Bomber ihre Geschwindigkeit auf 290 Stundenkilometer, geflogen wird in drei Wellen in Höhen zwischen 4 000 und 7 000 Meter.

21.40 Uhr: Ein Wetteraufklärungsflugzeug kreist über Dessau. Ab 21.44 Uhr reißt jedoch der Funkkontakt ab.
"In sieben Wellen wurde Dessau angeflogen und die Bomber warfen ihre Lasten ab. Zuerst fielen Sprengbomben, dann Stabbrandbomben, dann Luftminen und wieder und wieder Sprengbomben im Wechsel. Es war furchtbar. Wir saßen in der Askanischen Straße mittendrin. Das Haus erbebte in seinen Grundfesten, die Schornsteinschieber flogen durch den Druck der Luftminen heraus, und die Kellerfenster, geschützt durch Betonklötze, wurden frei bei Detonationen. Über 40 Minuten dauerte der Angriff, und unsere Nerven waren am Zerreißen. Nur wer es selbst erlebt hat, kann das verstehen. Man kann es nicht nachempfinden." Anni Druschke, damals 33 Jahre alt

21.49 Uhr: Die ersten sechs schweren Luftminen fallen auf Dessau, abgeworfen von sechs vorausfliegenden "Mosquitos".

21.52 Uhr: Major P. M. Mellor, Masterbomber des Angriffs, befiehlt, das Zielgebiet durch weiße Leuchtbomben aufzuhellen. Im Gegensatz zur Vorhersage liegt Dessau unter einer dichten Wolkendecke. Die Verständigung wird schwieriger: Die Funkanlage des Masterbombers fällt teilweise aus, die Anweisungen werden entweder gar nicht oder nur bruchstückhaft verstanden. Major P. M. Mellor ordnet statt der Bodenmarkierung eine Himmelsmarkierung an. Diese gibt Orientierung.

"Am 6. März um 17 Uhr war unsere Tochter geboren worden. Ich war zur Entbindung im Diakonissen-Haus. Zur Vorsorge waren wir im Keller untergebracht. Eine halbe Stunde vor dem Bombenangriff bekam ich mein Kind in zwei Kopfkissen gepackt. Dann fielen pausenlos Bomben. Ich habe laut geschrien und mein Kind mit nassen Tüchern bedeckt, weil im Keller alles durcheinander flog und große Staubwolken aufwirbelte. Dann mussten wir den Keller verlassen und ich lief mit meinem Kind hinter einer Krankenschwester her, die auch drei Babys im Arm hatte. Als ich den Bunker erreicht hatte, bin ich zusammengebrochen." Irmgard Mädler, damals 26 Jahre

1 693 Tonnen Bomben, davon 744 Tonnen Spreng- und 949 Tonnen Brandbomben

21.53 Uhr: Eine "Lancaster" der 635. Squadron unter Oberleutnant L. J. Melling wirft die ersten Bomben des Bomberstroms (Deckname Platerack) auf Dessau. Die deutsche Nachtjagd- und Flakluftverteidigung ist überaus schwach. Die drei Bomberwellen können trotz fehlender Instruktionen und verwirrend vieler Markierungen nahezu planmäßig manövrieren und das Ziel ohne Risiko mehrfach anfliegen. Über Dessau fallen nach den Unterlagen des Bomber Command in den nächsten Minuten 1 693 Tonnen Bomben, davon 744 Tonnen Spreng- und 949 Tonnen Brandbomben.

22.04 Uhr : Die Wolkendecke reißt auf. Dessau bezahlt das mit dem Preis der fast vollständigen Vernichtung. Im Bericht der 1. Bomber Group heißt es: "Um 22.04 Uhr entstand eine große freie Fläche in der Wolkendecke und die Besatzungen konnten deutlich die Schleife der Elbe und das bebaute Gebiet ausmachen, die grünen und roten Zielmarkierungsbomben wurden brennend in der Nähe des Zielpunktes gesehen. Die ganze Stadt war mit Bränden gemustert. Mehrere große Explosionen wurden beobachtet, besonders eine um 22.11 Uhr, die eine orangefarbenen Schimmer besaß. Ein Flugzeug, das die Stadt wegen eines Navigationsfehlers erst um 22.40 Uhr bombardierte, berichtete, dass drei große Flächenbrände, im östlichen, südlichen und westlichen Teil der Stadt erkennbar waren, die eine schwarze Rauchwolke bis zu 8 000 Fuß Höhe erzeugten." Bis in 180 Kilometer Entfernung war der Feuerschein über der Stadt auszumachen.

"Von weitem konnten wir schon erkennen, dass unser Haus glücklicherweise noch stand. Aber wie sah es aus. Durch eine in der Nähe explodierte Luftmine waren die Fensterrahmen und Türfüllungen nach innen gedrückt. Die Scherben der Fensterscheiben lagen vor dem Haus und in den Wohnungen. In der eigenen Wohnung hingen Reste der zerfetzten Gardinen in den Fensteröffnungen, waren die Möbel durch den Explosionsdruck teilweise umgeworfen oder beschädigt. Die Hausflurwand hatte sich durch den Luftdruck in sich etwas nach innen geneigt. Der Anblick war einfach schlimm." Erika Ellmer, damals 19 Jahre

22.20 Uhr: Die Bombergruppen drehen ab in Richtung Eisenach. Die Geschwindigkeit wird von 290 auf 400 Stundenkilometer erhöht.

1.45 Uhr: Die ersten Flugzeuge landen wieder in England. Dessau ist zu 80 Prozent zerstört.(mz)