Brutal und hemmungslos

Brutal und hemmungslos: Über eine Stunde und im Wechsel an Opfer vergangen

Dessau-Roßlau - Einer der vier Angeklagten hat die gemeinschaftliche schwere Vergewaltigung einer 56-jährigen Frau in Dessau im August vergangenen Jahres nun vor Gericht eingeräumt. Seine eigene unmittelbare Beteiligung bestritt der 19-Jährige jedoch vehement. Ein weiterer beschuldigter 22-Jähriger beteuerte wortreich, dass er infolge ungewohnten Alkoholgenusses sich an nichts erinnern könne. Beiden Tatverdächtigen ist eines gemeinsam: Sie verwickelten sich bei ihrer Vernehmung in Widersprüche, die an ihrer Glaubwürdigkeit zweifeln ...

Von Ralf Böhme 07.03.2018, 08:13

Einer der vier Angeklagten hat die gemeinschaftliche schwere Vergewaltigung einer 56-jährigen Frau in Dessau im August vergangenen Jahres nun vor Gericht eingeräumt. Seine eigene unmittelbare Beteiligung bestritt der 19-Jährige jedoch vehement. Ein weiterer beschuldigter 22-Jähriger beteuerte wortreich, dass er infolge ungewohnten Alkoholgenusses sich an nichts erinnern könne. Beiden Tatverdächtigen ist eines gemeinsam: Sie verwickelten sich bei ihrer Vernehmung in Widersprüche, die an ihrer Glaubwürdigkeit zweifeln lassen.

Erste Gruppenvergewaltigung seit Jahren in Sachsen-Anhalt

Das war die Zwischenbilanz des Prozessauftaktes am Dienstag am Landgericht Dessau-Roßlau, wo noch bis voraussichtlich Mitte April über die erste Gruppenvergewaltigung seit Jahren in Sachsen-Anhalt das Urteil gesprochen werden soll. Dem Verhandlungsplan zufolge werden in der kommenden Woche zunächst noch die beiden übrigen Mitglieder des Eritrea-Quartetts durch die Vorsitzende Richterin Siegrun Baumgarten befragt. Dabei handelt es sich um einen 21-Jährigen und einen weiteren 19-Jährigen, gleichfalls Asylbewerber aus dem afrikanischen Land. Wie aus Ermittlerkreisen zu erfahren gewesen ist, gelten sie als „wenig kooperationswillig“.

Bereits der erste Verhandlungstag vermittelte eine Vorstellung davon, welche Rolle eine Frau für die Angeklagten einnimmt. Der Eindruck, den die Aussagen nahe legten, wirkte auf die Zuschauer im Saal erschütternd. Die beiden befragten Angeklagten legten mit ihren Aussagen und auch mit Weigerungen, sich zu bestimmten Details zu äußern, nahe: Ihnen ging es um Sex und sonst gar nichts. Die Belange ihres Opfers spielten und spielen dabei keine Rolle.

Drei Seiten der Anklageschrift wurden verlesen. Die polizeilichen Ermittlungsergebnisse belegten eine Vielzahl von Vorwürfen, die ein Abbild hemmungsloser Brutalität ergaben. Der Missbrauch wurde demnach durch Handgreiflichkeiten, grobe Kraftanwendung und Bedrohung, das Opfer zu entstellen, gemeinschaftlich erzwungen. Dabei sei ein „gefährliches Werkzeug“ benutzt worden.

Täter sollen sich über eine Stunde und im Wechsel am Opfer vergangen haben

Die Frau, die ihren Lebensunterhalt durch das Sammeln von Pfandflaschen aufzubessern versucht, wurde laut Staatsanwaltschaft erniedrigend entkleidet, über Betonstufen einer Treppe hinter einem ehemaligen Schulhaus im Zentrum der Stadt gezogen und mit einer abgebrochenen Bierflasche verletzt. Die Täter sollen sich dann über eine Stunde und im Wechsel an ihrem Opfer vergangen haben, das durch die Vergewaltigung eine Stichverletzung am Jochbein, Hautabschürfungen und Prellungen sowie einen Schock erlitt und einige Tage lang stationär behandelt werden musste. Die wegen besonders schwerer Vergewaltigung angeklagten Eritreer hinterließen laut Anklage reichlich DNA-Spuren. Kondome benutzten sie bei der Gruppenvergewaltigung in der Nähe des Schlossplatz nicht.

Umso erbärmlicher wirkten auf Prozessbeobachter die Versuche der Angeklagten, ihre Verantwortung klein zu reden. Obwohl ein Video der Tat sicher gestellt werden konnte, beriefen sich die Angeklagten auf Erinnerungslücken. Sultan A. zum Beispiel rechtfertigte sich unter anderem damit: „Ich bin Moslem und vertrage deshalb keinen Alkohol.“ Deshalb könne er nichts zur Sache sagen.

Welches Martyrium die Frau erleiden musste, wurde auch durch Samiel H. lange Zeit verschwiegen. Aus nächster Nähe dabei gewesen, wollte er nicht bezeugen, dass das Opfer durch jeweils zwei Männer festgehalten und der Frau der Mund zugehalten wurde. Er habe das nicht gesehen, sondern telefoniert. Erst auf hartnäckiges Nachhaken der Opfer-Anwältin beendete er sein ewiges „Ich weiß es nicht“. Befragt, wie sich das Opfer verhalten habe, gab er zu: „Sie hat geweint.“ Der Prozess wird am kommenden Dienstag fortgesetzt. (mz)