Arbeit im Studio

Arbeit im Studio: Warum Sabine Graichen aus Dessau froh ist, nicht nur Livemusikerin zu sein

Dessau - Warum Sabine Graichen froh ist, nicht nur Livemusikerin zu sein, und wie sie trotz massiven Einkommenseinbruchs in Corona-Zeiten ihr Leben meistert.

Von Heidi Thiemann

„Tadaaaa...“, jubiliert Sabine Graichen. Die Dessauer Sängerin, die unter ihrem Künstlernamen Binegra bekannt ist, freut sich über den 100.000. Videoaufruf ihres Songs „Geschwister“ auf Youtube. „Das habe ich bei noch keinem anderen Musikvideo geschafft.“

Warum gerade dieser Song? Vielleicht, überlegt sie, weil Leute etwas zum Stichpunkt „Geschwister“ suchen und eben so auf sie und ihren Song stoßen. Anders kann sich die Dessauerin das nicht erklären.

Doch nicht nur dieser Fakt macht Graichen froh in einem Jahr, dass für Künstler sehr schwer ist. Ernüchtert stellt sie fest, dass zwar Banken und Fluggesellschaften gerettet werden, Kultur aber vielfach zum Hobby abgewertet wird, weil sie nicht systemrelevant sei.

„Ich bin sparsam, vielseitig und breit aufgestellt“

„Ich bin dankbar, dass ich nicht nur Livemusikerin bin“, sagt die Dessauerin, weil Corona Kollegen in arge Existenznöte gebracht hat. „Viele Soloselbstständige gehen pleite.“ Auch ihr, gibt die Singer-Songwriterin und Produzentin zu, sind 70 Prozent ihres Einkommens weggebrochen.

Viele Faktoren spielen da hinein. So gab es ab März im Theater keine Premieren mehr, für die sie Videotrailer gemacht hätte. Der Blick hinter die Kulissen des Theaters, sagt sie, war sehr gut. Doch ihr Aushilfsjob in der Ton-/Videoabteilung ist weggefallen, wie manches andere eben auch.

Wie sie dennoch alles meistert? „Ich bin sparsam, vielseitig und breit aufgestellt.“ Das Thema Grundsicherung würde sie nicht angehen wollen. „Ich bin froh über das Stück Freiheit, das ich seit sechs Jahren habe.“ 2014 hatte sie sich selbstständig gemacht.

Die Technik für ihr eigenes Studio hatte sie sich zusammengespart

Doch gibt es keine Existenzangst? „Es gab mentale Tiefs“, gibt Graichen zu. Keine Frage. „Aber ich habe zum Glück keine Kredite am Laufen.“ Die Technik für ihr eigenes Studio hatte sie sich zusammengespart - Rechner, Boxen, Mikro... „Kurz vor Corona war ich komplett eingerichtet“, erzählt sie, dass sie seit März zahlreiche Stunden im Studio verbrachte, um Projekte umzusetzen. Zwei stehen kurz vor dem Abschluss.

Ein Projekt ist ihre neue CD. Nach dem Debütalbum „Emphatie“ (2014) ist es die zweite in Eigenregie entstandene Scheibe. Geschafft hat sie die neue Produktion aber nur dank des Kulturstipendiums „Kultur ans Netz“.

„Ich hatte mich riesig gefreut“, gibt sie zu, dass sie ohne diese Hilfe das Projekt nicht hätte stemmen können. Das Konzept für die Förderung zu schreiben, sei eine Herausforderung gewesen, doch es habe sich gelohnt. „Vielleicht ist das auch ein Fingerzeig für die Zukunft, die Augen offen zu halten nach solchen Förderungen“, sagt sie.

Auch eine weitere CD ist kurz vor der Fertigstellung

Auch eine weitere CD ist kurz vor der Fertigstellung. „Ich hatte mir gewünscht, mal ein Hörspiel zu machen“, erzählt Sabine Graichen. Und dieser Wunsch ist tatsächlich in Erfüllung gegangen. „Trotz Corona“, sagt sie augenzwinkernd, „ist in diesem Jahr nicht alles schlecht.“

Die dritte Folge der Hörspielreihe vom „Wasserwusel“ wurde in ihrem Studio aufgenommen. Das „Wasserwusel“ ist ein modernes Märchen von Stefan Koschitzki nach einer Idee von Petra Herbst und dem mittlerweile verstorbenen Lothar Grewling. Wann genau diese und ihre eigene CD erscheinen, kann sie zwar noch nicht sagen, aber: „Die Vorfreude darauf ist riesig.“

Im Sommer noch hatte Graichen auch Vorfreude auf Dezember. Dann nämlich sollte „Bienenstich“ wieder im Alten Theater stechen. Seit dem vergangenen Jahr gehört die Dessauerin zum Ensemble. Die Vorstellungen wurden abgesagt. „Ich denke, dass wir im nächsten Jahr wieder auf der Bühne stehen können. Wir haben alle große Lust weiterzumachen. Das Kabarett soll nicht auf der Strecke bleiben.“

Ausprobieren, neue Wege gehen, keine Angst vor Veränderungen haben

Auf der Strecke blieb im Frühjahr vorübergehend ihr Unterricht in Gitarre, Gesang und Songwriting. Mittlerweile kann sie wieder unterrichten. „Ich habe eine große Spuckschutzscheibe, so dass Präsenzunterricht möglich ist.“ Aber auch über Skype unterrichtet sie.

Ausprobieren, neue Wege gehen, keine Angst vor Veränderungen haben: „Ich sehe viele Chancen und werde weitermachen“, sagt Graichen, die in ihrem Studio auch von anderen Musikern angefragt ist. Selbst ist sie als Studiosängerin und Sprecherin gefragt. „Ich habe so viele Ideen im Kopf“, will sie sich nicht Bange machen lassen vor der Zukunft. „Es ist wichtig, dass man nicht den Mut verliert.“

Und Mut etwa mache, wenn sie Menschen über Youtube erreichen kann. Weil „Geschwister“ dort so gut nachgefragt ist, hat sie auch eine Karaoke-/Instrumental-Version produziert. (mz)