Schach-Großmeister Kortschnoi

Schach-Großmeister Kortschnoi: Altenpflegerin aus Jeßnitz trifft "Viktor den Schrecklichen"

Wolfen - „Es gibt nur wenige Spiele auf der Welt, die nicht vom Glück abhängen“, sagt Gerhard Köhler. Eines davon ist Schach. Entscheidungen Zug um Zug treffen und zu ihnen stehen, das sei nicht nur ein Spiel, sondern irgendwie auch im wahren Leben eine Tugend, meint der geschäftsführende Gesellschafter der Orwo-Net GmbH Wolfen. Auch Jenny Behrend hat eine Entscheidung getroffen und Schach ihr Leben um eine besondere Bekanntschaft reicher ...

Von Sylvia Czajka

„Es gibt nur wenige Spiele auf der Welt, die nicht vom Glück abhängen“, sagt Gerhard Köhler. Eines davon ist Schach. Entscheidungen Zug um Zug treffen und zu ihnen stehen, das sei nicht nur ein Spiel, sondern irgendwie auch im wahren Leben eine Tugend, meint der geschäftsführende Gesellschafter der Orwo-Net GmbH Wolfen. Auch Jenny Behrend hat eine Entscheidung getroffen und Schach ihr Leben um eine besondere Bekanntschaft reicher gemacht.

Die 23-Jährige hatte noch nie was am Hut mit dem königlichen Spiel. Und doch traf sie auf einen Großmeister am Brett, der in Fachkreisen nur Viktor der Schreckliche genannt wird: Viktor Kortschnoi, 84 Jahre alt, Großmeister, zweifacher Vizeweltmeister, Russe. So schrecklich ist er nicht. Eher nett, zuvorkommend, erzählt Jenny Behrend. Am Schachbrett zäh, kämpferisch, hartnäckig, gefürchtet, weiß Gerhard Köhler.

Engagiert zur Betreuung von Kortschnoi und seine Frau

Das königliche Spiel war es auch, das diese drei Menschen vor kurzem zusammenführte. Denn Köhler, Kortschnois Schachfreund, engagierte Jenny Behrend, die als Altenpflegerin in der Sara-Seniorenresidenz arbeitet, als Betreuerin für Kortschnoi und seine Frau Petra (87). Das Ehepaar hatte Dresden einen Besuch abgestattet und natürlich wurde dort auch Schach gespielt. Die Legenden am Brett wie Wolfgang Uhlmann (80), die Nummer eins im Schach der ehemaligen DDR oder Mark Jewgenjewitsch Taimanow (89), Großmeister und internationaler Pianist, trafen sich in der sächsischen Landeshauptstadt und mittendrin Jenny Behrend. Sie hatte immer ein Auge auf ihren Schützling Kortschnoi, der auf den Rollstuhl angewiesen ist. Wecken, waschen, anziehen, rasieren - Hilfe im Alltag, dafür war sie da. „Mein Job“, sagt sie. Die Verständigung war kein Problem.

Gemeinsam einen Zug voraus - Schach für Kinder, so heißt das Projekt des Vereins „Kinderschach in Deutschland“, dessen Präsident der Wolfener Orwo-Geschäftsführer Gerhard Köhler ist. Es ermögliche unter anderem die Chancengerechtigkeit. Kinder aus benachteiligten Familien würden davon profitieren.

Es gehe um Migration und Inklusion - Schach sei generationsübergreifend. Bei welchem Sport könne schon ein 80-Jähriger mit einem Achtjährigen mithalten?, fragt Köhler. Im Juni übergab der Innenminister Sachsen-Anhalts, Holger Stahlknecht, einen Förderbescheid in Höhe von 77 500 Euro. Im Rahmen des Projektes werden Erzieherinnen aus 100 Kitas mit dem Regelwerk und Methoden der kindgerechten Vermittlung vertraut gemacht.

Mehr Informationen gibt unter www.kinderschach-in-deutsch-land.de

Ein wenig englisch und die Hilfe von Händen und Füßen, „es funktionierte wunderbar“. Natürlich sei sie aufgeregt gewesen, das habe sich aber schnell gelegt. Kort-schnoi werde in die Schachgeschichte eingehen, daran glaubt Jenny Behrend ganz fest und sie habe ihn ein kleines Stück des Weges begleitet. Die Altenpflegerin sei auf ihrer Arbeit ein Teamplayer, bescheiden, offen und freundlich, so bezeichnet sie Sara-Chefin Simone Schmidt-Ramsch. Eigenschaften, die zur Entscheidung führten, Jenny ist die Richtige für Viktor Kortschnoi. Das fand auch Gerhard Köhler.

Der lernte den Großmeister vor etwa drei Jahren über die Emanuel- Lasker-Stiftung kennen. Seitdem sitzen sie sich oft bei einer, zwei, drei, ... Partien Blitzschach gegenüber - ob in der Schweiz, Familie Kortschnoi hat bei Zürich ihren Wohnsitz, oder eben in Deutschland. „Vor 20 Jahren hätte ich gegen ihn wohl keine Chance gehabt“, ist sich Köhler sicher. Er selbst habe im Alter von sechs Jahren begonnen, Schach zu spielen. Seitdem habe ihn das Fieber gepackt. Während der Partien könne man bei Fehlern keinem anderen die Schuld in die Schuhe schieben. Man lerne eben am Brett fürs ganze Leben, zieht Köhler sein ganz privates Fazit.