Leihgebühren für Schulbücher Leihgebühren für Schulbücher: Lehrer zu Bürokraten degradiert
Wittenberg/MZ. - "Der Aufwand ist immens", berichtet Bernd Köhler, Lehrer und Schulbuchbeauftragter am Wittenberger Melanchthon-Gymnasium, und kann nur noch den Kopf schütteln. Drei Blätter bekommt jeder Schüler - am Melanchthon-Gymnasium sind es rund 875 - in diesen Tagen mit nach Hause: Einen Elternbrief, in dem das "Verfahren der Lernmittelkosten-Entlastung" erläutert wird, den Bücherbestell-Zettel für die jeweilige Klassenstufe sowie ein Formular zur Selbstauskunft, wenn die ermäßigte Leistungsgebühr in Anspruch genommen wird. Das Recht, die Angaben nachzuprüfen, haben die Schulen nicht.
Bezahlt werden muss die Gebühr bei Abgabe des Bücherzettels, das läuft in diesen Tagen. Weil, so erklärt Köhler, auf dessen Grundlage die Bestellung der neu anzuschaffenden Schulbücher erfolgt. Das Geld muss bar auf den Tisch gelegt werden. "Kontrolle der Bücherzettel, Kassierung, Quittungen ausstellen - da gehen locker zwei volle Unterrichtsstunden pro Klasse drauf", weiß der Schulbuch-Verantwortliche. Ein Mahnverfahren mit Gebühren für säumige Zahler sieht die Durchführungsbestimmung natürlich auch vor.
Für die Neuanschaffung von Schulbüchern bekommt jede Schule pro Schüler einen Festbetrag von 20 Euro, für die 5. Klassen und die Kursstufen sind es noch zehn Euro mehr. Ein Schulbuch kostet zwischen 16 und 20 Euro, ganz teure, wie zum Beispiel für Biologie, können auch 65 Euro kosten.
"Für die fünften Klassen, die nun wieder neu ans Gymnasium kommen, müssen wir alles neu kaufen", berichtet Köhler. Normalerweise wird für Schulbücher eine jährliche Abschreibung von 25 Prozent gerechnet, das heißt, sie haben nach vier Jahren ausgedient. Aber wie an vielen anderen Schulen sind auch am Melanchthon-Gymnasium viele Bücher schon das achte Jahr in Benutzung und werden auch fürderhin
gebraucht. Die seien in einem solchen Zustand, dass es Köhler eigentlich widerstrebt, dafür drei Euro Leihgebühr zu nehmen. Und die Bürokratie treibt weitere Blüten: Die Schulen sind gehalten, auch Bücher, die für mehrere Klassenstufen gelten, jeweils am Schuljahresende wieder einzusammeln, um sie im nächsten Jahr erneut gegen Leihgebühr auszugeben. "Wir reden über Pisa und Bildung, aber wir verwalten immer mehr", schüttelt Köhler nur noch den Kopf.