Einzelgänger oder Rudel?

Einzelgänger oder Rudel?: MZ-Fotograf sichtet Wolf im Goitzschewald bei Bitterfeld

Bitterfeld - Ist es ein Einzelgänger oder der Vertreter eines neuen Rudels? Fachleute erklären und geben Tipps.

Von Ulf Rostalsky

Wölfe streifen durch den Goitzschewald vor den Toren Bitterfelds. Was bisher kaum mehr als eine Vermutung war, nimmt jetzt deutlich konkretere Formen an. Erstmals ist es einem MZ-Fotografen gelungen, im Goitzschewald einen Wolf zu fotografieren. Das Tier war am helllichten Tag auf den Flächen des BUND unterwegs, trat aus dem Unterholz ins Freie, trabte über die Wiese und verschwand wieder.

„Das ist schon eine besondere Nachricht“, meint Carol Höger, Mitarbeiterin der BUND-Stiftung. Zwar wäre sie wie ihre Kollegen bereits in der Vergangenheit auf Spuren von Wölfen gestoßen - mal seien es Fährten gewesen, dann Losungen. „Aber wirklich beobachtet haben wir hier bisher kein einziges Tier. Auch Rissschäden gab es nicht.“

Für die Umweltfachfrau liegt anhand der eher dürftigen Spurenlage die Vermutung nahe, dass der Wolf im Goitzschewald wohl nicht Teil eines vor den Toren Bitterfelds lebenden Rudels ist. Peter Oestreich vom sachsen-anhaltischen Wolfskompetenzzentrum in Iden teilt die Vermutung. „Es gibt bisher keine Bestätigung für ein in der Goitzsche lebendes Rudel.“ Die gibt es aktuell in der Region nachweislich nur in der Oranienbaumer und der Dübener Heide sowie im Großraum Delitzsch.

Wolfsrudel beanspruchen Reviere, die zwischen 150 und 350 Quadratkilometer groß sind

Doch wie passt das zur Sichtung in der Goitzsche? Wolfsrudel beanspruchen Reviere, die zwischen 150 und 350 Quadratkilometer groß sind. Gut möglich, dass Tiere auf der Suche nach Nahrung auch durch die Goitzsche ziehen. Oder aber der fotografierte „Goitzschewolf“ ist ein klassischer Einzelgänger.

Den Begriff möchte Peter Oestreich nicht verwenden. Vielmehr geht er davon aus, dass es sich beim beobachteten Tier um einen sogenannten Jährling handelt. Das sind Wölfe, die im Vorjahr geboren wurden, mittlerweile fast die Größe erwachsener Tiere haben und nun dem neuen Nachwuchs Platz machen müssen. Sie wandern aus, streifen durch die Gegend und sind bemüht, ein eigenes Rudel zu gründen. Vieles scheint möglich. Übrigens auch die Tatsache, dass das fotografierte Tier vielleicht gar kein Wolf ist. Das ist zwar fast auszuschließen, aber eine Bestätigung könne es erst durch die Auswertung genetischen Materials geben, so die Fachleute.

Was tun, wenn Wanderer in der Goitzsche auf einen Wolf treffen?

Für die steht eine Sache aber fest: „Begegnungen mit Wölfen sind nicht mehr auszuschließen.“ Peter Oestreich will auch nicht mehr gelten lassen, dass die Tiere automatisch die Nähe der Menschen meiden. „Wir haben zum Beispiel Beobachtungen am Elbufer in Magdeburg gehabt.“ Manchmal ist es Zufall, dass der Wolf auf seinen Streifzügen in besiedeltem Gebiet landet. Manchmal auch die Folge des natürlichen Jagdtriebs. „Stellt er Beute nach, schaut er nicht nach rechts und links“, so der Wolfsexperte.

Aber was, wenn Wanderer in der Goitzsche auf einen Wolf treffen? „Dafür müssen erst mal viele Sachen zusammenpassen“, sagt Oestreich. Der Wind müsse so stehen, dass das Tier keine Witterung aufnehmen kann.

„Und dann wird die Überraschung auf beiden Seiten groß sein. Mein Tipp: Groß machen. Dann wird der Wolf den Schwanz einziehen und die Lage sondieren. Dann einfach einen kontrollierten kräftigen Schrei ablassen.“ Sollte der Wolf immer noch nicht verschwinden, nur nicht Reißaus nehmen. „Einen Stock oder Stein suchen und einfach ruhig bleiben.“ Das wäre die Theorie. „Ich habe ja auch noch keinem Wolf direkt in die Augen geblickt.“ (mz)