Nach Hacker-Angriff im Landkreis

Anhalt-Bitterfeld hat Not-Infrastruktur mit 50 Rechnern am Netz - Kfz-Zulassung ab Montag?

Von Frank Czerwonn
Täglich trifft sich der Katastrophenstab und berät die nächsten Schritte. Auch die Amtsleiter der Kreisverwaltung werden einbezogen.
Täglich trifft sich der Katastrophenstab und berät die nächsten Schritte. Auch die Amtsleiter der Kreisverwaltung werden einbezogen. (Fotos: Ute Nicklisch)

Bitterfeld/Köthen/MZ - Die Verwaltung des Landkreises arbeitet mit Hochdruck daran, Stück für Stück zur Normalität zurückzukehren. „Wir haben eine Not-Infrastruktur aus 50 Rechnern aufgebaut. Dadurch kann jedes Amt samt der Außenstellen wieder nach außen kommunizieren“, sagt Landrat Andy Grabner (CDU). Der hatte sich seine ersten Arbeitswochen zwar anders vorgestellt. Doch nun leitet er die tägliche Sitzung des Katastrophenstabes, spricht mit Forensik-Experten von Bundeskriminalamt und Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) und koordiniert die Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit des Landratsamtes.

Gibt es in Sachen Fahrerlaubnis Hilfe aus Halle?

„Die ersten Fachanwendungen funktionieren bereits, darunter die Bereiche Wahlen, Bundeselterngeld, vormundschaftliche Betreuung, Wohngeld, Bafög oder Eingliederungshilfen.“ Fahrerlaubnis-Angelegenheiten sollen in Kürze vorübergehend in Halle wahrgenommen werden. Mitarbeiter der Kreisverwaltung sollen dort die Anliegen der Bürger aus Anhalt-Bitterfeld bearbeiten. Die Stadt Halle prüfe gerade die Umsetzung.

Schnell wieder möglich werden soll die Anmeldung von Kraftfahrzeugen. Davon seien nicht nur Privatpersonen betroffen. „Ich habe Anrufe von Autohäusern, in denen pro Firma 40 bis 60 Fahrzeuge auf die Zulassung warten. Da entsteht wirtschaftlicher Schaden“, sagt Grabner. Wenn alles gut läuft, soll die Kfz-Anmeldung kommenden Montag wieder möglich sein. „Ansonsten im Laufe der Woche.“ Doch warum dauert das so lange?

Das Problem sei, dass man nur Zugang zur Datenbank des Kraftfahrzeugbundesamtes (KBA) habe, aber keinen auf die eigene dezentrale Datenbank. Dort seien aber beispielsweise Tarnkennzeichen sowie verlorene oder entzogene Kennzeichen gespeichert. „Es bestand Gefahr, Nummernschilder doppelt zu vergeben.“ Inzwischen hätten die Spezialisten die Datenbank untersucht und bereinigt. „Wir gehen jetzt davon aus, dass wir 98 Prozent des Kfz-Datenbestands neu einspielen können.“ Danach müsse das KBA die Datenübermittlung wieder freigeben. Um den Stau bei den Anmeldungen schnell abbauen zu können, werde man alle Kräfte mobilisieren und möglichst die Öffnungszeiten ausweiten.

Landrat Andy  Grabner koordiniert den Neuaufbau in der Kreisverwaltung.
Landrat Andy Grabner koordiniert den Neuaufbau in der Kreisverwaltung.
(Foto: Ute Nicklisch)

Das Ziel ist, die digitale Infrastruktur der Kreisverwaltung von Grund auf neu aufzubauen. Durch neueste Sicherheitsmaßnahmen soll ein künftiger Hackerangriff möglichst unmöglich gemacht oder zumindest die Folgen geringer gehalten werden. Grabner rechnet damit, dass der Aufbau noch vier bis sechs Wochen dauern werde. Um die bis dahin liegengebliebene Arbeit aufzuholen, brauche man neben den regulären Aufgaben rund ein halbes Jahr.

Grabner betont, dass man jedoch nicht die gesamte Technik neu anschaffen müsse. Den überwiegenden Teil der vorhandenen Rechner und Drucker könne man wieder nutzen. „Wir müssen sie datenmäßig plattmachen und alle Software neu aufspielen.“ Für die Verwaltung liege der Schwerpunkt jetzt auf der Wiederherstellung der kompletten Arbeitsfähigkeit. Die Arbeit der Forensiker sei zweitrangig. „Der Schaden ist ja da. Es ist nicht entscheidend, ob ich heute oder in drei Monaten weiß, wie genau die Schadsoftware in unser System gelangt ist.“

Hilft die Bundeswehr? Experten waren am Donnerstag vor Ort in Köthen

Um schnell wieder arbeitsfähig zu werden, hatte man ein Hilfeersuchen an die Bundeswehr gestellt. Am Donnerstag informierten sich Mitarbeiter des Cyber- und Informationsraumes der Bundeswehr in der Kreisverwaltung über die Lage. Die Mitarbeiter sollen bei der Herstellung der neuen IT-Struktur helfen und auch den Cyberangriff untersuchen.

„Es macht schon einen Unterschied, ob sich vier Fachleute Gedanken machen oder zwei“, begründet das Grabner. Die Bundeswehr will zeitnah entscheiden. Der Landrat betonte, dass ohne die personelle und finanzielle Hilfe beispielsweise von Finanzministerium und BSI, aber auch der Städte Bitterfeld-Wolfen, Dessau-Roßlau und Halle sowie der Hochschule Anhalt die Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit kaum möglich gewesen wäre.