Historie

Ein Haus im Sturm der Zeit

Baalberger Ehepaar Heike und Michael Schuster gründen Hilfsverein in Polen. Warum dieser Schritt ein Stück Geschichte am Leben erhalten hat.

22.10.2021, 10:00
Heike und Michael Schuster im Salon des Hauses von Gerhart Pohl.
Heike und Michael Schuster im Salon des Hauses von Gerhart Pohl. Fotos: Schuster

Baalberge/MZ - „Und was machen wir jetzt?“, fragte Michael Schuster seine Frau Heike, als das Baalberger Ehepaar nach einem Gespräch mit dem stellvertretenden Bürgermeister der Gemeinde Karpacz im Frühjahr 2015 wieder auf der Straße stand. „Wir gründen einen Verein“, lautete deren Antwort, denn ihr polnischer Gesprächspartner hatte beiden mit auf den Weg gegeben, dass ihr Anliegen sicher nur Gehör finden würde, wenn das zukünftig durch eine Organisation, möglichst mit europäischem Anstrich, repräsentiert werden würde.

Vereinsgründung vor sechs Jahren

So stellten Schusters im Mai 2015 mit Gleichgesinnten aus Polen, Deutschland, Frankreich und den Niederlanden den Verein „Fluchtburg e.V.“ auf die Beine und schafften es, Hand in Hand mit Edwin Pech, dem Pfarrer der Evangelisch-Augsburgischen Kirchengemeinde Wang in Karpacz, das Haus, um dessen Erhalt es ging, zu retten, zu rekonstruieren und einer neuen Nutzung zuzuführen.

Dieses Haus in Karpacz war zwischen 1933 und 1945 für viele Verfolgte der Nazis Ausgangsort für die Flucht nach Tschechien.
Dieses Haus in Karpacz war zwischen 1933 und 1945 für viele Verfolgte der Nazis Ausgangsort für die Flucht nach Tschechien.
Fotos: Schuster

„Das von dem Schriftsteller Gerhart Pohl liebevoll als ,kleines Haus im Sturm der Zeit’ bezeichnete Gebäude war zwischen 1933 und 1945 für viele Verfolgte der Nazis Ausgangsort für die Flucht nach Tschechien. Menschen aller Konfessionen, aller politischen Überzeugungen, Erwachsene und Kinder fanden hier Unterschlupf und Geleit“, sagt Heike Schuster. Und ihr Mann fügt hinzu: „Angehörige des Kreisauer Kreises und der Widerstandsgruppe von Carl Friedrich Goerdeler gingen bei Pohl ein und aus, waren gern gesehene Gäste, auch für längere Zeit.“

Freund von Nobelpreisträger

Ein besonderes Haus also, noch dazu, weil Gerhart Pohl dem Nobelpreisträger Gerhart Hauptmann in dessen letzter Lebensphase als Freund zur Seite stand und dafür sorgte, dass die sterblichen Überreste des Schlesiers 1946 mit dem sogenannten „Hauptmann-Zug“ über Ost-Berlin nach Hiddensee überführt wurden. Die Seele des Hauses und dessen geschichtsträchtige Vergangenheit wollte das Ehepaar Schuster erhalten. Nach sechs Jahren ist aus dem einstigen Traum Realität geworden.

Das rekonstruierte Arbeitszimmer von Gerhart Pohl.
Das rekonstruierte Arbeitszimmer von Gerhart Pohl.
Schuster

„Wir sind Heike und Michael für ihr Engagement sehr dankbar. Mit viel Herzblut organisierten sie über den Verein mehrere Tagungen, betrieben intensiv Öffentlichkeitsarbeit, brachten Bücher in deutscher und polnischer Sprache heraus und warben etliche Spenden für die Sanierung dieses Hauses ein“, meint Pfarrer Edwin Pech. Er freut sich besonders auch über die beiden von Bruno Griesel, einem Maler der Neuen Leipziger Schule, angefertigten Bilder, die Gerhart Pohl und seine Schwägerin Luise zeigen. Letztere bewohnte das Haus bis 2006 und hinterließ es ihrer Kirchengemeinde.

Als Domizil auf Zeit zu mieten

„Luise und Gerhart Pohl führten hier zu allen Zeiten ein offenes Haus. Dem soll auch heute wieder Genüge getan werden. Künstler und künstlerisch, kulturell und geschichtlich Interessierte können das Haus, welches keinen Komfort vermissen lässt, von diesem Jahr an als Domizil auf Zeit mieten“, erläutert Heike Schuster den aktuellen Stand. Immerhin sieben Betten in vier Zimmern stehen zur Verfügung und jeder Gast hat auch die Möglichkeit, die Bibliothek im Arbeitszimmer Gerhart Pohls zu nutzen oder dort zu schreiben. Am Abend kann man dann mit Luise Pohl und ihrem über alles geliebten „Krupnik“, einem Honigschnaps, auf das Gelingen des Projektes am Fuße der Schneekoppe anstoßen, das die beiden Baalberger, Edwin Pech und viele fleißige Helfer und Unterstützer mit viel Einsatz zum Erfolg geführt haben.