Ein ungewöhnlicher Maler

Der Bernburger Willi Gottschalk hätte demnächst seinen 75. Geburtstag gefeiert

Warum seine Werke in über 75 Ausstellungen zu sehen waren.

Von Martin Stolzenau
Der Bernburger Maler Willi Gottschalk wäre in diesem Jahr 75 geworden.
Der Bernburger Maler Willi Gottschalk wäre in diesem Jahr 75 geworden. Foto: Artlantik Galerie Dömnitz

Bernburg/MZ - Heidhof liegt nordwestlich der Kleinstadt Dömitz an der Elbe und ist inzwischen deren Ortsteil im Landkreis Ludwigslust-Parchim (Mecklenburg-Vorpommern). Dömitz besitzt neben der geschichtsträchtigen Festungsanlage in Heidhof auch die „artlantikgalerie“ als Besuchermagnet. Hier wirkte der ungewöhnliche Marinemaler Willi Gottschalk, der unter anderen Umständen am 19. November seinen 75. Geburtstag begangen hätte. Doch eine ausufernde Krebserkrankung beendete schon 2009 sein Künstlerleben.

Der eigenwillige Maler kam erst spät zur Kunst, gilt als Autodidakt und hatte in seiner über 30-jährigen Schaffenszeit rund 75 Ausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen im In-und Ausland. Damit erreichte der Künstler auch über seinen frühen Tod hinaus in der Kunstwelt eine Nachwirkung. Seine Witwe betreut die Pflege des Erbes und auch die „artlantikgalerie“ mit den Bildern Gottschalks.

Der Künstler wurde in Bernburg geboren, besuchte hier die Schule und versuchte sich an- schließend in verschiedenen Tätigkeiten, die ihn allerdings nicht befriedigten. Erst die Beschäftigung mit der Kunst und erste eigene Malversuche brachten ihn nach 1965 auf einen zukunftsträchtigen Weg. Gottschalk erschloss sich Theorie und Praxis der Malerei, unternahm viele Naturstudien und experimentierte mit zahlreichen Techniken und vor allem auch mit der Farbe. Für ihn rückte bald die Marinemalerei in den Mittelpunkt. Er war von der „Dynamik und Energie des Wassers“ fasziniert, erwarb als Autodidakt einen tiefen Einblick in die Anfänge der Marinemalerei in den Niederlanden des 17. Jahrhunderts, studierte in der Folgezeit bei verschiedenen Künstlern und erschloss die damit verbundene Darstellung des Meeres, die Entwicklung des Schiffbaus und der Seekriegsflotten. Bei ihm gediehen die „grenzenlose Weite des Meeres“, die Kleinheit des Menschen daneben und der Wechsel der Gezeiten zu zentralen Themen. Nach ersten Anfangserfolgen absolvierte der Künstlerautodidakt aus Bernburg ein Fernstudium für Malerei und Grafik, das zur Vervollkommnung seiner Bildwelten beitrug.

Willi Gottschalk hatte sich der maritimen Malerei verschrieben.
Willi Gottschalk hatte sich der maritimen Malerei verschrieben.
Foto: Artlantik Galerie Dömnitz

Doch die Kunstpolitik der DDR setzte andere Schwerpunkte, als Gottschalk sie sehen wollte. Das führte zu Konflikten, nach ersten Ausstellungen ab 1975 schließlich zum Ausreiseantrag und noch 1989 zum Wechsel nach Lübeck. Er arbeitete in der Folge als freischaffender Künstler nach seiner Fasson und schuf in schneller Folge ganz persönliche Marine-Bildwelten. Gottschalk erlebte die Grenzöffnung hautnah, blieb aber zunächst auf der Westseite und eröffnete in Grömitz auf der Halbinsel Wagrien an der Lübecker Bucht seine eigene Malerwerkstatt. Es folgten Jahre der künstlerischen Selbsterschließung, der Selbstbehauptung auf dem Kunstmarkt und des Erfolges. Seiner Serie „Gesichter des Meeres“ von 1992 folgten weitere Serien mit Seestücken, die wegen ihrer ungewöhnlichen Bildgestaltung Aufsehen erregten und in Ausstellungen Berücksichtigung fanden.

Gottschalk folgte der Erkenntnis „Pantha rhei“, dass „alles in Fluss“ ist, und verdeutlichte die fortwährenden Veränderungen in der Fluss-, See- und Meereswelt bis zur „philosophischen Abstraktion“. Seine „skandinavischen Impressionen“ verdeutlichten seine eigenständige künstlerische Meisterschaft und sorgten nach Ausstellungserfolgen in Deutschland auch für Beachtung in Dänemark und in den Niederlanden.

Seine Werke haben größtenteils die Grundfarben Grün und Blau.
Seine Werke haben größtenteils die Grundfarben Grün und Blau.
Foto: Artlantik Galerie Dömnitz

Gottschalk hatte seine berufliche Berufung gefunden, fühlte sich in seiner künstlerischen Orientierung bestätigt und wechselte 1998 zielgerichtet ins mecklenburgische Dömitz. Hier an der Elbe, wo ab 1559 im Auftrag des mecklenburgischen Herzogs Johann Albrecht eine pentagonale Festung nach italienischem Vorbild gebaut worden war, die heute als größte erhaltene Flachlandfestung Norddeutschlands gilt, und der Dichter Fritz Reuter das letzte Jahr seiner Festungshaft verbracht hatte, ließ sich Gottschalk auf Dauer nieder. Er erwarb die frühere Schule von Heidhof, machte daraus sein Atelierhaus und setzte die Umsetzung seines zentralen Themas „Wasser und Wasserwelten“ in neuer Umgebung in Acryl sowie Öl erfolgreich fort. Seine Bilder fanden Käufer, wurden von Museen erworben und in Ausstellungen einem wachsenden Publikum bekannt.

Im Jahr 2008 erfreute er viele Kunstfreunde noch auf den Ausstellungen in der Stralsunder Marienkirche und auf der Insel Helgoland. Doch dem Schaffensboom wurden bald Grenzen gesetzt. Gottschalk war an Krebs erkrankt, setzte seine Malerei trotz-dem bis zum bitteren Ende mit großer Energie fort und starb am 1. April 2009 in seinem Künstler-Refugium. Er wurde 62 Jahre alt. Seine Witwe entwickelte das Atelierhaus zur besucherfreundlichen „artlantikgalerie“. Dazu kamen nach seinem Tod weitere Ausstellungsbeteiligungen. Zu einem besonderen Höhepunkt gedieh 2015 zur Kieler Woche die Gottschalk-Schau unter dem Titel „Pantha rhei“.