Thomas Wiesenberg aus Aschersleben

Wie arbeitet ein Kantor ohne seinen Chor?

Der 62-Jährige organisiert das musikalische Leben im Kirchspiel. Doch seit einem Jahr proben weder Chöre noch Bläsergruppen zusammen.

Von Kerstin Beier
Thomas Wiesenberg an einem seiner Lieblingsorte: in der Stephanikirche.
Thomas Wiesenberg an einem seiner Lieblingsorte: in der Stephanikirche. (Foto: Frank Gehrmann)

Aschersleben - Seit mehr als einem Jahr ist Thomas Wiesenberg ein Kantor ohne Kantorei. Und nicht nur das: auch ohne die anderen Chöre und Gruppen, die der 62-Jährige betreut. Normalerweise. Als Kantor im Evangelischen Kirchspiel ist er für das musikalische Leben in der Kirchengemeinde zuständig.

Corona macht es momentan noch immer unmöglich. Seit März 2020 hat die Kantorei nicht mehr geprobt. „Bis dahin gehörte die Bezeichnung Pandemie nicht zu meinem Wortschatz“, blickt der Kirchenmusiker zurück, und er habe es nie für möglich gehalten, dass das Thema uns alle so lange beschäftigt.

Er will nicht klagen, weil er weiß, dass andere größere Einschränkungen haben. Und er könne sich glücklich schätzen, zuweilen Teil von digitalen Angeboten zu sein, die versuchen, den Menschen Zerstreuung in die Wohnzimmer zu bringen. „Ich darf da ja mitmachen, die Kirchenmitglieder hören sich das nur an, und das ist etwas ganz anderes als das persönliche Erleben. Die Menschen und der Raum gehören dazu“, sagt er. Das Plaudern, die Rückkopplung nach einem Auftritt - das alles fehlt.

Er weiß, dass jedem einzelnen seiner Sängerinnen und Sänger die Chorgemeinschaft fehlt. Schon zum zweiten Mal verschieben - nun ins Jahr 2022 - musste er ein großes Chorprojekt. Der „Messias“ - einzustudieren mit den Kantoreien aus Hötensleben und Schönebeck, mit Solisten und Orchester, sollte eigentlich schon 2020 die Feier zum 50-jährigen Bestehen der Kantorei Aschersleben krönen. „Ein solches Projekt kann man immer nur um ganze Jahre verschieben“, sagt der Kantor vor dem Hintergrund der aufwendigen Vorbereitungen.

Das große Chorfest der Evangelischen Landeskirche auf dem Erfurter Petersberg lädt die Gesangsensembles des Landes am 26. Juni ein. Proben dafür finden nur einzeln online statt, „und ich bekomme die Rückmeldungen von den Sängern, dass dies mehr Frust als Lust sei“, so Thomas Wiesenberg.

Ganz fest glaubt er daran, dass das Proben in diesem Jahr wieder möglich wird - Zeitpunkt ungewiss. „Und es ist mir völlig klar, dass das erste Zusammentreffen nach so langer Zeit keine ernsthafte Probe sein kann.“ Es werde wohl eher eine Wiedersehensfeier. Wenn geprobt werden kann, sei in diesem Jahr sicher auch ein Chorkonzert zu Weihnachten wieder möglich.

„Es ist mir völlig klar, dass das erste Zusammentreffen nach so langer Zeit keine ernsthafte Probe sein kann.“

Thomas Wiesenberg, Leiter der Kantorei Aschersleben

Was macht ein Kantor, wenn er musikalisch ausgebremst ist? Däumchendrehen jedenfalls nicht, sagt Thomas Wiesenberg. In monatelanger Arbeit habe er das gesamte Notenarchiv, das sich über mehrere große Schränke verteilt, aufgearbeitet und das Material inventarisiert. „Das sind Noten aus mehr als 50 Jahren“, sagt er.

Die gewonnene Zeit nutzte er außerdem für intensives Üben an Orgel und Klavier, das in den vergangenen Jahren stets zu kurz gekommen sei. „Außerdem habe ich die Gremienarbeit im Kirchenkreis mal geschafft“, sagt er zufrieden. Denn die Gremien tagen meist abends, wenn der Musiker seine Gruppen leitet. In mehr als der Hälfte der Fälle musste er die Termine deshalb absagen.

Besonders intensiv beschäftigt er sich in diesen Wochen mit der Königin der Instrumente, der Orgel, von denen es etwa 150 im Kreis gibt. Die deutschen Landesmusikräte haben die Orgel zum „Instrument des Jahres“ 2021 erhoben, und entsprechend sollte es viele Projekte und Konzerte geben.

Weil Konzerte eher schwierig sind momentan, arbeitet Thomas Wiesenberg gemeinsam mit einem Orgelsachverständigen an einer Broschüre, die einen Teil der Orgeln vorstellt. Auch die Geschichte der großen Röver-Orgel in der Stephanikirche wird in diesen Wochen zum Forschungsobjekt für den Kantor. „Langeweile hab ich keine, aber langsam erlahmt die Motivation“, gibt er zu. (mz)