Porträt

Gemeinsam sind Hanna und Lotte Hippe unschlagbar

Die Zwillinge haben den Stephaneer-Preis in der Kategorie Sprache erhalten. Was die beiden Mädchen nun studieren werden.

Von Detlef Anders
Lotte und Hanna Hippe machen bis nächste Woche ein Praktikum im Klinikum. Ab Oktober studieren die Zwillinge Medizin.
Lotte und Hanna Hippe machen bis nächste Woche ein Praktikum im Klinikum. Ab Oktober studieren die Zwillinge Medizin. Foto: Frank Gehrmann

Aschersleben/MZ - Als Erich Kästner sein Buch über die Zwillinge Lotte und Luise schrieb, hätte er sicher nicht gedacht, dass irgendwann Kinder nach seinen literarischen Heldinnen benannt werden. Fast hätte es ein solches Paar in Aschersleben gegeben – wäre nicht die „Luise“ in der Familie Hippe schon vergeben gewesen. Doch für Lotte und Hanna Hippe ist das Kästner-Buch immer noch eines ihrer Lieblingsbücher.

Die letzten Sommerferien ihrer Schulzeit haben sie nicht mit großen Reisen verbracht. Sie waren stattdessen drei Monate Krankenpflege-Praktikantinnen im Ameos-Klinikum. Ab Oktober werden sie in Leipzig gemeinsam Medizin studieren. Sie wollten etwas mit Menschen machen, erklären die Zwillinge, die zum Schulabschluss den Stephaneer-Preis ihres Gymnasiums in der Kategorie „Sprache“ erhielten.

Kaum auseinander zu halten

Wer Lotte und Hanna Hippe trifft, kann sie nicht auseinanderhalten. Sogar ihre Brillen haben sie zur selben Zeit bekommen. Bis heute haben sie dieselbe Brillenstärke. Dass sie die Lehrer beim Unterricht auseinandergehalten haben, lag nur daran, dass die eine stets rechts und die andere links am Tisch saß. Sie haben das beste Abitur im Stephaneum abgelegt. Die Gesamtpunktzahl ist mit 871 - das entspricht einer Gesamtnote von 1,0 - identisch. In einzelnen Fächern hätten die Punkte schon differiert, sich letztlich aber ausgeglichen. „Allein sind wir gut oder sehr gut“, weiß Hanna Hippe. „Aber zusammen sind wir unschlagbar“, ergänzt ihre Schwester Lotte.

Den Stephaneer-Preis erhielten sie für ihre Erfolge in Latein-Wettbewerben der Franckeschen Stiftungen. Nachdem sie in der 11. Klasse eine Gerichtsrede von Cicero lasen, erarbeiteten sie eine Analyse der Taktik der Verteidigers, der seinen Mandanten entlasten konnte, und verglichen die antike Taktik im Interview mit einem Ascherslebener Rechtsanwalt mit heutigen Methoden.

„Man hat immer einen, der bedingungslos zu einem hält“

Beide sind sehr wissbegierig, fragen oft nach. Wenn sie etwas interessiert, dann lesen sie viel zum Thema. Mitunter sei ihre Art aber auch nicht so gut angekommen, wissen die Zwillinge. „Vielleicht war es Neid, dass wir immer jemanden hatten, während es andere schwerer hatten, allein die Schule zu bewältigen“, überlegen sie. „Man hat immer einen, der bedingungslos zu einem hält“, heben sie hervor. Hanna und Lotte spielen sich die Bälle beim Gespräch zu. Wenn eine Schwester einen Satz beginnt, beendet ihn die andere. „Ein Blick reicht, und man weiß, was der andere denkt.“ Wenn sie Kleidung kaufen wollen, haben sie am Ende dasselbe Stück in der Hand.

Geschichte und Latein sind ihre Lieblingsfächer, bei Mathe schwächeln sie gleich – nur 12 statt 15 Punkten. „Es ist ein Highlight, ein Zwilling zu sein. Man ist nie alleine“, sagen sie. Manchmal machen sie sich auch einen Spaß draus, wenn sie kurz nacheinander aus einem Zimmer kommen und Beobachter dann staunen. Nur die Frage, ob sie Zwillinge wären, die können sie nicht leiden.

Interesse für Medizin wurde geweckt

Beim Praktikum im Klinikum haben sie gemerkt, wie sehr sie sich für die Medizin interessieren. „So eine Begeisterung, wie wir sie für medizinische Aspekte entwickelten, hatte ich schon lange nicht mehr“, sagt Hanna. „Es hat echt gepasst, wir freuen uns auf den 1. Oktober“, ergänzt Lotte. In welche Fachrichtung es irgendwann gehen soll, ist offen. Zuletzt waren sie auf der Geburtshilfe, in dieser Woche schnuppern sie in der Chirurgie Praxisluft. „Die Gefäßchirurgie ist interessant“, denken beide.

Natürlich lesen beide stets gleichzeitig die gleichen Bücher – dank Kindle-Familien-Abo – und können sich beim Lesen gedanklich austauschen. Sie mögen Musik von Ed Sheeran. Wenn eine beim Lernen keine Lust hat, motiviert die andere. Sie ergänzen sich und sind nie auf eine bessere Note der anderen Schwester neidisch. „Ich bin eher traurig, wenn ich eine bessere Note habe als meine Schwester.“ Für gemeinsame Fotos müssen sie sich Notizen machen.

„Wir können uns selbst auf Fotos von vor vier Wochen nicht auseinanderhalten, wenn man nicht weiß, wo man stand.“ Ein Zwilling zu sein, sei nie langweilig. Sie ergänzen sich gut, denken für die andere fertig. Alles wollen sie bis ins kleinste Detail verstehen. Ungern nehmen sie Dinge einfach nur hin. Auch wenn es mal einen Tiefpunkt gab: „Ich kann nicht sagen, dass ich mich jemals allein gefühlt habe. Das ist ganz schön“, sagen sie beide.