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SternenkinderAuf dem Friedhof in Aschersleben nehmen Eltern zum achten Mal Abschied von ihren still geborenen Babys

Warum sich viele Frauen nicht an die Öffentlichkeit trauen.

Von Detlef Anders 12.11.2021, 12:00
In der Kapelle des Friedhofs wurde um  die Sternenkinder des vergangenen Jahres getrauert.
In der Kapelle des Friedhofs wurde um die Sternenkinder des vergangenen Jahres getrauert. Foto: Frank Gehrmann

Aschersleben/MZ - Ein kleiner weißer Sarg steht umgeben von Blumen und flackernden Kerzen in der Kapelle des Ascherslebener Friedhofes, als Anne Bremer, die Pfarrerin des Evangelischen Kirchspiels, nach vorn geht.

Einmal im Jahr sind alle Familien und Angehörige, die das vorzeitige Ende einer Schwangerschaft oder den Tod eines Kindes vor, während oder nach der Geburt betrauern, zu einer Andacht eingeladen. Mitarbeiterinnen der Entbindungsstationen der Ameos Kliniken Aschersleben und Schönebeck wollen den Familien damit Gelegenheit zum gemeinsamen Abschiednehmen geben.

„Es muss eine Antwort gefunden werden auf die Frage, was passiert nach der Pathologie“

„Für die Eltern ist das ganz wichtig. Viele trauen sich nicht an die Öffentlichkeit, aber sie haben hier einen Ort zum Trauern“, weiß Dr. Evelyn Büchner, Oberärztin der Entbindungsstation in Aschersleben. Seit 2013/14 können Eltern von nicht lebensfähigen Frühchen hier einmal im Jahr Abschied nehmen. „Es muss eine Antwort gefunden werden auf die Frage, was passiert nach der Pathologie“, umschreibt es Katrin Herrmann, Leitende Hebamme. Kinder unter 500 Gramm seien nicht bestattungspflichtig. Doch wenn Familien die Hälfte der Schwangerschaft hinter sich haben, und plötzlich stirbt das Baby, dann es der Schmerz riesengroß. „Wir brauchen einen Platz“, sagt Katrin Herrmann, die jedem Besucher einen symbolischen kleinen Stern in die Hand drückt, mit dem der Sternenkinder nach dem Gang zur Bestattungsstelle gedacht werden kann.

Pfarrerin Anne Bremer findet ergreifende Worte für die wenigen Angehörigen. „Das ist grausam, das ist nicht gerecht. Und eigentlich darf so etwas nicht passieren“, weiß sie um die Fragen nach dem „Warum passiert das uns?“ Doch sie hofft, dass sich die Eltern an der Liebe festhalten. Diese Liebe für ihr Kind lasse sie unendlich traurig sein, aber sie entfalte auch eine Kraft, die nicht einfach verschwinde.

„Dieses Jahr sind zum Glück nicht so viele verstorben“

„Da ist nicht nur Schmerz, sind nicht nur Tränen“, weiß sie. „Etwas, was geliebt wird, geht nicht verloren“, betont Anne Bremer, die als Pfarrerin überzeugt ist, dass diese kleinen Sterne leuchten werden. Anne Bremer ist froh, dass so etwas für die Familien gemacht wird und auch durch Spenden unterstützt wird: „Ich bin unheimlich dankbar, dass wir die Kinder auf den Friedhof bringen dürfen.“ Zuvor habe es ja keine Möglichkeit gegeben. Nur in Quedlinburg gab es diese schon früher.

Die Pflege der Grabstätte wird durch Spenden und Kooperationspartner unterstützt, sodass eine Bestattung kostenfrei möglich ist. Alle Eltern, die solch einen Schicksalsschlag verkraften mussten, werden von Ameos zu dieser Feier eingeladen. „Dieses Jahr sind zum Glück nicht so viele verstorben“, hat die Pfarrerin erfahren. Und dass nicht von allen Sternenkindern Angehörige kommen, sei auch nicht ungewöhnlich. Mitunter kommen sie nach der Andacht auf den Friedhof oder erst einige Tage später. Aber sie wissen, wo ihr Sternenkind bestattet ist. „Wenn sie nicht kommen, machen wir es für sie.“