Das große Wiedersehen

Abgänger von 1965 aus Aschersleben treffen sich wieder

Gymnasium Stephaneum 1962 wurde an der EOS neben dem Abi eine Facharbeiterausbildung eingeführt. Die ersten Abgangsklassen fanden dies meist gut.

Von Detlef Anders 25.10.2021, 14:00
Schulabgänger des Jahrgangs 1965 der damaligen EOS, heute Stephaneum, folgten der Einladung von Gisela Ewe (stehend) zum Klassentreffen.
Schulabgänger des Jahrgangs 1965 der damaligen EOS, heute Stephaneum, folgten der Einladung von Gisela Ewe (stehend) zum Klassentreffen. Foto: Detlef Anders

Aschersleben/MZ - Im Sommer 1961 wurde in Berlin die Mauer gebaut. Einige Abiturienten aus Aschersleben verbrachten damals ihre Ferien gemeinsam an der Ostsee. Manche der heute 74- bis 75-Jährigen, wie Gisela Ewe, erinnert sich, dass einige einen Verein „zur Bewahrung der Unschuld der Mädchen“ gegründet hatten.

Lehrer aus der Partei, die nicht aufgepasst hatten, seien deshalb anschließend aus dem Schuldienst geflogen, weiß Gisela Ewe. Wegen Lehrermangel wurden an ihrer Erweiterten Oberschule (EOS), dem heutigen Gymnasium Stephaneum, aus vier Klassen einer Stufe plötzlich nun drei. In ihrer Klassenstufe wurde 1961 aber auch der Unterrichtstag in der Produktion eingeführt und 1962 das „Abitur mit Berufsausbildung“, erklärt Gisela Ewe. 56 Jahre nach dem Schulabschluss 1965 trafen sich 22 Schüler dieser Klassenstufe im Rosencafé, um über alte Zeiten zu erzählen.

Härten und Anlassen von Stahl

Hat ihnen UTP und die zusätzliche Berufsausbildung etwas gebracht? „Wir waren in der Wema, haben Härten, Anlassen und Bohren gelernt. Welcher Schüler kann das heute“, denkt Gisela Ewe über den UTP-Unterricht. „Es war anstrengend neben dem Abitur einen Beruf zu erlernen“, sagt Hilmar Jantke. Zur Auswahl standen in Aschersleben drei Berufsrichtungen. Dreher, Schlosser und Landwirt (Saatzuchtfacharbeiter). Und nicht jeder sah das für seinen Berufswunsch als förderlich an.

„Die Zuordnung war sehr willkürlich. Ich wollte Meteorologie und Wetterkunde studieren“, berichtet Hilmar Jantke. Das habe mit Natur zu tun und das Volksgut Aschersleben habe auch mit Natur zu tun, wurde ihm bei der Berufslenkung erklärt und so wurde Jantke eben Landwirt. „Ich bin bei der Landwirtschaft geblieben, wurde Agrarpädagoge an einer Finanzschule für Landwirtschaft“, berichtet er. Dort habe er sich sehr wohlgefühlt, auch wenn es mit Meteorologie nichts wurde.

Elke Pordojuk studierte nach dem Landwirtschafts-Facharbeiterbrief, wurde Diplom-Landwirtin. „Nie wieder Landwirtschaft“, nahm sich Brigitte Struckl dagegen vor, weil sie auf dem Weg zur Ausbildung oft tote Ferkel liegen sah. Gisela Ewe studierte statt Veterinärmedizin Agrarwissenschaften. „Das hat gepasst.“

Facharbeiter für Maschinenbau und Schlosser wurde Lothar Finke neben dem Abi. Er habe anschließend aber nicht Maschinenbau, sondern Landesverteidigung, Philosophie und Kulturpolitik studiert und an einer Offiziershochschule als Lehrer gearbeitet. Hier, aber auch bei dem Nachwende-Job als Buchhalter und Zuständiger für Reklamationen in einem Flachglaswerk, habe ihm die Schlosserausbildung aber immer wieder geholfen, sagt Finke.

Bewährung in der Produktion

„Die Berufsausbildung war später hilfreich“, sagt auch Wolfgang Bürger, der Facharbeiter für Maschinenbau, sprich Schlosser, neben dem Abi gelernt hatte. Eigentlich hatte er zwar Philosophie und Sprachwissenschaften studiert und dann als Journalist für Tageszeitungen gearbeitet, doch als er an einem Berliner Institut für Politik arbeitete, sei er aus politischen Gründen dort rausgeflogen. Er sei zur Bewährung in die Produktion geschickt worden und habe da nicht als Hilfsarbeiter, sondern aus Facharbeiter angefangen.

Im Bewährungsbetrieb brachte er es zum Direktor für Materialwirtschaft. Dann wechselte Bürger in ein großes Kombinat, das Industrieroboter baute. Lange arbeitete der einstige Jahrgangsbeste der EOS nach der Wende beim Bundesforschungsministerium, ehe er bei einer Beraterfirma anfing und später eine eigene Beraterfirma gründete. Auch mit 74 arbeitet er als Freiberufler noch – für den ADAC. „Es hat nicht geschadet“, sagt er rückblickend zum Berufsabschluss neben dem Abi.

Zum Schulabschluss 1965 entstand das Foto der damaligen Klasse 12b II  auf dem Schulhof der EOS „Thomas Müntzer“ Aschersleben.
Zum Schulabschluss 1965 entstand das Foto der damaligen Klasse 12b II auf dem Schulhof der EOS „Thomas Müntzer“ Aschersleben.
Foto: Archiv Gisela Ewe

Beim Abiturabschluss 1965 hielt Wolfgang Bürger die Dankesrede an den sozialistischen Staat und die Eltern. Beim goldenen Abitur 2015 stand er wieder in der Aula des Stephaneums als Redner vorn. Die Idee sei ja damals gewesen, dass aus den Abiturienten keine abgehobenen Akademiker werden. Sie sollten „eine Verbindung zum arbeitenden Volk“ haben, beschreibt Bürger den Hintergrund der Einführung der Berufsausbildung für Abiturienten.

1968 beendeten in Aschersleben die letzten Abiturienten ihre Berufsausbildung, die zwischen der 8. und 12. Klasse parallel erfolgte. Drei Wochen gingen sie damals an die EOS, in der vierten Woche zwei Tage in die Berufsschule und vier Tage in die Werkstatt, erklärt Bürger. Er lernte im VEB Förderanlagen.

Dann wurde in der DDR-Bildungspolitik auf normales Abi zurückgewechselt und als zweite Möglichkeit die Berufsausbildung mit Abitur angeboten. Einige Lehrer des Abgangsjahrgangs 1965 folgten der Einladung ihrer Schüler auch diesmal gern. Klassenlehrerin Hilde Zimmermann konnte nicht kommen und so unterschrieben ihre Schüler auf einer Grußkarte vom Klassentreffen. Sportlehrerin Gudrun Baum kannte nur die Mädchen einer Klasse. Christina Espig, die eigentlich nicht zu den 65ern gehört, schwärmt noch immer von ihrer Prüfung auf dem Schwebebalken, die die Lehrerin vorgeturnt hatte. „Da war sie mein großes Vorbild.“ Und das eingenommene Baldrian brachte etwas: „Ich habe die 1 gekriegt.“

85-jähriger Physiklehrer dabei

Acht Jahre, von 1961 bis 1969, unterrichtete Max Hofmann Physik und Mathematik an der EOS Aschersleben. Der 85-Jährige kam gern und berichtete, dass er im September schon zum Klassentreffen seiner allersten Klasse war, die er ab 1958 in Cochstedt unterrichtet hatte. Ab 1969 habe er in Berlin promoviert und habilitiert und später in der Wissenschaft gearbeitet. „Ich wäre gern in Aschersleben geblieben, aber als Schulfunktionär hätte ich mich nicht geeignet“, sagt er zur mangelnden Perspektive. Stolz blickt er auf einige seiner Schüler: „Ein Lehrer ist dann gut, wenn seine Schüler besser sind und es weiter bringen, als der Lehrer.“

2025 wird das Stephaneum 700 Jahre alt. Spätestens dann werden sich die Abgänger von 1965 wieder treffen. Sie haben dann ja noch einen Grund zu feiern: das diamantene Abitur.